Die Erde über dem Mondhorizont, im Vordergrund die Oberfläche des Mondes. Aufgenommen während der Apollo 11 Mission, dem ersten bemannten Flug mit einer Mondlandung, 20.07.1969.

12.7.2019 | Von:
Julia Richers

Roter Kosmos. Kulturgeschichte des Raumfahrtfiebers in der Sowjetunion

Wettlauf ins All

In eine tiefe Krise gestürzt waren die Vereinigten Staaten nach dem erfolgreichen Testflug der ersten sowjetischen Interkontinentalrakete im August 1957 und den darauffolgenden Erdumrundungen des ersten künstlichen Erdtrabanten im Oktober 1957. Die Welt hielt den Atem an, als am 4. Oktober 1957 eine sowjetische Trägerrakete überraschend den ersten Satelliten namens Sputnik in den Orbit schoss und nur einen Monat später eine zweite Trägerrakete mit der Hündin Laika das erste Lebewesen in eine Erdumlaufbahn katapultierte. Denn der Sowjetunion war in jenen Herbsttagen 1957 etwas gelungen, wovon die Menschheit bisher nur geträumt hatte: Sie hatte die Grenzen des Himmels durchbrochen – und damit den erbitterten Wettstreit der Systeme vorerst für sich entscheiden können. Es war egal, dass Sputnik lediglich ein monotones, schrilles Funksignal von sich geben konnte oder Laika bereits kurz nach dem Start einen qualvollen Hitzetod im All erleiden musste. Die Tatsache, dass die Sowjetunion nur zwölf Jahre nach ihren verheerenden Verlusten im Zweiten Weltkrieg das technische Knowhow und die interkontinentalen Langstreckenraketen für ein solches Unterfangen besaß, war eine Weltsensation.

Dieser Meilenstein der Technikgeschichte, der das Raumfahrtzeitalter einläutete, ging im Westen als "Sputnikschock" in die Geschichtsbücher ein.[5] Doch der Sputnik war bei genauerem Hinsehen nicht dermaßen unerwartet, wie bis heute kolportiert. Zwar stellte der erste künstliche Erdtrabant für das breite Publikum in der Tat eine große Überraschung dar. Doch sowohl für westliche Naturwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler als auch für gut informierte Laien hatte es in der internationalen Presse schon im Vorfeld zahlreiche Hinweise auf einen baldigen Satellitenstart gegeben, etwa sowjetische Agenturmeldungen über die geplante Umlaufhöhe und die exakten Radiofrequenzen, auf denen das Piepsen des Satelliten zu empfangen sein würde.

Die (Vor-)Geschichte des ersten Sputnik hatte bereits 1952 begonnen, als der International Council of Scientific Unions (ICSU) beschloss, vom 1. Juli 1957 bis zum 31. Dezember 1958 ein "Internationales Geophysikalisches Jahr" auszurichten. Dieses Unterfangen sollte zur größten internationalen Wissenschaftskooperation der damaligen Zeit werden und nichts weniger als die geophysikalische Erforschung und Neuvermessung der Erde bezwecken.[6] Das Organisationskomitee hatte im Vorfeld die beiden Supermächte aufgefordert, erste Satelliten zur Erforschung der oberen Erdatmosphäre und der kosmischen Strahlung zu konstruieren und in eine Erdumlaufbahn zu bringen. Beide hatten daraufhin Satellitenpläne angekündigt, nur der Zeitpunkt ihrer Umsetzung blieb unklar.

Die unerwartet rasche Umsetzung auf sowjetischer Seite erschütterte besonders die USA, wurde damit doch deutlich, dass die Vereinigten Staaten den Erfolgen des bis dahin als rückständig eingeschätzten russischen Raumfahrtprogramms nur wenig entgegenzusetzen vermochten. Der erste US-amerikanische Satellitenversuch ging als "Kaputnik" und schmachvoller "Flopnik" in die Medienberichterstattung ein. Als der amerikanische Erdtrabant "Explorer" am 31. Januar 1958 schließlich erfolgreich in den Orbit gelangte, gaben ihm ostdeutsche Beobachter gelangweilt und hämisch den Übernamen "Spätnik".[7]

Bevor die 1958 eigens als Antwort auf den sowjetischen Sputnik gegründete National Aeronautics and Space Administration (NASA) auch nur einen kleinen Etappensieg für sich verbuchen konnte, gelang es dem sowjetischen Kontrahenten, mit einer ganzen Reihe an neuen space firsts die Welt in Staunen zu versetzen. Dazu zählten etwa die erste Sonde auf dem Mond (Luna 2) sowie die ersten Fotografien von der bislang unbekannten Rückseite des Mondes (Luna 3) 1959. Am 12. April 1961 flog schließlich der sowjetische Kosmonaut Juri Gagarin in Vostok 1 als erster Mann ins All. Sein Kosmosflug ging in die Weltgeschichte ein, und auch heutzutage zählt Gagarin zu den wenigen Helden der Sowjetunion, an die man sich weltweit noch erinnert.

Die USA konnten den ersten erfolgreichen Flug eines Sowjetmenschen ins All und den technischen, geostrategischen und propagandistischen Triumph der UdSSR 1961 einmal mehr kaum kontern. Am 5. Mai 1961 gelang es zwar, den Astronauten Alan Shepard in Freedom 7 ins All zu schicken, doch dieser wie auch Gus Grissoms Flug am 21. Juli 1961 in Liberty Bell 7 galten technisch beide nicht als ordentliche orbitale Weltraumflüge. Es war in diesem historischen Kontext, dass Kennedy im Frühsommer 1961 seine eingangs zitierte Rede vor dem amerikanischen Kongress hielt. In Anbetracht der Unmöglichkeit, die Sowjetunion in diesem space race einzuholen, geschweige denn sie zu überholen, musste seitens der Vereinigten Staaten ein Projekt her, dass in seiner technischen Machbarkeit heldenhaft und utopisch anmutete. Der kleine, für Menschenaugen sichtbare Erdtrabant schien hierfür wie prädestiniert. So wurde das Projekt vom ersten Mann auf dem Mond zum neuen Fluchtpunkt aller US-amerikanischen Raumfahrtanstrengungen.

Fußnoten

5.
Zum "Sputnikschock" siehe etwa Roger D. Launius/John M. Logsdon/Robert W. Smith (Hrsg.), Reconsidering Sputnik. Forty Years Since the Soviet Satellite, Amsterdam 2000; Paul Dickson, Sputnik. The Shock of the Century, New York 2001; Igor J. Polianski/Matthias Schwartz (Hrsg.), Die Spur des Sputnik. Kulturhistorische Expeditionen ins kosmische Zeitalter, Frankfurt/M.–New York 2009.
6.
Vgl. Walter Sullivan, Angriff auf das Unbekannte. Das internationale geophysikalische Jahr, Wien–Hannover–Bern 1962.
7.
U.S. Calls It Kaputnik, in: Daily Express, 7.12.1957, S. 1; Oh, What a Flopnik!, in: Daily Herald, 7.12.1957, S. 1; Rudolf Rochhausen, Der Sputnik und der liebe Gott, Berlin 1958, S. 36.
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Autor: Julia Richers für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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