Die Erde über dem Mondhorizont, im Vordergrund die Oberfläche des Mondes. Aufgenommen während der Apollo 11 Mission, dem ersten bemannten Flug mit einer Mondlandung, 20.07.1969.

12.7.2019 | Von:
Alexander C.T. Geppert

Phantasie, Projekt, Produkt. Astrokultur und der Weltraum des 20. Jahrhunderts

Projekt

Zur Historisierung des Weltraums ist es notwendig, aber nicht hinreichend, diesen als unbegrenzten Imaginationsraum zu begreifen. Um die Furcht vor kosmischer Leere und menschlichem Alleinsein im Universum zu überwinden, stehen den unendlichen Weiten des Alls unzählige Versuche seiner technischen Erschließung gegenüber, in der Vorstellung genauso wie in Gestalt einer wachsenden Anzahl nationaler und internationaler Raumfahrtprogramme. Dass Weltraumdenken und Astrokultur beständig zwischen dem oszillieren, was gemeinhin mit den Antonymen science beziehungsweise fiction bezeichnet und ebenso in unmittelbarer Nähe verortet wird wie zugleich in weiter Ferne liegt, erklärt ihre ungeheure und anhaltende Faszinationskraft. Indes ist der Weltraum nicht nur Gegenstand kollektiver Phantasie, sondern auch technoszientistisches Menschheitsprojekt des 20. Jahrhunderts.

Das Titelbild der Zeitschrift "Scala International" im Februar 1961 zeigt eine gezeichnete Erdkugel, die von vier Satelliten umkreist wird.Abbildung 2: Titelbild der Zeitschrift "Scala International" im Februar 1961. (© Frankfurter Societäts-Druckerei GmbH & Co. KG)
"Was geschieht im Weltall?", fragte die Zeitschrift "Scala International" im Februar 1961, dreieinhalb Jahre nach der Stationierung des ersten künstlichen Satelliten im Erdorbit und zwei Monate vor dem ersten bemannten Raumflug (Abbildung 2). Wie Elektronen einen Atomkern umkreisten auf dem Titelbild des Grafikers Erik Theodor Lässig vier kurz zuvor im Erdorbit stationierte Satellitensysteme die Erde und versinnbildlichten die von der Zukunft erwartete Entwicklung hin zu einem gleichmäßig erschlossenen und verflochtenen Planeten sowie die Verschränkung des Atom- und des Weltraumzeitalters, mit Europa als Mittelpunkt. "Mag dem Menschen irgendwo eine Grenze im Weltall gesetzt sein – wir wissen es nicht", erklärte der dazugehörige Bericht: "Ganz sicher gehört jedoch schon morgen ein Teil davon zu seinem Lebensraum und erschließt ihm vollkommen neue Möglichkeiten, die heute schon nicht mehr in den Bereich utopischer Phantasie gehören, sondern jeden einzelnen von uns in seiner privatesten Sphäre treffen werden."[11] Im Frühjahr 1961 noch fiktional, konstituierte die auf dem Höhepunkt des Weltraumzeitalters erfolgte Perspektivenumkehrung die Einheit des Planeten Erde.

Was im Weltall "wirklich" geschah, war nicht nur die Erschließung der erdnahen Um-Welt durch Wissenschaft und Technik, sondern die Erschaffung des Weltraums selbst. Während Filmkritiker und Cineasten in den frühen 1950er Jahren stritten, ob das Weltraumkino alle Möglichkeiten extraterrestrischen Er- und Überlebens nicht längst erschöpfend durchgespielt und seinen Zenit überschritten habe, zumal erste Parodien in den Lichtspielhäusern zu sehen waren ("Abbott and Costello Go to Mars", 1953), verfestigte sich auf der Erde der Eindruck einer ungeheuer beschleunigten und zielgerichteten Entwicklung.[12] "Satelliten, Weltraumstationen, Flug nach dem Mond – das sind die aktuellen, jetzt schon fast ‚offiziellen‘ Schritte zur Weltraumfahrt", beschrieb Gartmann 1956 eine solche Extrapolation in die Zukunft, während das Technikmagazin "Hobby" die vermeintliche Pfadabhängigkeit des Schritt für Schritt abzuhakenden "Weltraumfahrplans" als "Abenteuer nach Kursbuch" pries.[13]

Die schnelle Abfolge ingenieurtechnischer Marksteine konnte in der Tat als atemberaubend empfunden werden. Ein space first jagte das nächste: der erste künstliche Satellit (4. Oktober 1957), das erste Lebewesen (3. November 1957) und der erste Mensch im Erdorbit (12. April 1961), der erste "Spaziergang" außerhalb der schützenden Kapsel (28. März 1965), das erste Andockmanöver zweier Raumschiffe (16. März 1966), die erste Mondumkreisung (24. Dezember 1968) und, als Krönung, der erste Mensch auf dem Mond (20. Juli 1969). Diese konsekutiven Schritte eines "Vorstoßes in die Unendlichkeit" schienen sowohl die Validität der früheren Expansionsszenarien zu bestätigen als auch die unentrinnbare Logik der dem space age inhärenten linearen Entwicklung zu belegen.[14] Dass je eine Hälfte der technischen Errungenschaften dem sowjetischen, die andere dem US-amerikanischen Raumfahrtprogramm gutgeschrieben wurde, hielt das Rennen bis etwa Mitte der 1960er Jahre offen und verstärkte das Gefühl planbaren, fast zwangsläufigen Voranschreitens. Vom Sputnik-Start bis zur Mondlandung vergingen nicht einmal zwölf Jahre, von Juri Gagarins Raumflug bis zu Neil Armstrongs Ausstieg aus der Landefähre acht. Währenddessen verhundertfachte sich die jenseits der Erdatmosphäre verbrachte Zeit von 108 Minuten auf 195 Stunden.[15]

Für etwa ein halbes Jahrhundert, von der Zwischenkriegszeit bis zum Ende des Apollo-Programms 1972, fungierte der Weltraum so als Fluchtpunkt extraterrestrischer Zukünfte. Die Mondlandung erwies sich als spektakulärer Wendepunkt, nicht jedoch im zuvor prophezeiten Sinne. Was von einem Fernsehsender als "the end of the beginning" angekündigt und von US-Präsident Richard Nixon als "the most significant week in the history of the world since Creation" gefeiert wurde, markierte effektiv den Anfang vom Ende des Weltraumzeitalters.[16] Nachdem mit der ersten der insgesamt sechs Landungen die technische Machbarkeit nachgewiesen war, sank das Interesse der Öffentlichkeit rapide. Mond-Fieber wie Apollo-Rausch verflogen. Die astrokulturellen Phantasien und die allen Expansionsszenarien inhärenten Versprechungen des space age wurden im Post-Apollo-Zeitalter zum Problem. In der Imagination war der Weltraum längst so umfassend erobert, dass das bloße Erreichen des Mondes ohne realistische Pläne für eine dauerhafte Besiedlung die geplante Zwischenetappe zur Endstation machte.[17]

Aus einer dezidiert europäischen Perspektive mutet es fast schon ironisch an, dass das europäische Raumfahrtprogramm – Gründung der European Space Agency (ESA) im Mai 1975, erster erfolgreicher Start einer Ariane-Trägerrakete im Dezember 1979, erster Einsatz des europäischen Spacelab-Moduls an Bord eines US-amerikanischen Space Shuttle im November 1983 – nach organisatorisch komplizierten und wenig glücklichen Anfängen gerade zu dem Zeitpunkt an Fahrt aufzunehmen begann, als die jahrzehntelange Begeisterung für eine Zukunft in den Sternen abgeebbt und einer "allgemeinen Weltraummüdigkeit" Platz gemacht hatte.[18]

Fußnoten

11.
Europäischer "Weltraum-Club". Europa will nicht abseits stehen, in: Scala International 2/1961, S. 38–41, hier S. 41.
12.
Bosley Crowther, Outer Space Comes of Age, in: The Atlantic Monthly 3/1952, S. 91f.
13.
Heinz Gartmann, Dr. Sängers Flugmechanik der Photonenstrahlantriebe, in: Weltraumfahrt 7/1956, S. 76ff., hier S. 76; Abenteuer nach Kursbuch. Der Weltraumfahrplan, in: Hobby 10/1963, S. 56–61.
14.
Vorstoss in die Unendlichkeit beginnt, in: Frankfurter Illustrierte, 23.2.1957, Rückseite.
15.
Vgl. James Clay Moltz, Crowded Orbits. Conflict and Cooperation in Space, New York 2014, S. 43; Richard W. Orloff, Apollo by the Numbers, Washington, D.C. 20042, S. 309.
16.
The End of the Beginning, in: New York Times, 16.7.1969, S. 25; CBS News, 10:56:20 PM EDT, 7/20/69, New York 1970, S. 159.
17.
Vgl. die Beiträge in Geppert, Limiting Outer Space (Anm. 6).
18.
Ein Gegenkandidat für den Genossen Karl Liedtke, in: Westdeutsche Allgemeine Zeitung (Ausgabe Bochum), 15.7.1978.
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