Die Erde über dem Mondhorizont, im Vordergrund die Oberfläche des Mondes. Aufgenommen während der Apollo 11 Mission, dem ersten bemannten Flug mit einer Mondlandung, 20.07.1969.

12.7.2019 | Von:
Alexander C.T. Geppert

Phantasie, Projekt, Produkt. Astrokultur und der Weltraum des 20. Jahrhunderts

Phantasie

1942, im selben Jahr, als eine im deutschen Peenemünde gestartete V-2/A4-Rakete zum ersten Mal die Höhe von 84,5 Kilometern erreichte und damit an die 100-Kilometer-Grenze zum Weltraum stieß, diagnostizierte Carl Schmitt eine "planetarische Raumrevolution", die den gesamten Globus erfasst und die dritte Dimension als gänzlich "neuen Elementarbereich menschlicher Existenz" erschlossen habe.[3] 1945 beantwortete Pierre Teilhard de Chardin in einem "Leben und Planeten" überschriebenen Aufsatz die Frage, was auf der Erde vor sich gehe, mit einem Ausblick darauf, was er als "Planetarisierung" der Menschheit bezeichnete.[4] Und Helmuth Plessner erklärte in einem im Oktober 1949 im Bayerischen Rundfunk gehaltenen Radiovortrag die "Weltraumschiffahrt" der Zukunft zu einer Provokation, von der ein "Schock für unser Weltgefühl" ausgehen und die Relativierung der bestehenden Umweltbezüge des Menschen zu erwarten sei, da nur aus einer extraterrestrischen Position die Einheit der Erde erfahrbar werde. Entzauberung des Himmels und Säkularisierung der Erde seien der für die neu vermenschlichten Räumlichkeiten um den Heimatplaneten herum zu entrichtende Preis: Die Eroberung des Weltraums "nimmt uns den Himmel, aber sie schenkt uns dafür den Raum einer grenzenlosen Freiheit."[5]

Bei allen offenkundigen, nicht zuletzt politischen Unterschieden war den drei Philosophen gemeinsam, dass sie bereits in den 1940er Jahren die Rück- und Auswirkungen von Weltraum und Raumfahrt auf Gesellschaft und Kultur, insbesondere den zu erwartenden Blick von außen, erkannten und durchdachten, und das lange vor dem Start des Sputnik 1957, nach konventioneller Zeitrechnung der Beginn des space age. Was in der Rückschau ungewöhnlich weitsichtig und vorausschauend anmuten mag, erklärt sich aus der großen Popularität der Astrokultur während der unmittelbaren Nachkriegszeit, dem sprichwörtlichen "golden age of space travel".[6] Mit Beginn des Weltraumzeitalters schienen sich die Visionen einer Zukunft in den Sternen Schritt für Schritt zu realisieren, die die etwa hundert space personae, die westeuropäischen Weltraum-Experten um Hermann Oberth, Willy Ley, Arthur C. Clarke, Wernher von Braun und viele andere auf Grundlage älterer, utopisch-literarischer Szenarien seit den späten 1920er Jahren im transnationalen Austausch entwickelt, mediengerecht aufbereitet und unermüdlich propagiert hatten.[7]

Jetzt, nach Ende des Zweiten Weltkrieges, fanden astrokulturelle Phantasien räumlicher Expansion den Weg in eine breite Öffentlichkeit. Nicht nur in der Philosophie, sondern auch in Publikumsmedien war das für die nahe Zukunft erwartete "Ende der Unendlichkeit" großes Thema. "Der Weltenraum ist nicht mehr unerreichbar", erklärte ein Kolumnist der Zeitschrift "Kristall" 1948: "Ich glaube, daß der erste Weltraum-Fahrer schon unter uns lebt. Er weiß nur noch nicht, daß er eines Tages als erster Mensch die Erde verlassen und sein Raumschiff auf den Mond oder den Mars lenken wird." Andere kritisierten solche Prophezeiungen als unrealistische Träume moderner "Utopisten", die "das ganze Planetensystem zu Kolonien der Erdmenschen machen" wollten. Und eine dritte, kaum weniger transnational vernetzte Gruppe deutete das plötzliche Auftauchen der seit Mitte 1947 weltweit beobachteten "Fliegenden Untertassen" als Zeichen, dass vor allen menschlichen Kolonisierungsmissionen ohnehin erst einmal mit Gegenbesuch aus dem All zu rechnen sei.[8]

Als zentrales Medium der Eroberung des Weltraums und des Durchspielens aller denkbaren Kontaktszenarien erwies sich neben dem gedruckten Wort und einem von Zeichnern wie Chesley Bonestell, Ralph Andrew Smith, Klaus Bürgle, Erik Theodor Lässig und Andrei Sokolow geschaffenen neuen Genre technofuturistischer Weltraumgebrauchsgrafik vor allem der abendfüllende Spielfilm. Auf frühen Science-Fiction-Klassikern wie "Die Reise zum Mond" (1902), "Die Entdeckung Deutschlands" (1916), "Das Himmelsschiff" (1918), "Aelita" (1924), "Wunder der Schöpfung" (1925), "Kosmische Reise" (1936) und vor allem Fritz Langs "Frau im Mond" (1929) aufbauend, war der Weltraum als Spielplatz wissenschaftlicher Phantasien fest im internationalen Nachkriegskino etabliert. Zahlreiche Autobiografien späterer Ingenieure, Wissenschaftler und Raumfahrer vermitteln einen Eindruck von der Faszination, die diese entrückten Bildwelten ausübten.

Der Kalte Krieg ließ diese alten Träume immer wirklicher wirken, nicht zuletzt in der Propaganda der Systemkonkurrenten. Ein Werbeaufmarsch von acht "Mondmenschen" auf dem Berliner Kurfürstendamm anlässlich der Vorführung des US-amerikanischen Science-Fiction-Films "Endstation Mond" auf den ersten internationalen Filmfestspielen 1951 verdeutlicht den ebenso zukunftsweisenden wie eskapistischen Reiz solcher frühen space operas, gerade im Kontrast zu den drei mitlaufenden Jungen in kurzen Hosen auf der rechten Bildseite und der zerstörten Gedächtniskirche im Hintergrund (Abbildung 1). Der auf den phantastisch-realistischen Bildwelten des Grafikers Chesley Bonestell beruhende und von George Pal produzierte Farbfilm wurde nicht nur mit einem Oscar für Spezialeffekte, sondern auch mit einem Bronzenen Bären ausgezeichnet. Ähnlich wie bei Langs internationalem Zwischenkriegserfolg "Frau im Mond" waren technische Präzision und größtmögliche Plausibilität erklärtes Ziel, und in der Tat sind gerade die Mondlandungsszenen erstaunlich nahe an den Fernsehbildern, die man vom Juli 1969 kennt. "Das Ergebnis ist eine Art Dokumentarfilm, der dem gut informierten Raumfahrt-Freund ein anregendes Porträt des bemannten Raketenflugs in das Weltall zeigt, dem Publikum aber zum erstenmal den unvergeßlichen Eindruck von der Weite des Raumes und der nüchternen Realistik der Raumfahrt vermittelt", zeigte sich der Publizist Heinz Gartmann vom erzielten Realismus beeindruckt, und die Londoner British Interplanetary Society organisierte eigene Filmvorführungen, um in der Öffentlichkeit für ihre Zwecke zu werben. "This is the end … of the beginning", versprach der Abspann.[9]

Werbeaktion für den Film "Endstation Mond" auf dem Kurfürstendamm während der Berliner Filmfestspiele 1951. Menschen marschieren in Raumanzügen in einer Reihe den Kurfürstendamm entlang, im Hintergrund die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche.Abbildung 1: Werbeaktion für den Film "Endstation Mond" auf dem Kurfürstendamm während der Berliner Filmfestspiele 1951. (© akg-images/Gert Schütz)

Während die Technikexperten die silbrig glitzernde Rakete bewunderten, wurden dem breiten Publikum die unermesslichen Weiten des Weltalls als sich in Kürze öffnender Handlungsraum vor Augen geführt. Die Mischung aus anti-sowjetischen Drohgebärden ("The first country that can use the moon for the launching of missiles will control the earth") und in unverhohlen imperialer Rhetorik vorgetragenen Zukunftsversprechungen auf ein Leben jenseits der Erde fand breite Resonanz in einer Öffentlichkeit, die im Krieg schmerzhaft die Leistungsfähigkeit neuer Großtechnologien hatte erfahren müssen und für die jetzt, nach Kriegsende, eine Neujustierung des gesellschaftlichen Konsensmodells überlebensnotwendig war. Der Kalte Krieg war auch ein Krieg um die Zukunft, und diese fand im Weltraum statt.

Grundlage der interstellaren Expansionsphantasien und kosmischen Kolonisierungsträume der westlichen Nachkriegsgesellschaften waren die beiden wichtigsten technischen Innovationen, die noch während des Zweiten Weltkrieges entwickelt worden waren und binnen Kurzem als Signen des neuen Zeitalters fungierten: die Atombombe und die Rakete. Obgleich ursprünglich demselben militärischen Entstehungszusammenhang entstammend, lösten sich die Versprechungen des Atom- wie des Weltraumzeitalters in der öffentlichen Debatte schnell voneinander ab. Es gab immer wieder Auseinandersetzungen um Sinnhaftigkeit und Modalitäten der Raumfahrt, insbesondere über Fragen der Finanzierung, gleichwohl war deren gesellschaftliches Konfliktpotenzial anders als im Falle von Atombombe und Kernkraft gering und blieb auf einzelne Kritiker wie den Physiker und Nobelpreisträger Max Born beschränkt. Selbst gegen die als Folge des Kalten Krieges fortwährend bedrohlichere Militarisierung des Weltraums formierten sich bis zum NATO-Doppelbeschluss und Ronald Reagans phantastischen "Star Wars"-Plänen im Rahmen seiner Strategic Defense Initiaitve (SDI) Anfang der 1980er Jahre kein überindividueller Protest oder transnational organisierte Anti-Raumfahrtbewegungen. In den Ostermärschen stand die Aufrüstung, nicht so sehr der Erdorbit im Zentrum, und wenn doch, stellte der Weltraum keine Bedrohung, sondern ein zu schützendes Sanktum dar ("Den Himmel von Raketen frei/Christen gegen SDI!").

Lange waren sich Experten wie Laien einig, dass es sich beim kollektiven Ausgreifen in die räumliche Unendlichkeit um eine Frage der Zeit handelte, waren die technischen Möglichkeiten doch gegeben und galten als ebenso unbegrenzt wie das in Wissenschaft, Technik und den zivilisatorischen Fortschritt gesetzte Vertrauen. "Der Mensch hat seine Nase bereits in den Raum hinausgesteckt", verkündete der deutsch-amerikanische Staringenieur Wernher von Braun: "Er wird sie nicht wieder zurückziehen."[10]

Fußnoten

3.
Carl Schmitt, Land und Meer, Stuttgart 1942, S. 73–76.
4.
Pierre Teilhard de Chardin, Vie et planètes, in: Études 248/1946, S. 145–169, hier S. 162.
5.
Helmuth Plessner, Gedanken eines Philosophen zur Weltraum-Rakete (1949), in: Joachim Fischer/Dierk Spreen (Hrsg.), Soziologie der Weltraumfahrt, Bielefeld 2014, S. 197–201, hier S. 201.
6.
Frederick I. Ordway/Randy Liebermann (Hrsg.), Blueprint for Space. Science Fiction to Science Fact, Washington, D.C. 1992, S. 126. Für Begriff, Konzept und Forschungsfeld "Astrokultur" siehe Alexander C.T. Geppert, Rethinking the Space Age, in: History and Technology 28/2012, S. 219–223 sowie die drei Bände der European Astroculture-Trilogie: ders. (Hrsg.), Imagining Outer Space, London 20182; ders. (Hrsg.), Limiting Outer Space, London 2018; ders./Daniel Brandau/Tilmann Siebeneichner (Hrsg.), Militarizing Outer Space, London 2020.
7.
Ausführlich Alexander C.T. Geppert, Space Personae. Cosmopolitan Networks of Peripheral Knowledge, 1927–1957, in: Journal of Modern European History 6/2008, S. 262–286.
8.
Arthur Lange, Ende der Unendlichkeit, in: Nordwestdeutsche Hefte 12/1948, S. 12f.; Gesundheits-Regeln für Weltraum-Fahrer, in: Kristall 14/1948, S. 14; Arthur Lange, Weltraumfahrt wohin?, in: Kristall 17/1948, S. 27; Transatlantisches Sausen, in: Der Spiegel, 19.7.1947, S. 19f.
9.
Heinz Gartmann, Rakete und Raumflug im Film, in: Weltraumfahrt 1/1950, S. 86–91, hier S. 91; A.V. Cleaver, Astronautics at the Cinema, in: Journal of the British Interplanetary Society 10/1951, S. 148–153.
10.
Wernher von Braun, Crossing the Last Frontier, in: Collier’s, 22.3.1952, S. 24–28, hier S. 26; Wernher von Braun. Kolumbus des Alls?, in: Der Spiegel, 28.12.1955, S. 24–34, hier S. 34.
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