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5.1.2005 | Von:
Hermann Wentker

Zwischen Abgrenzung und Verflechtung: deutsch-deutsche Geschichte nach 1945

Mit der Wiedervereinigung von 1990 hat sich auch die Perspektive auf die deutsche Nachkriegsgeschichte grundlegend gewandelt. Die deutsche Frage war nicht, wie viele angenommen hatten, durch die Teilung endgültig beantwortet.

Einleitung*

Mit der Wiedervereinigung.[1] von 1990 hat sich auch die Perspektive auf die deutsche Nachkriegsgeschichte grundlegend gewandelt. Denn die deutsche Frage war nicht, wie viele angenommen hatten, durch die Teilung endgültig beantwortet. 1989/90 zeigte sich vielmehr, dass die deutsche Frage in den vergangenen Jahrzehnten nur auf Eis gelegt war. Als das Eis schmolz, gelangte sie wieder ans Licht der Öffentlichkeit. Zwar wurde die Wiedervereinigung erst durch die internationale Politik ermöglicht; doch wäre es wohl bei der Teilung geblieben, hätte die Mehrheit der DDR-Bevölkerung nicht stürmisch nach der Einheit verlangt und wäre die Wiedervereinigung in der westdeutschen Öffentlichkeit nicht "ein latentes Thema geblieben"[2]. Diese Beobachtungen zum Entscheidungsjahr 1989/90 veranlassen Zeithistoriker seither zu einer verstärkten Suche nach den verbindenden Elementen einer seit Beginn des Kalten Krieges prima facie getrennt verlaufenen Entwicklung. Dabei besteht freilich "die Gefahr einer nationalstaatlich ideologisierten gesamtdeutschen Geschichtsinterpretation". Um dies zu vermeiden, ist sowohl das Trennende als auch das Verbindende derdeutsch-deutschen Beziehungsgeschichte nach 1945 zu analysieren. Dabei wäre das "Spannungsverhältnis zwischen der Verflechtung beider Teilstaaten (...) und einer bewußt oder unbewußt betriebenen oder gewünschten Abgrenzung" in den Mittelpunkt zu rücken.[3]




Dieser Ansatz, den Christoph Kleßmann bereits 1993 propagiert hat, wird als "asymmetrisch verflochtene Parallelgeschichte" bezeichnet.[4] Es handelt sich indes um eine nicht ganz zutreffende Zusammenfassung seiner Darlegungen, weil dabei die Tatsache zu kurz kommt, dass das Trennende in der fünfundvierzigjährigen Geschichte der Teilung alles in allem überwog. Alle drei Aspekte der deutsch-deutschen Geschichte nach 1945 - Trennung und Abgrenzung, Parallelitäten, Beziehungen und Verflechtungen - müssen indes in einer Gesamtdarstellung in dem Maße zum Tragen kommen, wie es deren Verlauf auch angemessen ist. Des Weiteren sollte nicht übersehen werden, dass eine solche Perspektive nicht die einzig mögliche auf die deutsche Geschichte in dieser Zeit ist. Daher seien den Darlegungen zum Stand einer Nachkriegsgeschichte, die das geteilte Deutschland mit seinen Gegensätzen und Verbindungen in den Blick nimmt, drei Bemerkungen vorangestellt. 1. Die wissenschaftliche Erforschung der deutschen Zweistaatlichkeit darf nicht unter Verweis auf (tages-)politische Forderungen erfolgen. So ist es unzulässig, einen "neue(n) Anlauf zu einer integrierten Nachkriegsgeschichte" deshalb für notwendig zu erklären, "weil von seinem Gelingen Fortschritte der inneren Einheit sowie Fähigkeiten zur Zusammenarbeit in Europa abhängen". Auch das Verlangen von "Schulen, politische(r) Bildung und Öffentlichkeit (...) nach einer plausiblen Geschichte des eigenen Landes, der erweiterten Bundesrepublik" kann eine wissenschaftliche Rechtfertigung für ein solches Unterfangen nicht ersetzen.[5] Im ersten Fall würde die Geschichte zur Magd der Politik degradiert; im zweiten bliebe ihr lediglich eine Zulieferfunktion für Bildungseinrichtungen. Vorrang gebührt der wissenschaftlichen Erkenntnis, die sich in ihren Fragen zwar von der Gegenwart anregen lässt, die aber ihre Ziele und Methoden autonom bestimmt. Nur dann kann zeitgeschichtliche Forschung ihrer "Servicefunktion" für andere Bereiche, die eher vermittelnd als ermittelnd tätig sind, gerecht werden;[6] nur dann kann Zeitgeschichte Geschichtslegenden "kalt und entschieden (...) entlarven"[7]. 2. Die wissenschaftliche Forschung sollte sich davor hüten, im Lichte der Erfahrungen von 1989/90 in einen neuen Dogmatismus zu verfallen. Die deutsche Nachkriegsgeschichte kann auch weiterhin als Geschichte von zwei Staaten und Gesellschaften erzählt werden, die sich auf getrennten Wegen entwickelten. Diese waren zwar in vielfacher, aber sicher nicht in jeder Hinsicht aufeinander bezogen. Eigenentwicklungen der Bundesrepublik wie der DDR in den Blick zu nehmen ist nicht nur legitim, sondern auch notwendig. Das gilt vor allem für die Zeit nach 1961, als die DDR sich hermetisch abriegelte und die wechselseitigen Einflüsse, vor allem jene in ost-westlicher Richtung, abnahmen. Mit Blick auf die Bundesrepublik ist in diesem Zusammenhang zu Recht hervorgehoben worden, dass ihre Geschichte, anders als die der DDR, 1989/90 eben nicht zu Ende ging.[8] Gewiss steht die "neue" Bundesrepublik vor neuen Problemen und Herausforderungen, die zum Teil aus der Wiedervereinigung resultieren. In ihren Strukturen indes ruht sie auf den Fundamenten, die in der "alten" Bundesrepublik errichtet wurden. Inwieweit diese auch das "neue", wieder vereinigte Deutschland zu tragen vermögen, ist noch eine ungelöste, in unserem Zusammenhang aber nicht interessierende Frage. 3. Neben der deutsch-deutschen Perspektive auf die Nachkriegsgeschichte bieten sich noch weitere Möglichkeiten an, diese Jahrzehnte deutscher Geschichte in übergeordnete Zusammenhänge einzuordnen. Ohne eine Berücksichtigung der internationalen Zusammenhänge bleibt die deutsche Teilung letztlich unverständlich. Bundesrepublik und DDR gehörten der westlichen beziehungsweise östlichen Hemisphäre an, was entsprechend unterschiedliche Auswirkungen auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in beiden Staaten hatte. In engem Zusammenhang damit steht die im Zeichen der Osterweiterung der Europäischen Union viel beschworene europäische Zugangsweise. Dabei wird freilich gern übersehen, dass dieser Ansatz für die Bundesrepublik als eine der Signatarmächte aller westeuropäischen Zusammenschlüsse seit der Montanunion weitaus sinnvoller ist als für die DDR. Neben der politischen und wirtschaftlichen Einordnung der Bundesrepublik in die (west)europäischen Gemeinschaften geht es dabei auch um Fragen, die sich etwa auf gesellschaftliche oder kulturelle Austausch- und Angleichungsprozesse mit Westeuropa beziehen. Eine Geschichte der "Ostintegration" der DDR in den RGW oder in den Warschauer Pakt stellt zwar zweifellos ein Desiderat der Forschung dar. Diese darf indes nicht einfach mit der westeuropäischen Integration parallel gesetzt werden, da sich die Prozesse in Ost und West grundlegend unterschieden. Vorsicht ist auch angebracht, wenn die DDR, deren Signum ihre nicht nur nach Westen gerichtete Abschottung war,[9] nun "zum idealen Forschungsfeld einer vielfältigen histoire croisée internationaler Verflechtungen, Kooperationen und Konkurrenzen"[10] erklärt wird. Jedenfalls ist eine Einordnung der DDR in transnationale Zusammenhänge, die gesellschaftliche Austauschprozesse jenseits von Politik und Wirtschaft betreffen, weitaus schwieriger als im Fall der Bundesrepublik.

* Dieser Aufsatz hat von intensiven Diskussionen mit meinen Kollegen Henrik Bispinck, Dierk Hoffmann, Michael Schwartz, Peter Skyba und Matthias Uhl stark profitiert.


Fußnoten

1.
Der Begriff wird, im Anschluss an Andreas Rödder, Die Bundesrepublik Deutschland 1969-1990, München 2004, S. 152, bewusst gewählt. Denn bei der Vereinigung handelte es sich nicht um einen neuartigen Zusammenschluss, sondern um eine vor dem Hintergrund der deutschen Nationalgeschichte (partielle) Wiederherstellung eines früheren territorialen Zustands. Vgl. auch Klaus Hildebrand, Wiedervereinigung und Staatenwelt. Probleme und Perspektiven der Forschung zur deutschen Einheit, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 52 (2004), S. 201.
2.
So Tilman Mayer, Warum es zur Wiedervereinigungschance kam, in: Karl Eckart/Jens Hacker/Siegfried Mampel (Hrsg.), Wiedervereinigung Deutschlands. Festschrift zum 20jährigen Bestehen der Gesellschaft für Deutschlandforschung, Berlin 1998, S. 233.
3.
Christoph Kleßmann, Verflechtung und Abgrenzung. Aspekte der geteilten und zusammengehörigen deutschen Nachkriegsgeschichte, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), B 29 - 30/1993, S. 30.
4.
Dieser Begriff lässt sich nicht in dem Aufsatz Kleßmanns finden; m.E. wurde er erstmals im Vorwort der Herausgeber zu Christoph Kleßmann/Hans Misselwitz/Günter Wichert (Hrsg.), Deutsche Vergangenheiten - eine gemeinsame Herausforderung. Der schwierige Umgang mit der Nachkriegsgeschichte, Berlin 1999, S. 12, verwandt. Was damit gemeint ist, erläutern die Herausgeber in der Einleitung zu: Arnd Bauerkämper/Martin Sabrow/Bernd Stöver (Hrsg.), Doppelte Zeitgeschichte. Deutsch-deutsche Beziehungen 1945 - 1990, Bonn 1998, S. 9 - 16.
5.
So aber Konrad H. Jarausch, "Die Teile als Ganzes erkennen". Zur Integration der beiden deutschen Nachkriegsgeschichten, in: Zeithistorische Forschungen, 1 (2004), S. 28f.
6.
Vgl. Hans Günter Hockerts, Zugänge zur Zeitgeschichte: Primärerfahrung, Erinnerungskultur, Geschichtswissenschaft, in: Konrad H. Jarausch/Martin Sabrow (Hrsg.), Verletztes Gedächtnis. Erinnerungskultur und Zeitgeschichte im Konflikt, Frankfurt/M.-New York 2002, S. 72.
7.
Hans-Peter Schwarz, Warum eine Festschrift? Einführende Überlegungen des Beiratsvorsitzenden, in: Horst Möller/Udo Wengst (Hrsg.), 50 Jahre Zeitgeschichte. Eine Bilanz, München 1999, S. XXI.
8.
So Axel Schildt, Überlegungen zur Historisierung der Bundesrepublik, in: K. H. Jarausch/M. Sabrow (Anm. 6), S. 254f., 259.
9.
Auch die "Freundschaftsgrenze" zu Polen war trotz des Görlitzer Grenzanerkennungsvertrags vom 6. Juli 1950 für Normalbürger nur schwer zu überwinden. Erst zum 1. Januar 1972 führte die DDR nach entsprechenden vertraglichen Vereinbarungen den pass- und visafreien Reiseverkehr mit Polen und der Tschechoslowakei ein; im Fall Polens wurde dies am 30. Oktober 1980, im Fall der CSSR am 12. Oktober 1989 rückgängig gemacht.
10.
So Thomas Lindenberger/Martin Sabrow, Zwischen Verinselung und Europäisierung: Die Zukunft der DDR-Geschichte, in: Deutschland Archiv, 37 (2004), S. 126f.