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28.6.2019 | Von:
Annabell Bils
Heike Brand
Ada Pellert

Hochschule(n) im digitalen Wandel. Bedarfe und Strategien

Experimentalräume und Strategien

Einrichtungen wie Schulen und Hochschulen sollen den Spagat zwischen einem tradierten Bildungssystem und einer durch die digitale Transformation geprägten Gesellschaft bewältigen. Institutionen haben ein systemisches Beharrungsvermögen, neue Einflüsse werden recht lange assimiliert. Es müssen daher verschiedene Komponenten zusammenkommen, um eine Veränderung zu bewirken. Die Mehrzahl der Hochschulen (62 Prozent) setzt deshalb Anreize, um Lehrende zu motivieren, digitale Instrumente zur didaktischen Unterstützung zu nutzen. Diese umfassen zusätzliches Personal, Best-Practice-Beispiele, Prämien oder Entlastung in der Lehrverpflichtung.[22] Der Möglichkeit, Experimentalräume zu schaffen, kommt hier noch zu wenig Bedeutung zu. Dies ist aber für die Weiterentwicklung digitaler Lehre essenziell:

Erstens wird damit eine andere Fehlerkultur befördert. Wenn ein Lehrprojekt nicht die gewünschten Erfolge erreicht, ist dies nicht als Scheitern zu werten, sondern trägt als Erfahrung zur Optimierung bei. Zweitens ist es in komplexen Zusammenhängen notwendig, Maßnahmen aus den jeweils eigenen Kontexten heraus zu entwickeln. Best Practices von anderen Hochschulen zu übernehmen, muss unter den eigenen Rahmenbedingungen nicht immer zielführend sein. Demgegenüber kann ein experimentelles Vorgehen Bottom-Up-Prozesse zur Ideen- und Maßnahmenentwicklung begünstigen, die der Situation und dem Profil der eigenen Hochschule und der eigenen, oft heterogenen Zielgruppe bestmöglich entsprechen.

So kann der Abbau von bestehenden Organisationsstrukturen in den Hochschulen zu Freiräumen führen, in denen Mitarbeitende mögliche Handlungsspielräume neu erkunden können.[23] Insbesondere durch die "Erprobung und Einführung digitaler Elemente in der Hochschullehre" werden auch laut Kultusministerkonferenz (KMK) neue Lehr- und Lernformate ermöglicht.[24] Um die entsprechenden Bereiche in den Hochschulen zu modernisieren, wird seitens der Expertenkommission Forschung und Innovation das Ausarbeiten von Digitalisierungsstrategien empfohlen, in denen klare Ziele und Verantwortlichkeiten benannt werden.[25] Die Empfehlungen der KMK bestärken die Hochschulen auf diesem Weg der strategischen Weiterentwicklung. So soll unter anderem "die Digitalisierung der Hochschullehre in der strategischen Gesamtentwicklung (…) auf allen Ebenen" verankert werden.[26] Mit Blick auf ingenieurswissenschaftliche Curricula wird sogar weitgehender empfohlen, dass sich die digitale Transformation in den Grundsatzpapieren der Hochschulen niederschlagen muss.[27]

Die Digitalisierung der Lehre kann somit zu zweierlei beitragen: Einerseits zu einer ganz neuen Art des Lehrens und Lernens, die nur mittelbar auf Technologie selbst zurückzuführen ist. Andererseits inhaltlich zur Ausbildung von technologischer Expertise sowie zur Vermittlung von grundlegenden Kompetenzen hinsichtlich digital literacy und data literacy in den unterschiedlichen Fachkulturen: Erstere entspricht in erster Linie der Fähigkeit, Informationen aus digitalen Medien verstehen, deuten und kommunizieren zu können. Letztere meint die Fähigkeit, planvoll mit Daten umgehen und diese hinterfragen zu können.

Sofern sie mit übergreifenden Zielen der Hochschule verknüpft ist, kann eine solche Strategieentwicklung nicht nur zu einer Qualitätsverbesserung der Lehre führen,[28] sondern auch zur Profilbildung beitragen.[29] Konfliktpotenzial läge darin, dass die in einer Strategie benannten Ziele der Hochschule nicht denen einzelner Lehrender entsprechen könnten. Aus unserer Sicht ist es deshalb zentral, eine Strategie nicht nur top-down anzulegen, sondern Beteiligungsprozesse an den Hochschulen anzustoßen. Für die Gestaltung der Digitalisierung ist eine enge interne Vernetzung der Bereiche erforderlich, und zwar von Lehre, Verwaltung, Forschung und Management gleichermaßen. Auch spielen dabei eine transparente Kommunikation der Ziele, eine feste Zeitplanung und Monitoring eine Rolle. Zudem ist es unserer Einschätzung nach wichtig, Akzeptanz durch die Integration der Akteure zu schaffen.[30] Diese Integrationsleistung ist aus Sicht der KMK bei den Hochschulleitungen anzusiedeln, die zwischen verschiedenen Bereichen wie der Verwaltung und Lehre vermitteln müssen.

Qualifizierung und Forschung

Das Professionalisierungs- und Weiterbildungsangebot für Hochschullehrende wächst erst allmählich. Für den mediendidaktischen Kompetenzerwerb ist die Rolle der schon seit vielen Jahren bestehenden E-Learning-Zentren an Hochschulen oder in länderspezifischen Hochschulverbünden hervorzuheben. Hieraus haben sich fundierte Qualifizierungsprogramme entwickelt.[31]

Hochschulen agieren aber auch im Hinblick auf den Schulbereich auf mehreren Ebenen: Sie bilden Lehrpersonal aus und haben hier die Chance, das Thema Digitalisierung mit seinen Erfordernissen sowohl pädagogisch als auch hinsichtlich der Fachinhalte curricular aufzunehmen. Durch entsprechende Forschungsprojekte können Einsichten gewonnen werden, die in den Schullalltag und in die Bildungspolitik zurückfließen. Im Verbund mit Schulen oder einzelnen Lehrenden können mediendidaktische Lehr- und Lernszenarien entwickelt werden. Fortbildungsangebote müssen ausgebaut werden, und vor allem bedarf es zeitgemäßer Konzepte. Regelmäßige, verpflichtende Weiterbildung in Hinblick auf Digitalisierung fehlt bisher.[32]

Um die Folgen der Digitalisierung für den Bildungsbereich einschätzen zu können, muss der Forschung über die digitale Gesellschaft eine hohe Bedeutung beigemessen werden. Auf Bundes- und Landesebene sind verschiedene, teils interdisziplinäre Förderinitiativen entstanden, die den Fragen nach Rahmenbedingungen, Konsequenzen und Gestaltung des digitalen Strukturwandels nachgehen, die also beispielsweise die ethischen, rechtlichen, ökonomischen und politischen Aspekte des digitalen Wandels erforschen oder einen progressiven Lern- und Experimentierraum schaffen.[33] Hochschulen brauchen diese Initiativen auch für die forschungsbasierte Gestaltung ihrer Lehre. Nur so können sie eigene Bildungsangebote für eine digitale Gesellschaft anpassen und zugleich für die Institution selbst Erkenntnisse ableiten, beispielsweise für die Verwaltung.

Fazit

Der Bildungspolitik sind die Herausforderungen, vor die Digitalisierungsprozesse den Bildungsbereich insgesamt stellen, sehr deutlich. Sowohl die Bundesregierung als auch die Länder haben auf unterschiedliche Arten die Digitalisierung im Bildungsbereich vorangetrieben. Weitere politische Ansätze erstrecken sich etwa auf die Öffnung von Bildung für die Allgemeinheit unter Bereitstellung von medial aufbereiteten Lehr- und Lernangeboten oder auf die inhaltlichen und pädagogischen Fragen rund um das Themenfeld der Informations- und Kommunikationstechnologien. Insgesamt also hat die Politik den Handlungsbedarf erkannt: "Um das Lernen mit digitalen Medien in der Breite zu verankern, bedarf es eines starken politischen wie finanziellen Impulses."[34]

Zusammenfassend liegen Aufgaben und Potenziale für Hochschulen besonders im Ausbau der Vernetzung zum Zwecke erweiterter Bildungsoptionen für Lehrende, in der Erhöhung der Durchlässigkeit durch frei zugängliche Bildungsmaterialien, in strukturellen Maßnahmen zur Erschließung neuer Zielgruppen, in der hochschultypischen Spezialisierung sowie in der Umsetzung digitaler Automatisierungs- und Transformationsprozesse im Lehr- und Lernbereich. Letzteres kann durch Supportstrukturen für Lehrende und Studierende gelingen, beispielsweise zur Unterstützung des individualisierten und personalisierten Lernens.[35]

Nicht zuletzt sehen sich die Hochschulen ebenso wie öffentliche Behörden und privatwirtschaftliche Unternehmen mit der Digitalisierung der Verwaltung und der Prozesssteuerung konfrontiert. Der Vorteil der Hochschulen ist dabei jedoch, dass sie nicht nur als Objekte, sondern auch als Motor der Digitalisierung agieren: Durch Lehre, Forschung und Weiterbildung können und müssen die Hochschulen noch stärker als bisher die Automatisierung und digitale Transformation in Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft vorantreiben.

Fußnoten

22.
Vgl. ebd., S. 98.
23.
Hochberg/Wild/Bastiaens (Anm. 4), S. 22.
24.
Kultusministerkonferenz (KMK), Empfehlungen zur Digitalisierung in der Hochschullehre, Berlin 2019, http://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/pdf/PresseUndAktuelles/2019/BS_190314_Empfehlungen_Digitalisierung_Hochschullehre.pdf«, S. 7.
25.
Vgl. EFI (Anm. 7), S. 103.
26.
KMK (Anm. 24), S. 4.
27.
Vgl. Anja Gottburgsen et al., Ingenieurausbildung für die Digitale Transformation. Zukunft durch Veränderung, Verein Deutscher Ingenieure, VDI-Studie, April 2019, S. 29.
28.
Vgl. Pellert (Anm. 5).
29.
Vgl. Barbara Getto/Michael Kerres, Akteure der Digitalisierung im Hochschulsystem: Modernisierung oder Profilierung?, in: Zeitschrift für Hochschulentwicklung 1/2017, S. 123–142, hier S. 131f.
30.
Vgl. Pellert (Anm. 8).
31.
Vgl. stellvertretend Qualifizierungsprogramm Professionelle Lehrkompetenz für die Hochschule, hd-nrw.de/qualifizierungsprogramm.
32.
Vgl. Wilfried Bos/Ramona Lorenz/Melanie Heldt, Untersuchung des technischen und pädagogischen Supports an Schulen der Sekundarstufe I in Deutschland, Dezember 2018, http://www.telekom-stiftung.de/sites/default/files/files/media/publications/Support-Ergebnisbericht%20qualitative%20Vertiefung%20und%20Handlungsempfehlungen.pdf«, S. 12.
33.
Vgl. stellvertetend BMBF, Richtlinie zur Förderung von Zuwendungen für die Forschung zur digitalen Hochschulbildung – Disziplin- und fachbezogene digitale Hochschulbildung –, Bundesanzeiger vom 9.11.2018; Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen, Bekanntmachung zu der Fördermaßnahme Standortübergreifendes Graduiertenkolleg Digitale Gesellschaft, 8.3.2017. Siehe auch Weizenbaum-Institut, weizenbaum-institut.de/das-institut; Zentrum für Digitale Transformation, http://www.dhbw-stuttgart.de/themen/forschung/fakultaet-wirtschaft/lehr-forschungszentren/zentrum-fuer-digitale-transformation-zdt«; Digitalisierung, Diversität und Lebenslanges Lernen. Konsequenzen für die Hochschulbildung, http://www.fernuni-hagen.de/forschung/schwerpunkte/ddll.shtml«.
34.
BMBF (Anm. 3), S. 13.
35.
Vgl. Hochberg/Wild/Bastiaens (Anm. 4), S. 102ff.
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