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5.1.2005 | Von:
Stefan Plaggenborg

Sowjetische Geschichte nach Stalin

Für eine europäische Perspektive der Zeitgeschichte ist ein Aspekt sinnvoll: Vereinfachungen der sowjetischen Geschichte aufzulösen, indem der Wandel des Systems nach Stalin diskutiert wird.

Einleitung

Stellt man sich, alle politischen Überlegungen beiseite lassend, vor, nicht die Türkei solle der Europäischen Union beitreten, sondern Russland - welche Debatten würden dann hinsichtlich der historischen Traditionen dieses Landes, seiner Fremdheit in Europa und seiner gescheiterten Modernisierung im Projekt des Sozialismus geführt werden? Sicher würde angemerkt werden, Russland liege geographisch größtenteils in Asien, und überhaupt sei es in Politik, Kultur und Zivilisation weitgehend "uneuropäisch". Russland, so hören wir schon die Worte eines Deutschland-Historikers, habe moderne Entwicklungen wie den Parlamentarismus und den Sozialstaat nicht mit vollzogen. Man wird zugestehen, es habe Modernisierung gegeben, aber wie barbarisch habe Stalin sie durchgepeitscht. Gewiss, Erfolge seien eingetreten, aber das Land sei nicht modern genug, nicht zivilisiert genug, es habe nicht genug Vergangenheitsbewältigung betrieben - wobei "genug" heißt: im Vergleich zu "uns". Würden die Deutschen in einer Volksbefragung lieber die Türkei oder lieber Russland in die EU aufnehmen wollen? Oder beide nicht?




Die unter dem Gesichtspunkt einer historischen Selbstvergewisserung Europas notwendige Auseinandersetzung mit der Geschichte Osteuropas stellt die Frage, welchen Beitrag diese für ein Verständnis des 20. Jahrhunderts leisten kann. Die Zeitgeschichte steht vor der Aufgabe der historiographischen Bewältigung des von Eric Hobsbawm so genannten "kurzen" Jahrhunderts,[1] das so lange dauerte wie die Sowjetunion. Die europäische und globale Verflechtung in diesem Zeitraum ist unübersehbar. Auf die Entnationalisierung der Geschichte reagiert die Geschichtswissenschaft naturgemäß mit Verzögerung.

Aber sie reagiert. Es scheint jedoch, dass der Blick aufs Globale so manche historiographische Brache im europäischen Kontext übersieht. Es gibt zwar Vorschläge, wie wir das 20. Jahrhundert zusammen denken können,[2] aber zu einer in der Geschichtswissenschaft theoretisch und methodisch begründeten konzeptionellen Neufassung der Geschichte Europas unter Einschluss des Ostens, d.h. nicht nur der ostmitteleuropäischen Mitgliedsländer der EU, sondern auch Russlands und der anderen europäischen Nachfolgestaaten der UdSSR, ist es bisher nur in Anfängen gekommen. Buchtitel, die auf "... in Europa" enden, behandeln bestenfalls Länder Westeuropas. Die Entnationalisierung der Geschichtswissenschaft muss jedoch auch in jenen Ländern einsetzen, in denen infolge doppelter Fremdherrschaft im 20. Jahrhundert die Tendenz zur nationalen Überformung der Geschichtsverläufe besonders stark ist, wo sich die Geschichtswissenschaft im Selbstauftrag mit emanzipativer Absicht in das nationale Narrativ einbettet.

Selbstverständlich ist es die Aufgabe der professionellen Historie, die öffentlich gezeichneten Geschichtsbilder zurechtzurücken. Sie haben sich längst etabliert, ohne dass sie expliziert worden wären. So hat der Glorienschein der Revolution von 1989 die ostmitteleuropäischen Länder in die EU geführt. In der Öffentlichkeit reduziert sich ihre Geschichte auf die guten europäischen Traditionen, die immer das "Andere" mitdenken lassen, was sich weiter östlich befindet und bis heute nicht nach europäischen Mustern strebt. Die infolge zweifacher militärischer Besetzung aus Gründen der historischen Gerechtigkeit erfolgte Aufnahme der ostmitteleuropäischen Länder in die EU, die mit Demokratie weniger Erfahrung haben als die Türkei, hat dazu beigetragen, dass die Geschichte der Sowjetunion häufig auf die Themen stalinistische Gewaltherrschaft und imperiale Unterdrückung verengt wird.

Für eine europäische Perspektive der Zeitgeschichte scheint es jedoch sinnvoll, Vereinfachungen aufzulösen, die Fokussierung auf die beiden genannten Bereiche abzustellen (was nicht im geringsten ihre Relativierung bedeutet) und stattdessen auch Probleme zu diskutieren, die den Wandel des sowjetischen Systems nach Stalin betreffen. Dazu werde ich erstens die Frage der Bedingungen des Wandels an der Zäsur des Jahres 1953, Stalins Todesjahr, diskutieren, zweitens Veränderungen des sowjetischen Staates skizzieren und drittens die Stellung der UdSSR im osteuropäischen Imperium umreißen. Es handelt sich um an anderer Stelle ausführlicher darzulegende und stärker theoretisch zu untermauernde Vorschläge von Seiten der Sowjethistorie, die Isolierung der Geschichte Westeuropas von der Osteuropas im 20. Jahrhundert durch Skizzierung übergreifender, aber nicht konvergenztheoretisch begründeter Problembereiche zu überwinden.[3]


Fußnoten

1.
Vgl. Eric Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München 1995.
2.
Vgl. ebd. sowie Dan Diner, Das Jahrhundert verstehen. Eine universalhistorische Deutung, München 1999.
3.
Vgl. vorerst Stefan Plaggenborg, Sowjetische Geschichte in der Zeitgeschichte Europas, in: Alexander Nützenadel/Wolfgang Schieder (Hrsg.), Zeitgeschichte als Problem. Nationale Traditionen und Perspektiven der Forschung in Europa, Göttingen 2004, S. 225 - 256.