Die Erde über dem Mondhorizont, im Vordergrund die Oberfläche des Mondes. Aufgenommen während der Apollo 11 Mission, dem ersten bemannten Flug mit einer Mondlandung, 20.07.1969.

12.7.2019 | Von:
Julia Richers

Roter Kosmos. Kulturgeschichte des Raumfahrtfiebers in der Sowjetunion

Roter Stern

Sowohl bei Bogdanow als auch bei Tolstoi war die Wahl des Planeten Mars keineswegs zufällig. Die aufsehenerregende Entdeckung der sogenannten Marskanäle und die Publikation detailliert gezeichneter erdähnlicher Marskarten seit den 1870er Jahren hatten international zu einem Jahrzehnte anhaltenden Marsfieber geführt. Gleichzeitig ließ sich mit der semantischen Bedeutung dieses Planeten als "rotem Stern" spielerisch umgehen. Unter den Bolschewiki wurde das rote Pentagramm schließlich zum heilsbringenden Fixstern und bis 1991 zum wichtigsten Signet der Sowjetmacht (Abbildung 2). Dabei entwickelte sich der rote Stern nach der Oktoberrevolution nur schrittweise zu jenem wirkungsvollen und einprägsamen Sinnbild. Bis heute sind der Ursprung und die genaue Urheberschaft dieses zentralen kosmischen Sowjetsignets vollständig unbekannt. Eingeführt wurde der fünfzackige rote Stern am 19. April 1918 als Kenn- und Abzeichen für die Soldaten der damals aus Freiwilligen bestehenden "Roten Arbeiter- und Bauern-Armee" (RKKA). Kurz darauf verbreitete sich das kosmische Zeichen in Lichtgeschwindigkeit und entwickelte sich zu dem visuellen Repräsentanten der Sowjetmacht. Seine Eigenschaft, das "szientifisch-utopische Selbstverständnis" der Revolutionäre zu treffen und zugleich eine Deutung in "religiös-magischen, populären Begriffen"[12] zu ermöglichen, mag zur steilen Karriere des Sterns beigetragen haben.

Plakat "Weihnachten" von Dmitrij S. Moor, 1921. Das Plakat ist horizontal in der Mitte geteilt. Während in der oberen Hälfte die alten reaktionären Mächte über die Opfer der Geschichte hinweg dem Stern von Bethlehem von rechts nach links folgen, marschieren die jungen Anhängerinnen und Anhänger der Sowjetmacht in der unteren Hälfte von links nach rechts dem Roten Stern und einer verheißungsvollen kommunistischen Zukunft entgegen.Abbildung 2: Plakat "Weihnachten", Dmitrij S. Moor, 1921. Während die alten reaktionären Mächte über die Opfer der Geschichte hinweg dem Stern von Bethlehem folgen, marschieren die jungen Anhängerinnen und Anhänger der Sowjetmacht dem Roten Stern und einer verheißungsvollen kommunistischen Zukunft entgegen. (© www.russianposter.ru)

Mit dem roten Stern, respektive dem roten Planeten Mars, der Sonne als Sinnbild für Aufklärung und eine lichte Zukunft sowie Saturn und Mond fanden gleich mehrere Himmelsgestirne Eingang in die transplanetare Weltanschauung der Bolschewiki. In dem Traum von neuen Horizonten und der Faszination für das menschliche Ausgreifen in den Kosmos äußerten sich zudem eine ungebremste Begeisterung für Technik und Wissenschaft sowie der Glaube an den Imperativ des Fortschritts – hier auch im Sinne eines kontinuierlichen Fortschreitens. Hinter dem Interesse an der Entwicklung neuester Technologien, das sich in der frühen Sowjetunion bald in einen regelrechten Maschinen- und Technikkult wandeln sollte, stand die erklärte Absicht, den Menschen nun tatsächlich aus alten Abhängigkeiten und dem beengenden Korsett der Natur zu befreien. Der Schriftsteller Maxim Gorki fasste in einem Vortrag im März 1920 die künftigen Fähigkeiten des sozialistischen Neuen Menschen folgendermaßen zusammen: "Arbeit und Wissen besiegen alles (…). Zweifellos wird eine Zeit kommen, da der Mensch Herr über die Natur sein wird und ein solcher Wundertäter, dass es für ihn keinerlei Hindernisse mehr geben wird. Vielleicht wird er auch die interplanetaren Räume erobern."[13]

Ziolkowski und der Kosmismus

Wurzeln dieses Denkens finden sich im russischen Kosmismus, zu dessen Vertretern neben dem Philosophen Nikolai Fjodorow auch der Forscher Konstantin Ziolkowski gehörte, der als "Großvater" des sowjetischen Raumfahrtprogramms in die Geschichte eingehen sollte. Gerade um den Raketenpionier Ziolkowski entwickelte sich im Verlauf der 1920er Jahre ein regelrechter Kult. Er experimentierte mit einem selbstgebauten Windkanal – dem ersten in Russland –, befasste sich mit der Entwicklung des Rückstoßantriebs, entwarf mehrstufige Raketen mit Flüssigtreibstoff und zeichnete Pläne für künftige bemannte Raumstationen. Oft musste er feststellen, dass seine Erfindungen bereits Jahre zuvor von anderen Wissenschaftlern gemacht worden waren; andere, wie die "Ziolkowski-Gleichung", mit der sich die Endgeschwindigkeit einer Rakete errechnen lässt, waren hingegen bahnbrechend. Um seine kosmischen Visionen zu popularisieren, schrieb er phantastische Erzählungen; am bekanntesten wurde sein 1920 erstmals vollständig publizierter Roman "Außerhalb der Erde". In seiner 1903 verfassten und mehrmals erweiterten Publikation "Die Erforschung der Welträume mittels Rückstoßapparaten" rief er dazu auf, die Erde zu verlassen und den Kosmos zu besiedeln.

Wenig bekannt ist, dass Ziolkowski die Entwicklung von Luft- und Raumfahrt lediglich als Mittel betrachtete, um seine welterlösende "kosmische Philosophie" umzusetzen. Das Ziel seiner Visionen bildeten die Selbstvervollkommnung der Menschheit im Kosmos und die Erlangung ewiger Glückseligkeit. Ziolkowski glaubte, dass die revolutionären Umwälzungen von 1917 die Verwirklichung seiner radikalen Gesellschaftsentwürfe möglich machen würden. Seine positive Haltung gegenüber den Revolutionären äußerte sich auch darin, dass seine Schriften zum Teil das neue politische Vokabular jener Zeit aufnahmen. Auch hoffte er, dass die neuen bolschewistischen Machthaber endlich in ihm das Genie proletarischer Herkunft sehen würden. Und tatsächlich: Im November 1921 unterzeichnete Lenin einen Beschluss, der Ziolkowski "in Anbetracht besonderer Verdienste als Gelehrter und Erfinder, als Spezialist des Flugwesens" bis an sein Lebensende eine Pension zusicherte.[14] Zu einer regelmäßigen Auszahlung kam es hingegen nie. Unterstützung erhielt er vor allem von seinen zahlreichen Anhängern, die es ihm ermöglichten, sich ganz seinen Forschungen und Spekulationen zu widmen. Unter seinen Bewunderern befanden sich auch spätere Raumfahrtingenieure. So beriet er das im selben Jahr gegründete wissenschaftliche Forschungslabor für Raketentechnik und die 1924 in Moskau ins Leben gerufene weltweit erste Raumfahrtgesellschaft. Zu den Protagonisten von damals zählten unter anderen Friedrich Zander und Sergei Koroljow, der spätere Chefkonstrukteur und "Vater" des sowjetischen Raumfahrtprogramms.

Fußnoten

12.
Manfred Hildermeier, Geschichte der Sowjetunion 1917–1991. Entstehung und Niedergang des ersten sozialistischen Staates, München 1998, S. 322.
13.
Zit. nach Michael Hagemeister, "Unser Körper muss unser Werk sein." Beherrschung der Natur und Überwindung des Todes in russischen Projekten des frühen 20. Jahrhunderts, in: Boris Groys/Michael Hagemeister (Hrsg.), Die Neue Menschheit. Biopolitische Utopien in Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Frankfurt/M. 2005, S. 19–67, hier S. 20.
14.
Protokoll vom 9. November 1921, zit. nach Arkadi A. Kosmodemjanski, Konstantin Eduardowitsch Ziolkowski, Moskau–Leipzig 1979, S. 162f.
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Autor: Julia Richers für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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