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Zeitgeschichte in Europa - oder europäische Zeitgeschichte?


5.1.2005
Eine Europäische Zeitgeschichte steckt noch in den Anfängen. Das bildet zugleich Reiz und Herausforderung wie methodische Erschwernis und Last.

Einleitung



Was Zeitgeschichte sein kann, stellt einen alten Streit dar. Bereits im Ersten Weltkrieg wurde von dem späteren Kölner Historiker Justus Hashagen ein recht zeitbezogener Begriff entwickelt,[1] der nahtlos auf die deutsche Apologie einer "Kriegsunschuld" im "Kampf gegen Versailles" angewandt werden konnte: Sie kam aus der Zeitzeugenschaft und wollte nationalpädagogisch eine bestimmte Sicht der Dinge "beweisen". Sucht man dagegen nach inhaltlichen Zäsuren, dann sollte man sich mit dem Plädoyer von Margit Szöllösi-Janze auseinander setzen, die mit dem Begriff der Wissensgesellschaft eine Schlüsselkategorie ausdifferenziert.[2] Sie datiert den Beginn der Zeitgeschichte bereits um 1880 und vermag in diesem Rahmen nachfolgende weitere Zäsuren zu setzen. Zeitbezogener Ansatz oder epochenprägende Entwicklung lautet also die aufgeworfene Alternative, die Hans Rothfels programmatisch im Jahr 1953 zur (Neu-)Begründung der Zeitgeschichte beantwortete:[3] Beides treffe zu, wenn man mit dem Jahr 1917 beginne. Sie sei die Epoche der Mitlebenden und eine historische Zäsur mit dem Eintritt der USA in den Weltkrieg und der bolschewistischen Revolution.






Zeitgeschichte im ersten Sinn ist in jeder Gesellschaft und vor jeder Wissenschaft da. Geschichte wird berichtet, ist ein Teil des kommunikativen Gedächtnisses, das wissenschaftlicher Korrektur nur schwer zugänglich ist, aber gerade daher eine besondere Herausforderung für die Geschichtswissenschaft bildet. Darüber hinaus gibt es positiv gesehen die Chance der Zeitzeugenbefragung, negativ die Schwierigkeit der Sperrfristen von Akten in Archiven. Das sollte nach wie vor ein wichtiges Kriterium für Zeitgeschichte bilden. Schon daher kann der Epocheneinschnitt gut 50 Jahre nach Rothfels' Ausführungen nicht mehr 1917 sein, sondern sollte in der politischen Geschichte, die auf alle Bereiche des menschlichen Lebens ausstrahlt, eher auf 1945 mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs samt seinem besonderen Charakter als Vernichtungskrieg bzw. auf 1989/90 mit dem Ende kommunistischer Herrschaft gelegt werden. Das gilt für Europa, aber auch für weite Teile der übrigen Welt. Beide Daten bilden relative Konstruktionen, die ihren Sinn haben. Man kann also nach meinem Vorschlag die ältere Zeitgeschichte nach Rothfels zu den Akten legen und mit Hans-Peter Schwarz neben der neueren auch eine "neueste Zeitgeschichte" unterscheiden.[4] Zeitgeschichte wird so zu einer rollierenden Form der Annäherung, die immer wieder neu zu bestimmen ist.

Was hier für die deutsche Zeitgeschichte aufgeführt ist, gilt natürlich auch im größeren Rahmen. Schon Rothfels argumentierte welthistorisch. Heute wäre man mit inhaltlichen Kriterien wohl vorsichtiger. Bedeutet europäische Zeitgeschichte nicht dasselbe wie deutsche Zeitgeschichte, nur im größeren Rahmen? Otto von Bismarck reagierte allergisch, wenn von Europa statt von nationalen Interessen die Rede war, aber auch in jüngster Zeit titelte etwa brillant Timothy Garton Ash "Im Namen Europas", als er die bundesdeutsche Heuchelei europäischer Argumentationsmuster anstelle offener deutscher Interessenbenennung zu entlarven trachtete.[5]

In der Gegenwart ist Europa in aller Munde, da doch 2004 die Osterweiterung auf 25 Staaten vollzogen worden ist, wobei gelegentlich die Bezugsgrößen durcheinander geraten; mal heißt es - korrekt - Osterweiterung der EU, mal aber auch - fälschlich - Europas. Gerade in ehemaligen "Oststaaten" ist seit den achtziger Jahren häufig von einer "Rückkehr nach Europa" die Rede gewesen - in welches Europa, und: War "Osteuropa" nicht auch immer Europa? Je enger die Staaten Europas zur europäischen Integrationsorganisation gehören, desto eher hört die genannte Unterscheidung auf - aber "Zeitgeschichte" bestimmt sie allemal.



Fußnoten

1.
Vgl. für eine frühere Version ähnlicher Argumente: Jost Dülffer, Europäische Zeitgeschichte. Narrative und historiographische Perspektiven, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 1 (2004) 1, www.zeithistorische- forschungen.de/16126041-Duelffer-1 - 2004; vgl. auch Justus Hashagen, Das Studium der Zeitgeschichte, Bonn 1915; zum Kontext: Klaus Große Kracht, Kriegsschuldfrage und zeithistorische Forschung in Deutschland. Historiographische Nachwirkungen des Ersten Weltkrieges, in: Zeitgeschichte-online, Mai 2004, www.zeitgeschichte-online.de/md=EWK-Gkracht. Für anregende Kritik danke ich Simone Derix.
2.
Vgl. Margit Szöllösi-Janze, Wissensgesellschaft in Deutschland. Überlegungen zur Neubestimmung der deutschen Zeitgeschichte über Verwissenschaftlichungsprozesse, in: Geschichte und Gesellschaft, 30 (2004), S. 277 - 313; dies., Wissensgesellschaft - ein neues Konzept zur Erschließung der deutsch-deutschen Zeitgeschichte, in: Hans Günter Hockerts (Hrsg.), Koordinaten deutscher Geschichte in der Epoche des Ost-West-Konfliktes, München 2004, S. 277 - 305.
3.
Vgl. Hans Rothfels, Was ist Zeitgeschichte?, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (VfZG), 1 (1953), S. 1ff.
4.
Vgl. Hans-Peter Schwarz, Die neueste Zeitgeschichte, in: VfZG, 51 (2003), S. 5 - 28.
5.
Timothy Garton Ash, Im Namen Europas. Deutschland und der geteilte Kontinent, München-Wien 1993. Die Umkehrung im Titel und inhaltlich: Franz Fischer, "Im deutschen Interesse". Die Ostpolitik der SPD von 1969 - 1989, Husum 2001.