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8.12.2006 | Von:
Günther Maihold

Alte Konflikte und neue politische Kräfte im Andenraum

Politische Neuorientierungen haben die jüngsten Wahlen in Bolivien, Peru und Ecuador geprägt. Unabhängig von der politischen Ausrichtung der neuen Regierungen stellen sich im Andenraum strukturelle Herausforderungen, die für eine erfolgreiche politische Entwicklung bewältigt werden müssen.

Einleitung

Von seiner Einordnung als "neuer Krisenbogen Lateinamerikas"[1] hat sich der Andenraum[2] nach den Wahlen des Jahres 2005/2006 zu einer Region entwickelt, von der für einige Beobachter weiterhin in zentraler Weise Risiken politischer und sozialer Instabilität ausgehen, während andere in ihren Analysen die Hoffnung auf eine neuartige Form der politischen Entwicklung auf der Basis einer grundlegenden Neuformierung des gesellschaftlichen Zusammenlebens reflektieren.[3] Nicht zuletzt steht dabei erneut die weiterhin offene Frage im Vordergrund, wie die Nationenbildung in einer Region befördert werden kann, die sich bislang auf die Frage der Anerkennung einer gelebten Staatsbürgerschaft (ciudadanía) breiter, teilweise mehrheitlicher Kreise der Bevölkerung nur in begrenztem Umfang eingelassen hatte.





Die Länder der Region stehen damit vor der Aufgabe, "sich neu zu erfinden" und beschreiten einen Weg der Neubestimmung ihrer innerstaatlichen Ordnung, wirtschaftlichen Ausrichtung und politischen Organisation, der viele ungeklärte Fragen berührt: das Verhältnis zwischen Zentrum und Regionen, die Beziehungen zwischen ethnisch heterogenen Bevölkerungsgruppen, die Frage nach der nationalen und kulturellen Identität, die ordnungspolitische Ausrichtung zwischen Staat und Markt (insbesondere bezogen auf ihren Rohstoffreichtum und das Sozialstaatsmodell) sowie das Modell demokratischer Herrschaft in der Zukunft.

Fußnoten

1.
Vgl. Sabine Kurtenbach/Mechthild Minkner-Bünjer/Andreas Steinhauf (Hrsg.), Die Andenregion. Neuer Krisenbogen in Lateinamerika, Frankfurt/M. 2004.
2.
Im Vordergrund dieser Erläuterungen stehen die Länder Bolivien, Ecuador und Peru, die ein recht einheitliches Muster wirtschaftlicher, politischer und sozialer Entwicklung aufweisen.
3.
So wurde der Amtsantritt des neuen Präsidenten Boliviens, Evo Morales, mit der Wahl von Nelson Mandela in Südafrika verglichen; http://www.gfbv.it/2c-stampa/2006/060119de.html.