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24.11.2006 | Von:
Eva Sternfeld

Umweltsituation und Umweltpolitik in China

Die Umweltsituation in China

Die ungünstige Verteilung von nutzbarem Ackerland und der Zugang zu Wasserressourcen haben seit jeher die Menschen in China herausgefordert. Fast zwei Drittel des Territoriums bestehen aus Wüsten und Gebirgen in Höhen von über 1 000 Metern, wo - wenn überhaupt - nur marginaler Ackerbau möglich ist. Im übrigen Drittel, das sich überwiegend im Osten des Landes befindet und in dem fast 90 Prozent der Milliardenbevölkerung leben, führt die intensive Nutzung der Böden und dichte Besiedlung zu einem starken Druck auf die natürlichen Ressourcen.

Ressourcenknappheit im Verhältnis zur Bevölkerungszahl und regionale Disparitäten in der wirtschaftlichen Entwicklung konfrontieren das Land mit Umweltbelastungen von mehreren Dimensionen zugleich: China sieht sich in weiten Teilen des Landes mit "traditionellen" Umweltproblemen konfrontiert, die aus naturräumlichen und klimatischen Bedingungen und dem Druck auf natürliche Ressourcen einer überbevölkerten und unterentwickelten Agrargesellschaft resultieren: fortschreitende Entwaldung, Wassermangel und daraus folgend Erosion und Ausbreitung von Wüsten, Zerstörung von Lebensräumen durch Flutkatastrophen, Dürren und Erdbeben. Jedes Jahr vergrößern sich Chinas Wüstenflächen um Tausende von Quadratkilometern. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind als Folge einer auf rasches Wachstum ausgerichteten Industrialisierung und Intensivierung der Landwirtschaft "moderne" Umweltbelastungen hinzugekommen: Luftverschmutzung, Verschmutzung der Gewässer, Schadstoffeinträge in Böden und Grundwasser, Schadstoffbelastungen in Agrarprodukten, Lärmbelastung und beschleunigter Klimawandel als Folge von ansteigenden Treibhausgasemissionen.

Degradierung des Graslandes und Ausbreitung der Wüsten: Infolge von Überweidung, Bodenversalzung, Erosion, Schäden durch Nagetiere und Ackerlandgewinnung sind bereits 90 Prozent Graslandflächen von Degradierung unterschiedlichen Ausmaßes betroffen. Jährlich vergrößern sich Chinas Wüstenflächen um bis zu 3 000 Quadratkilometer. So gehen in den ohnehin bereits ökonomisch benachteiligten Regionen weitere nutzbare Flächen verloren. Als Auswirkung der sich verschlechternden ökologischen Bedingungen in Nordwestchina und des durch menschliche Aktivitäten beschleunigten Klimawandels werden immer häufiger Sandstürme registriert, die nicht nur die Hauptstadt Beijing beeinträchtigen, sondern deren Ausläufer häufig auch die koreanischen Nachbarn und Japan erreichen.

Schätzungen zufolgen gingen in der Nacht vom 16./17. April 2006 während eines der schwersten Sandstürme dieses Jahrhunderts 300 000 Tonnen Sand auf das Verwaltungsgebiet Beijing nieder.

Entwaldung - ein traditionelles Umweltproblem: Die fortschreitende Zerstörung von Waldressourcen und die damit verbundenen Umweltprobleme wie Erosion, Überschwemmungen, Ausbreitung von Wüsten sind seit vielen Jahrhunderten dokumentiert. Das statistische Jahrbuch gibt die bewaldete Fläche zwar mit derzeit 18,2 Prozent der Gesamtfläche an; tatsächlich dürften es jedoch, nach Auswertung von Satellitenfotos, weniger als die Hälfte sein. Die Entwaldung und Zerstörung der natürlichen Vegetation fördert die Erosion der Böden und Begleiterscheinungenwie hohe Sedimentfrachten der Flüsse und Überschwemmungen, Erdrutsche, Absenkung des Grundwasserspiegels und Desertifikation. Ein klassisches Beispiel ist die vor Jahrhunderten begonnene Entwaldung des Lössberglandes (Huangtu Gaoyuan) in Zentralchina. Die fruchtbaren Böden werden in den Huanghe geschwemmt, der wegen der Sedimente den Namen "Gelber Fluss" trägt. Mehrfach hat der Fluss in der Geschichte auf Grund der Schlammfrachten sein Bett verlagert und verheerende Überschwemmungen verursacht. Die Jahrhundert-Überschwemmungen, die 1998 die Yangzi-Region und Nordostchina heimsuchten, werden auf den Kahlschlag am Oberlauf des Yangzi und des Nenjiang in Nordostchina zurückgeführt. Die Fluten, die damals mehrere tausend Todesopfer forderten und Sachschäden in Milliardenhöhe verursachten, bewirkten eine radikale Umkehr in der Forstpolitik. Die Regierung verfügte ein strenges Abholzverbot in den betroffenen Flussgebieten und die Umsetzung von umfangreichen Aufforstungsprogrammen. Die seit 1998 drastisch ansteigenden Holzimporte nach China weisen darauf hin, dass das Abholzverbot in den betroffenen Regionen tatsächlich wirksam umgesetzt wird. Sie sind jedoch auch ein Indiz dafür, dass China nun seine Umweltprobleme in andere Länder auslagert.

Wassermangel und Wasserverschmutzung: China ist kein wasserarmes Land, jedoch sind die Ressourcen klimatisch bedingt ungleich verteilt. Während mehr als 80 Prozent der Vorkommen auf die Yangzi-Region und den Süden entfallen, sehen sich Nord- und Nordwestchina - hier leben rund 550 Millionen Chinesen und befinden sich wichtige Industriezentren sowie zwei Drittel der landwirtschaftlichen Flächen - mit chronischem Wassermangel konfrontiert. So erreichte der Huanghe seit den neunziger Jahren mehrfach sein Mündungsgebiet in Shandong nicht mehr. Bewässerung und Agrarchemikalien ermöglichten eine "grüne Revolution" in der nordchinesischen Tiefebene, in der heute etwa 40 Prozent des chinesischen Getreides angebaut werden. In Ermangelung von Oberflächenwasser werden dabei zunehmend Grundwasserressourcen angezapft. In der nordchinesischen Tiefebene sinkt der Grundwasserspiegel im Schnitt derzeit um 1,5 Meter im Jahr. Lediglich 52 Prozent der städtischen Abwässer werden in Kläranlagen behandelt. Während die Menge der eingeleiteten industriellen Abwässer durch Modernisierung der Produktionsabläufe in den vergangenen Jah- ren zurückgegangen ist, ist das Aufkommen an Haushaltsabwässern rapide angestiegen. 2005 gab es landesweit nur 637 kommunale Klärwerke.[7] Lediglich zwei (mit einer Kapazität von 120 000 Kubikmetern) stehen in der Provinz Jiangxi für 42 Millionen Einwohner zur Verfügung.[8] Viele neue Klärwerke arbeiten, wie das Bauministerium zugibt, nicht mit voller Kapazität. Der Grund dafür sind häufig die hohen Betriebskosten, die durch die niedrigen und nur unregelmäßig eingezogenen Abwassergebühren nicht gedeckt werden können. Die alten städtischen Kanalisationssysteme befinden sich vielfach in schlechtem Zustand. In kleineren Städten und ländlichen Regionen wird Abwasser bisher in der Regel unbehandelt auf die Felder oder in die Gewässer eingeleitet.

Dementsprechend kritisch ist die Verschmutzung der Gewässer. In ihrem im Juni 2006 veröffentlichten Jahresbericht stuft die nationale Umweltbehörde 67 Prozent der untersuchten sieben großen Flusssysteme schlechter als Wasserqualität III, das heißt als ungeeignet für menschliche Nutzung ein.[9] Als hochgradig verschmutzt gilt unter anderem der nordchinesische Fluss Haihe, in dessen Einzugsgebiet die Hauptstadt Beijing und die Industriemetropole Tianjin liegen. Ebenso bedenklich ist die Situation bei den stehenden Gewässern: Von den neun größten natürlichen Seen sind nach Angaben der SEPA sechs nicht für die Wasseraufbereitung geeignet. Die Belastung der Gewässer wird dabei nicht nur durch die Einleitung von unbehandelten industriellen und städtischen Abwässern verursacht, sondern auch durch die Abschwemmung von Düngemitteln und Pestiziden. In sehr vielen Regionen, die darauf angewiesen sind, ihr Trinkwasser aus Oberflächengewässern aufzubereiten, kann eine hygienisch unbedenkliche Trinkwasserversorgung nicht gewährleistet werden. Erschwerend kommt fahrlässig verursachte Wasserverschmutzung hinzu. Internationales Aufsehen erregte der Fall der Stadt Harbin, deren vier Millionen Einwohner im November 2005 tagelang ohne Fließwasserversorgung auskommen mussten, nachdem bei eingangs erwähnter Explosion einer Chemiefabrik in Jilin der Songhua-Fluss mit Benzol verseucht worden war.

Auch Städte, die ihr Trinkwasser aus Grundwasser beziehen, stehen vor Problemen. 90 Prozent der Grundwasserressourcen in Stadtgebieten sind durch Schadstoffeinträge belastet. Viele Kommunen sind daher darauf angewiesen, ihr Trinkwasser aus dem weiter entfernten Umland zu beziehen; das verteuert nicht nur die Bereitstellung, sondern verschärft auch die Konflikte mit den ländlichen Wassernutzern. Nach offiziellen Angaben haben landesweit 340 Millionen Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Wasserverschmutzung bedroht die Volksgesundheit. Auf dem Lande sind Magen- und Darmerkrankungen, die durch verschmutztes Wasser übertragen werden, weit verbreitet. In einigen Gebieten treten chronische Erkrankungen gehäuft auf, die auf zu hohe natürliche Belastungen des Trinkwassers mit Arsen oder Fluor zurückgeführt werden.

Luftverschmutzung: Extreme Luftverschmutzung durch Verbrennung von Kohle mit sehr hohem Schwefel- und Aschegehalt sowie durch Autoabgase ist in den dichtbesiedelten Landesteilen das physisch spürbarste Umweltproblem. 16 der 20 Städte mit der weltweit schlechtesten Luftqualität befinden sich nach Angaben der Weltbank in China. Zwei Drittel der Bevölkerung in Chinas 642 Städten lebt nach Erhebungen der SEPA in einer Umgebung mit schlechter oder sehr schlechter Luftqualität.[10] Hauptverursacher der Luftverschmutzung sind veraltete Industrieanlagen und Kohlekraftwerke, von denen die wenigsten mit Elektrofiltern ausgestattet sind. In Nordchina kommen als weitere Emissionsquellen Blockheizkraftwerke und individuelle Heizungen hinzu, die mit Kohle befeuert werden. Die rege Bautätigkeit in vielen chinesischen Großstädten trägt zusätzlich zu der enormen Staubbelastung bei. Schließlich stieg mit dem Kraftfahrzeugaufkommen in den chinesischen Städten in den vergangenen Jahren die Belastung durch Kfz-Abgase erheblich an. In Beijing, der Stadt mit der höchsten Verkehrsdichte Chinas, wurden 2004 täglich im Schnitt 1 300 neue Autos zugelassen.

Abfall: In den siebziger Jahren war China im Westen wegen seiner Recyclingwirtschaft berühmt. 30 Jahre später befindet sich das Land hinsichtlich der umweltschonenden und ressourcensparenden Entsorgung von Abfällen auf einem im internationalen Vergleich äußerst niedrigen Niveau. Ein großes Problem ist der rapide gestiegene Anfall von städtischem Siedlungsabfall und Verpackungsmüll. Nur die wenigsten Städte verfügen bisher über umweltgerechte Müllverbrennungsanlagen oder Abfalldeponien, die so angelegt sind, dass eine Versickerung von Schadstoffen ins Grundwasser verhindert wird. In den stadtnahen ländlichen Gebieten werden Anbauflächen für Müllhalden zweckentfremdet. Zwar gibt es immer noch ein relativ gut funktionierendes Sammelsystem für bestimmte Altstoffe, das in vielen Städten anstelle eines Wohlfahrtssystems das Existenzminimum für die Armen des Landes sichert. Altstoffsammler sind in der Regel auf bestimmte Materialien spezialisiert wie Plastik, Papier, Pappe, Glas, Metall, Elektroschrott. Recycling ist wegen des großen Ressourcenbedarfs des Landes ein blühender Industriezweig, der sich nicht nur mit den im eigenen Lande anfallenden Abfallstoffen begnügt, sondern auch im großen Umfang Plastikabfälle sowie Metalle und Elektroschrott aus anderen Ländern importiert. Die verbreiteten Recyclingverfahren, wie sie zum Beispiel in den berühmt-berüchtigten Mülldörfern in der Umgebung von Guangzhou in kleineren Familienbetrieben zum Einsatz kommen, sind dabei oft mit erheblichen Gesundheitsgefährdungen für das Personal und Belastungen für die Umwelt verbunden. Ungelöst ist auch die Entsorgung von giftigen Chemikalien.

Umweltschäden durch Intensivlandwirtschaft: Eine äußerst produktive Landwirtschaft stellt sich der Herausforderung, auf einer begrenzten und abnehmenden nutzbaren Fläche eine stetig wachsende Bevölkerung zu ernähren. Dies wird ermöglicht durch einen auch im internationalen Vergleich gigantischen Einsatz an Bewässerung, Düngemitteln, Pestiziden und Herbiziden. Doch die Technisierung der Landwirtschaft stößt an ihre Grenzen. Intensive Bewässerungslandwirtschaft hat vor allem in der nordchinesischen Tiefebene zu einer dramatischen Absenkung des Grundwasserspiegels geführt. Vielfach sind die Böden durch Überdüngung ausgelaugt. Abgespülte Düngemittel und Pestizide tragen maßgeblich zur Verschmutzung der Oberflächengewässer und des Grundwassers bei. Die Schadstoffbelastung vieler aus konventionellem Anbau stammender Lebensmittel ist erheblich. Um Erträge zu erhöhen, wird mit gentechnologisch modifizierten Sorten experimentiert. Verbunden mit den Exportschwierigkeiten und auch der Verunsicherung einheimischer Konsumenten durch zahlreiche Lebensmittelskandale im Inland ist ein wachsendes Interesse an integrierten und ökologischen Anbaumethoden zu beobachten.

Emission von Treibhausgasen und Auswirkungen auf den Klimawandel: China ist der weltweit zweitgrößte Emittent von CO2 und der größte Emittent von SO2. Bei anhaltendem Wirtschaftswachstum und unverändert starker Abhängigkeit von fossilen Energieträgern ist damit zu rechnen, dass das Land künftig einen entscheidenden Anteil an den globalen CO2-Emissionen und den damit verbundenen Auswirkungen auf das Klima haben wird. Die Auswirkungen des globalen Klimawandels sind heute bereits evident: Das tibetische Hochland, Quellgebiet der großen asiatischen Flüsse Brahmaputra, Mekong, Irrawaddy, Salween, Yangzi und Huanghe (Gelber Fluss), in deren Einzugsgebieten mehr als die Hälfte der Menschheit lebt, ist direkt und in zunehmend stärkerem Maße von der globalen Erwärmung betroffen. In den vergangenen 40 Jahren haben die tibetischen Gletscher ein Achtel ihrer Gesamtfläche eingebüßt. Ähnliches wird für die Gletscher beobachtet, welche die Oasen in Xinjiang und Gansu speisen. Es ist absehbar, dass bei unveränderter Tendenz bzw. weiterhin ansteigenden Temperaturen innerhalb der nächsten 50 Jahre die Gletscher, die die Flussoasen am Tarimfluss und im Gansu-Korridor versorgen, vollständig abgeschmolzen sein werden. Experten rechnen weiterhin mit stärkeren Taifunen und einem Anstieg des Wasserstands an der Küste des ostchinesischen Meers. Diese Entwicklungen könnten Millionen von Umweltflüchtlingen zur Folge haben. Jedoch erhofft man in China neben diesen negativen Auswirkungen auch günstigere Folgen der globalen Erwärmung wie längere Anbauperioden in Nordostchina und feuchteres Klima in der nordchinesischen Tiefebene.

China gehört zu den Unterzeichnerstaaten des Klimaschutzabkommens von Kyoto. Wenngleich das Land wie andere Entwicklungsländer von einer Verpflichtung zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes bisher ausgenommen ist, wird es künftig bei der Umsetzung der Instrumente des Klimaschutzabkommens Joint Implementation, Cleaner Development Mechanism (CDM) und beim Emissionshandel eine wichtige Rolle spielen. Diese erlauben es Industrieländern, sich Investitionen in CO2-ausstoßmindernde Projekte in Entwicklungsländern auf Klimaschutzverpflichtungen im eigenen Land gutschreiben zu lassen. Bis 2006 wurden in China insgesamt 23 CDM-Projekte zugelassen.

Fußnoten

7.
Vgl. China Environment Yearbook (Zhongguo Huanjing Nianjian) 2005, Beijing 2006, S. 618.
8.
Vgl. ebd.
9.
Vgl. State of the Environment, S. 7, www. zhb.gov.cn/plan/zkgb/05hjgb/(7.9.2006).
10.
Vgl. Deutsche Bank Research, "Environmental Sector China. From Major Building Site to Growth Market" (Author: Eric Heymann), www.dbresearch. com (13.7.2006), S. 4.