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28.6.2019 | Von:
Jöran Muuß-Merholz

Der große Verstärker. Spaltet die Digitalisierung die Bildungswelt? - Essay

Digitalisierung als Verstärker

Der Bildungsbereich ist in Sachen Digitalisierung spät dran. Andere gesellschaftliche Bereiche waren da schneller – was für die Bildungsinstitutionen ein Vorteil sein kann. Sie können von dem profitieren, was wir in den vergangenen Jahren in anderen Bereichen über digitale Medien gelernt haben. Vor zu konkreten Übertragungen muss man sich hüten, aber wir können grundsätzlich festhalten: Digitale Medien fungieren als extrem mächtige Verstärker für Vorhandenes: Wer in der prädigitalen Zeit gerne auf dem Sofa herumhing, kann mit digitalen Medien noch besser auf dem Sofa herumhängen. Wer gerne raus in die Welt geht, sich mit anderen Menschen vernetzt und Neues erkundet, kann dies mit digitalen Medien noch besser tun. Wer anfällig für Manipulation und Bevormundung ist, kann mit digitalen Medien noch besser manipuliert und bevormundet werden. Wer die Welt kritisch hinterfragen und gestalten möchte, kann die Welt mit digitalen Medien noch besser kritisch hinterfragen und gestalten. Wer gerne mit starker Struktur und enger Kontrolle unterrichtet, kann mit digitalen Medien noch besser mit starker Struktur und enger Kontrolle unterrichten. Wer gerne Unterricht gemeinsam mit Kolleg*innen neu entwickelt und sich ständig fortbildet, findet in digitalen Medien hilfreiche Verstärkung.

Was auf individueller Ebene gilt, lässt sich auch auf Ebene der Bildungsinstitutionen anwenden: Eine traditionelle Bildungsinstitution, die auf Lehrerzentrierung und Belehrung, isoliertes Lernen und feststehende Ergebnisse hin orientiert ist, kann diese Ausrichtung mit digitalen Medien verstärken und optimieren. Eine progressive Bildungsinstitution, die die Lernenden stärken, forschendes und problemorientiertes Lernen unterstützen, Perspektive und Kontext berücksichtigen und Informationen sinnhaft verknüpfen will, kann ihre Ziele ebenfalls mit digitalen Medien besser erreichen.

Digitale Medien verstärken also nicht per se eine Richtung, sondern auch diejenigen Voraussetzungen, Interessen und Tendenzen, die uns gar nicht bewusst sind. Was wir jetzt säen, kann durch sie einen Turbodünger erhalten – selbst wenn wir uns der Art unserer Saat nicht ganz im Klaren sind. Umso wichtiger ist es, dass wir Grundsatzdebatten führen. Optimieren wir nur das Lernen des 19. und 20. Jahrhunderts? Verhindert die Rede von digitaler Bildung sogar einen notwendigen Paradigmenwandel? Welche Bildung wollen wir für das 21. Jahrhundert? Verstärken und optimieren wir das, was wir schon kennen? Oder entwickeln wir mit digitaler Verstärkung neue Formen, die wir teils noch nicht gut kennen?

Bildungsziele und Lernformen

Ein beliebtes Konzept ist ein Kurs im Umgang mit digitalen Medien, an dessen Ende ein "Freischwimmer"-Zertifikat steht. Für den Anfang mag das hilfreich sein. Aber die großen Fragen des digitalen Wandels werden wir nicht über Anleitungen und Nachmachen beantworten können. Es geht vielmehr um Experimentieren und Herausfinden, um Erkundungen und Erprobungen in der neuen Medienwelt. Das braucht es auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene, wenn wir Verständnis und Gestaltung der neuen Medien nicht Geheimdiensten und Großunternehmen überlassen wollen. Und das gilt auf der persönlichen Ebene, auf der wir am besten nicht nur auf uns allein gestellt, sondern in kleinen Lerngemeinschaften arbeiten. Unsere Bildungseinrichtungen können gute Orte dafür sein.

Ein Gegenbild zur bloßen Optimierung der traditionellen Bildung setzt dabei ein neues Verständnis von Bildungszielen und Lernformen voraus. Erstere müssen auf ein umfassenderes Bildungsverständnis zielen. Bei Letzteren muss dem Empowerment der Lernenden eine besondere Bedeutung zukommen. Bildungsziele und Lernformen stehen in direkter Wechselwirkung zueinander, sind miteinander verflochten und nur analytisch trennbar.

Schauen wir zuerst auf die Bildungsziele. Im Kontext des digitalen Wandels wird häufig die These vertreten, dass Fachwissen zugunsten von anderen Fähigkeiten in den Hintergrund trete. Den Gegenbeweis treten die Lern- und Bildungsforscher*innen Charles Fadel, Maya Bialik und Bernie Trilling an und zeigen, dass die Dimension des Wissens bedeutend bleibt, zugleich aber noch drei weitere Dimensionen wichtig sind, nämlich skills (kritisches Denken, Kreativität, Kommunikation, Kollaboration), Charakter (Fragen der Persönlichkeit wie etwa Achtsamkeit und Neugier) und Meta-Lernen (Lernen über das Lernen).[7]

Es ist offensichtlich, dass in den traditionellen Lernkontexten bisher vorwiegend auf die Dimension des Wissens und hier, einem traditionellen Verständnis folgend, vor allem auf Bereiche wie Mathematik, Sprachen oder Kunst gesetzt wird und die anderen Dimensionen eher randständig sind. Wenn man 2019 die Diskussion um digitale Medien in der Bildung auf die Bildungsziele hin abklopft, findet man das Thema nur an den Stellen dieses Gesamtbildes verortet, die dem traditionellen Status entsprechen. Der Fachunterricht soll verbessert, die Medienkompetenz unterstützt und der Fachkräftenachwuchs gefördert werden – das alles möglichst digital und effizienter als vorher. Von den erweiterten Bildungszielen ist auch oder vielleicht gerade im Kontext der Digitalisierung selten die Rede.

Mit Blick auf die Lernformen zeigt die Lehrerin und Fortbildnerin Lisa Rosa auf Basis der sich ändernden gesellschaftlichen Anforderungen, dass sich unsere Anforderungen an Schule und Lernen im digitalen Zeitalter grundlegend von dem unterscheiden, was wir im vom Buchdruck geprägten Zeitalter praktiziert haben.[8] Was hier für das Themenfeld "Schule" beschrieben wird, lässt sich auf andere Bildungsbereiche übertragen, von der Ausbildung über das Studium bis zum berufsbegleitenden Lernen (Tabelle).

Die in der Mitte der Gegenüberstellung von mir hinzugefügten wechselseitigen Pfeile weisen darauf hin, dass es nicht darum geht, die Elemente der linken Seite abzuschaffen oder zu ersetzen. Die neuen Perspektiven auf der rechten Seite gewinnen an Gewicht, ergänzen und verändern unser Verständnis von Lehren und Lernen.

Modelle für ein solches Lernen gibt es bereits. Die rechte Seite der Gegenüberstellung spiegelt sich heute im Selbstverständnis einiger progressiver Bildungseinrichtungen, auch wenn ihre Wurzeln teilweise auf hundert Jahre alte Konzepte zurückgehen. Das gilt, obwohl sie häufig nicht besonders "digital" im technologischen Sinne sind.
Lehr- und Lernverständnis in unterschiedlichen EpochenLehr- und Lernverständnis in unterschiedlichen Epochen (© Lisa Rosa, Lernen im digitalen Zeitalter, 28. 11. 2017, shiftingschool.wordpress.com/2017/11/28/lernen-im-digitalen-zeitalter, geänderte Darstellung.)

Gleichzeitig sehen wir zahlreiche Digitalisierungsbemühungen, die auf eine Stärkung der rechten Seite der Gegenüberstellung zielen. Es ist nicht so, dass mit zunehmender Digitalisierung automatisch mehr progressive Pädagogik Einzug in die Bildung hält. Im Moment sieht es eher nach dem Gegenteil aus: Mit neuen Medien werden alte Pädagogiken optimiert. Mehr Input, mehr Übung im traditionellen Sinne. Mehr Dekontextualisierung, mehr Lernen allein, mit festliegendem Ergebnis, mit vorgegebener Bedeutung. Wir optimieren und stärken das, was Lehren und Lernen im Buchdruckzeitalter ausgemacht hat.

Polarisierung oder Versöhnung?

Digitale Medien können ein Katalysator für progressive Pädagogik und Empowerment, erweiterte Bildungsziele und neue Lernformen sein. Sie können als omnipotente Kontrollmaschine(n) aber ebenso ein traditionelles Verständnis von Lernen und Bildung verstärken. Schaut man auf die aktuelle Praxis, so finden sich Belege für beide Richtungen: Es gibt Praxisgeschichten von Lernorten, an denen digitale Medien als Katalysator dienten. Wo Schulleiter*innen berichten, dass Digitalisierung zum Ausgangspunkt eines pädagogischen Wandels wurde, der so nicht vorgesehen war. Wo Pädagog*innen zeigen, dass Lernen in Projekten und an Produkten anders und besser als in prädigitalen Zeiten funktioniert. Wo Unterricht durch digitale Medien stärker auf Selbstbestimmung und Zusammenarbeit aufbaut.[9] Gleichzeitig erleben wir die Entstehung digital optimierter Kontrollsettings, in denen jeder Schritt überwacht und überprüft werden kann.

Die Gräben zwischen den Befürworter*innen und den Skeptiker*innen der Digitalisierung in der Bildung ist nicht identisch mit dem Verständnis von Bildung für das 21. Jahrhundert, die die Akteure haben. Die Fronten laufen quer dazu. Es gibt also zwei Spaltungen, entsprechend lassen sich vier Positionen kategorisieren: Erstens die Befürworter*innen der Digitalisierung, die das Lernen einem traditionellen Bildungsverständnis entsprechend optimieren wollen. Zweitens die Befürworter*innen der Digitalisierung, die ein neues Bildungsverständnis unterstützen und teils erst entwickeln wollen. Drittens die Gegner*innen der Digitalisierung, die darin eine Bedrohung der traditionellen Bildung sehen und viertens die Gegner*innen der Digitalisierung, die ein neues Bildungsverständnis unterstützen und teils erst entwickeln wollen.

Selbstverständlich ist das zu dichotomisch, zu sehr in "Entweder oder"-Mustern gedacht, um der komplexen Wirklichkeit gerecht zu werden. Sicher gibt es auch "Sowohl als auch"-Antworten, in denen die Möglichkeiten der digitalen Medien zur Optimierung des Lehrens eingesetzt und zugleich neue Formen erprobt und ausgedehnt werden. Vielleicht lassen sich beide Perspektiven miteinander versöhnen. Möglicherweise ist dieses "Sowohl als auch" stärker als eine Versöhnung, und es braucht beides zusammen, um die Bildungsziele des 21. Jahrhunderts angehen zu können. Denn diese sind so umfassend und anspruchsvoll, dass weder der eine noch der andere Ansatz allein ausreichen wird. Mit optimierten Lehrangeboten lassen sich vielleicht die traditionellen Bereiche schneller und effizienter bearbeiten, aber sicher keine skills wie Kreativität oder kritisches Denken und keine Charaktereigenschaft wie Neugier fördern. Dafür braucht es die neuen pädagogischen Formen.

Wenn wir die Bildungsziele des 21. Jahrhunderts ernst nehmen, brauchen wir eine digitale Effizienzdividende aus dem optimierten Lehren. Lernende und Lehrende haben begrenzte Ressourcen. Es ist hilfreich, wenn sie weniger davon darauf verwenden müssen, etwas zu üben oder Geübtes zu kontrollieren. Die größere Herausforderung besteht darin, dass wir progressive Formen für die erweiterten Lehr- und Lernziele entwickeln müssen, während wir gleichzeitig eine neue Medienwelt zu erkunden haben. Dafür braucht es nicht nur einen großen Verstärker, sondern auch die richtige Ausrichtung. Ein Zusammenspiel aus verschiedenen Richtungen bei gleichzeitiger Verstärkung ist nicht einfach, aber wichtig.

Fußnoten

7.
Vgl. Charles Fadel/Maya Bialik/Bernie Trilling, Die vier Dimensionen der Bildung. Was Schülerinnen und Schüler im 21. Jahrhundert lernen müssen, Hamburg 2017.
8.
Vgl. Lisa Rosa, Lernen im digitalen Zeitalter, 28.11.2017, shiftingschool.wordpress.com/2017/11/28/lernen-im-digitalen-zeitalter.
9.
Vgl. Jöran Muuß-Merholz, Digitale Schule. Was heute schon im Unterricht geht, Hamburg 2019.
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Autor: Jöran Muuß-Merholz für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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