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28.6.2019 | Von:
Harald Gapski

Mehr als Digitalkompetenz. Bildung und Big Data

Spannungsfelder und Bildungsfragen

Aufklärung über das Projekt der Digitalisierung umfasst ein Wissen über die Wechselwirkungen zwischen Mensch, Medien- beziehungsweise Digitaltechnologie und sozialer Welt. Gesellschaftswandel und Medienwandel korrespondieren miteinander. Neu entstehende Spannungsfelder in diesem Wechselwirkungsdreieck betreffen insbesondere den Umgang mit Daten, also die (Daten-)Souveränität des Einzelnen sowie die Gestaltungen auf politischer, wirtschaftlicher und kultureller Ebene. Ausgewählte Spannungsfelder können hilfreich sein, um offene Fragen nach zukünftigen Bildungsherausforderungen präziser zu stellen.

Von der Datensparsamkeit zur Datenfreigiebigkeit: Angesichts des eingangs erwähnten exponentiellen Wachstums des Datenuniversums und des Internets der Dinge wirkt der Ruf nach Datensparsamkeit unzeitgemäß. Jede Entscheidung zwischen Sparsamkeit oder Freigiebigkeit hat zwei Seiten: eine einseitige, ausschließlich gefährdungsorientierte Sichtweise auf das Geben von Daten könnte den gesellschaftlich wünschenswerten datengetriebenen Erkenntnisgewinn für das Gemeinwohl beispielsweise in gesundheitlichen oder sozialen Anwendungszusammenhängen behindern. Welche Kultur des reflektierenden Gebens von Daten soll in der Bildung gefördert werden?

Von der digitalen Selbstverteidigung zur Ergebung in den Kontrollverlust: Nach den Enthüllungen von Edward Snowden und den Datenskandalen der digitalen Plattformen hat das Bewusstsein um die Sicherheit der eigenen Daten zugenommen. Digitale Selbstverteidigung durch Anonymisierung, alternative Suchmaschinen und Verschlüsselung des Datenverkehrs ist erlernbar. In der praktischen Umsetzung könnte sie zur Abkapselung von der Peer-Group und zum Ausstieg aus den komfortablen digitalen Ökosystemen der Internetkonzerne führen. Wie überzeuge ich meine Freunde, die bei Whatsapp sind, zu einer datenschutzsicheren Open-Source-Alternative zu wechseln? Die unterstellte Allmacht der Nachrichtendienste und Internetkonzerne führt nicht nur bei Kindern und Jugendlichen zu einer resignativen Grundhaltung. Aus der demokratiepolitisch ohnehin problematischen Aussage "Ich habe doch nichts zu verbergen"[15] wird die Ergebung "Ich kann doch sowieso nichts verbergen". Wie überzeugt man von der Bedeutung schützenswerter informationeller Güter, und gibt es in Zeiten des Kontrollverlustes auch einen Freiheitsgewinn?

Vom Werkzeuggebrauch in Medienwelten zum Verhalten in Datenumwelten: Wir bewegen uns in einem permanenten Datenstrom. Eine bewusste Einwahl ins Netz gibt es nicht mehr. Vernetzt zu sein, ist die Vorgabe. Zwar mutet das Smartphone mitsamt seinen Tools und Apps wie ein faustkeilgleiches Werkzeug an, zugleich aber ist es ein mobiler, smarter Sensor in einem globalen Datennetz, der permanent Daten sendet und empfängt sowie Millionen von Einzelbefehlen pro Sekunde im Hintergrund prozessiert. Anstelle einer befristeten, zweckorientierten Nutzung eines Medienwerkzeugs tritt mit dem Internet der Dinge der Aufenthalt und das Verhalten in informatisierten und digitalisierten Umwelten. Werkzeugfunktion und Welterzeugungsfunktion durchdringen einander. Welche Bewusstseinsänderungen, welches daten- und informationsökologische Handeln kann und sollte Bildung in datafizierten und informatisierten Umwelten befördern?

Vom Surfen im Netz zu den Datenspuren im "Überwachungskapitalismus": In der abgenutzten Metapher vom Surfen im Netz schwingen noch Freiheit und Unbeobachtetheit mit. Verborgen bleibt jedoch die permanente Beobachtung, Vermessung und Klassifizierung des Einzelnen im Netz. Im Panoptikum der digitalen Welt sind nicht alle für alle sichtbar. Jene, die uns sehen, können wir nicht sehen – sie befinden sich auf der anderen Seite einer Informations- und Machtasymmetrie. Im "Überwachungskapitalismus"[16] werden Verhaltensdaten zum Rohstoff für die Wertschöpfung. Wirtschaftliche Verwertungslogiken schreiben sich in die Benutzeroberflächen der Datensammler ein. Auf Basis hinterlassener Datenspuren können zukünftige Handlungspfade mit Wahrscheinlichkeiten vorausberechnet werden, und neue Märkte für Verhaltensvorhersagen bringen Plattformen mit einer enormen Macht- und Finanzkonzentration hervor. Diese operieren global, wenig reguliert und nach anderen Logiken als die traditionellen Massenmedien. Können kritisch-reflexive Medienpädagogik, digitalökonomische Grundbildung, politische Bildung und eine kreative Offenheit gegenüber den Wachstumspotenzialen der Digitalwirtschaft gemeinwohlorientiert verbunden werden?

Von der Auffälligkeit zur Konformität: Unter den Bedingungen der Überwachung und Berechenbarkeit erfährt die Abweichung eine algorithmische Verstärkung und Aufwertung. Durch Algorithmen werden Auffälligkeiten und Andersartigkeiten identifiziert. Offen ist zunächst der gesellschaftliche Anwendungsnutzen. Dieser kann von der wünschenswerten Kreditkartenbetrugserkennung bis hin zum Aufbau einer dystopisch-konformistischen Kontrollgesellschaft reichen. Getroffene Wahrscheinlichkeitsaussagen können auch falsch liegen und treffen niemals das Individuum in seiner Einzigartigkeit. Das Andersartige und Deviante aber kann auch Katalysator für positive Impulse sein. Muss Bildung in Zeiten von Big Data den Wert von Nonkonformität, Devianz und Subversion für die gesellschaftliche Entwicklung und somit die Persönlichkeitsbildung betonen?

Vom Manipulationsverdacht zur Algorithmenkritik: Traditionell richtet sich die pädagogische Medienkritik auf die Hinterfragung medialer Bedeutungskonstruktionen, auf die Bearbeitung eines Manipulationsverdachts durch die Aufdeckung dahinterliegender kommerzieller oder politischer Interessen in einer Medienbotschaft. Die Manipulationsmöglichkeiten von digitalen audiovisuellen Daten sind grenzenlos. Mit der fortschreitenden Algorithmisierung gesellschaftlicher Kommunikation gewinnt eine weitere Form der Medienkritik an Bedeutung, die die von Programmiererinnen und Entwicklern in Algorithmen eingeschriebenen Normen und Abweichungsgrenzen hinterfragt. Dabei geht es um eine Entmythologisierung von "Daten, die für sich sprechen", denn aus datenkompetenter Sicht sind Daten niemals "roh", sondern jeweils schon "gekocht", generiert und geformt.[17] Je lauter die Forderung wird, die Daten sprechen zu lassen, desto mehr Sprechen und Nachdenken über die Grenzen informatischer Modellierung tut not. Indes ist das medienkritische Individuum mit einer Algorithmenkritik überfordert. Es bedarf diskursiver und regulatorischer Schnittstellen und Organisationen, um Algorithmen in ihren sozialen Auswirkungen bewertbar zu machen. Wie kann Bildung die sozialen Folgen mit ausreichender, auch informatischer Beschreibungstiefe thematisieren und zugleich einen algorithmenethischen Diskurs befördern? Welche mittelbaren sozialen Folgen entstehen, wenn unter Handlungs- und Optimierungsdruck algorithmisch erzeugte Entscheidungen bevorzugt und legitimierend eingesetzt werden?

Vom souveränen Subjekt zum "soziotechnischen Projekt": Nicht erst mit der Diskussion um den digitalen Kontrollverlust wird die alleinige Verantwortungsverlagerung auf das kompetente Subjekt als Verkürzung interpretiert. Schon Ende der 1990er Jahre wurde die Verschiebung von Konsequenzen marktwirtschaftlicher Medienderegulierung auf das medienkompetente Individuum als Krisensymptom gedeutet. Um Verkürzungen und Überlastungen entgegenzutreten, sollte digitale Kompetenz in Beziehung zu überindividuellen Gestaltungsoptionen gesetzt werden. So schlägt der Sachverständigenrat für Verbraucherfragen vor, die individuell gebundene digitale Kompetenz mit Regulierungsprozessen und der Technologiegestaltung zu einem Dreieck der digitalen Souveränität zu verbinden.[18] Digitale Souveränität kann nicht über Bildungsmaßnahmen allein gewährleistet werden, sondern erfordert geeignete regulatorische Kontexte und Anforderungen an die Technologiegestaltung, beispielweise den Versuch, bei der technischen Erarbeitung von Datenverarbeitungsvorgängen Datenschutz bereits zu integrieren. Ein solches soziotechnisches Projekt müsste im starken Individuum verankert werden und zugleich Schnittstellen zu sozialen Akteuren schaffen. Gelingen kann das nur interdisziplinär übergreifend. Für die Bildung bleibt das Individuum zentral: Es trifft die ethisch grundierten Entscheidungen in Wertekonflikten und handelt in Situationen der Unsicherheit. Wie kann Bildung zwischen Überforderung, zweckrationaler Indienstnahme und unverkürzter Entfaltung ihre Position in der digitalen Transformation behaupten?

Handlungsempfehlungen

Für eine kritische Bildung inmitten dieser und weiterer Spannungsfelder können einige Handlungsempfehlungen formuliert werden:

Allen Hypes um Trendbegriffen wie "Big Data" zum Trotz geht es nach wie vor um die verbindliche Verankerung von medienpädagogischen und informatischen Lernzielen in die Curricula entlang der Bildungskette und im Bereich der Lehreraus- und -fortbildung. Diskurse über die "Bildung in der digitalen Welt"[19] sollten gemeinsam mit den relevanten Akteuren auch im Hinblick auf die oben genannten Spannungsfelder weiter fortgesetzt werden.

Aufklärerische und nicht-zweckfunktionale Bildungsziele in ihren erkenntnisbezogenen, ethisch-moralischen und politischen Ausprägungen sollten verstärkt Eingang in zukünftige öffentliche Fördermaßnahmen für eine kritische Bildung über Big Data finden. Die Förderung anwendungs- und arbeitsmarktorientierter Kompetenzen und Qualifizierungsaspekte für Big Data findet ohnehin ihren Weg.

Über die Vermittlung von Grundlagenwissen zu den Einsatzszenarien hinaus sollte die kritisch-reflexive Selbstpositionierung des Einzelnen gegenüber den sozialen und politischen Folgen einer fortschreitenden Datafizierung gefördert werden. Von Bedeutung sind das diskursive Abwägen, die ethische Bewertung und der Umgang mit Kontingenz, Risiken und Widersprüchen in Zeiten des drohenden Kontrollverlustes. Um daten- und algorithmengetriebene Folgen für die soziale Welt erfahrbar zu machen, bedarf es nicht notwendigerweise Informationstechnologien; auch künstlerisch-ästhetische Vermittlungsformen wie Theater- oder Kunstprojekte können helfen, Fragen der Souveränität und Freiheit in der digitalen Welt zu beantworten.

Eine informationell selbstbestimmte Lebensführung ist für das Individuum im Big-Data-Zeitalter zunehmend unerreichbar. Starke datenschutzrechtliche Rahmen und technologische Gestaltungsvorgaben für das Sammeln und Verarbeiten von Daten sind unverzichtbar, und eine alleinige Verantwortungsverschiebung auf das Individuum greift zu kurz. Grenzen individueller Datensouveränität sollten realistisch bewertet und politische Dimensionen neuer informationeller Machtasymmetrien herausgestellt werden. Insbesondere dann, wenn sich Big-Data-Praktiken diskriminierend oder sozial unverantwortlich entfalten, muss politische Steuerung greifen. Hierfür sollte auch die politische Bildung sensibilisieren.

Die fortschreitende Durchdringung der Gesellschaft mit Big-Data-Intermediären wie beispielsweise Google oder Facebook verbindet datenökonomische Interessen von Internetkonzernen mit politischen Konsequenzen für sich wandelnde Öffentlichkeiten. Prozesse der politischen Meinungsbildung verändern sich unter diesen Bedingungen. Speziell die digitalökonomischen Triebkräfte mit ihren politischen Konsequenzen sollten daher Bildungsanstrengungen aufgreifen und erörtern.

Zur Planung und Entwicklung von Bildungsangeboten über Big Data sind Forschungen im Schnittfeld von Bildung, Technologien und gesellschaftlichen Kontexten nötig. Entsprechend eines nicht-funktionalistischen Bildungsverständnisses bedarf es hierzu angemessener, qualitativer Forschungsansätze.

Die Dynamik technologischer Entwicklungen erfordert einen stetigen Dialog und einen übersetzenden Austausch zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und der Alltagswelt. Entgegen dystopischer Interpretationen von Big Data sollten sich Bildungsmaßnahmen auch kreativ, partizipativ und aktiv gestaltend mit datengetriebenen Anwendungen auseinandersetzen. Die praktische Förderung von Datenkritik und die Erschließung neuer gemeinwohlorientierter datengetriebener Nutzungsfelder im sozialen Umfeld können beispielsweise in didaktisch aufbereiteten Daten-Lernumgebungen oder Open-Data-Projekten gelingen.

Fazit

Seit der Aufklärung ist Bildung eng mit Prinzipien der Vernunft, Mündigkeit und Emanzipation verbunden. Sie trägt ein Moment des Nicht-Zweckfunktionalen in sich und umfasst Selbst- und Persönlichkeitsentfaltung in einem fortwährenden und unabschließbaren Prozess. Eben diese Bildungsdimensionen verankern informationelle Selbstbestimmung und Freiheitsgestaltung, digitale Souveränität und Entscheidungsautonomie in der digitalen Aufklärung. Bildung in der digitalen und vernetzten Welt muss aus technologischer, gesellschaftlich-kultureller und anwendungsbezogener Perspektive betrachtet werden.[20] Über die Fragen "wie funktioniert das?", "wie wirkt das?" und "wie nutze ich das?" hinaus geht es um die Frage "wie und warum positioniere ich mich dazu?".

Jenseits aller Zergliederung und Auflösung in Einzelkompetenzen geht es bei Bildung in der digitalen Welt um eine persönlichkeitsbildende Perspektive. Diese schließt ethische Urteilskraft und eine diskursive Grundhaltung ein, die auch die Metaphoriken in den Reden über Technologien kritisch entzaubert. Ergänzend gilt es, die informatischen Modellierungen der Welt in ihren Auswirkungen zu verstehen und solidarischen und politischen Gestaltungswillen für die digitale und soziale Welt zu zeigen. Jenseits aller Kompetenzförderung geht es um etwas viel Grundsätzlicheres: um die Neuverfugung ganzer Bildungsbereiche; informatische, medienpädagogische, kulturell-ästhetische und ethische Bildung sowie angesichts der Informations- und Machtasymmetrien politische und ökonomische Bildung.[21] All dies ist eine enorme interdisziplinäre Anstrengung, die aber mit der Reichweite und Tiefe der digitalen Transformation unserer Gesellschaft begründbar, ja notwendig erscheint.

Fußnoten

15.
Zur Problematik der Aussage siehe Evgeny Morozov, "Ich habe doch nichts zu verbergen", in: APuZ 11–12/2015, S. 3–7.
16.
Shoshana Zuboff, Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus, Frankfurt/M.–New York 2018.
17.
Stellvertretend Geoffrey Bowker, zit. nach Lisa Gitelman, "Raw Data" is an Oxymoron, Cambridge MA 2013, S. 2.
18.
Vgl. Sachverständigenrat für Verbraucherfragen, Digitale Souveränität, Juni 2017, http://www.svr-verbraucherfragen.de/dokumente/digitale-souveraenitaet«, S. 5.
19.
Vgl. Kultusministerkonferenz, Bildung in der digitalen Welt, Dezember 2016, http://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/pdf/PresseUndAktuelles/2017/Strategie_neu_2017_datum_1.pdf«.
20.
Gesellschaft für Informatik, Dagstuhl-Erklärung: Bildung in der digitalen vernetzten Welt, Berlin 2016, gi.de/fileadmin/GI/Hauptseite/Themen/Dagstuhl-Erkla__rung_2016-03-23.pdf, S. 1ff.
21.
Vgl. Harald Gapski/Monika Oberle/Walter Staufer (Hrsg.), Medienkompetenz, Bonn 2017.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Harald Gapski für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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