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Die deutsche Umsetzung des Bologna-Prozesses


17.11.2006
Bis 2010 sollen alle Studiengänge in Deutschland auf Bachelor und Mater umgestellt werden. Gut die Hälfte ist bereits geschafft; beim Rest mangelt es eher an Mitteln denn an Willen.

Einleitung



Neben der Einführung von Studiengebühren und der Auszeichnung von Spitzenuniversitäten wird kaum ein Aspekt der Hochschulreform so intensiv in den deutschen Medien diskutiert wie die Umstellung auf die Abschlüsse "Bachelor" und "Master". Die bekannten Studienabschlüsse "Diplom", "Magister" und teilweise sogar "Staatsexamen" werden sukzessive ersetzt durch englischsprachige Titel, die Struktur der Studiums dahingehend verändert, dass ein erster berufsqualifizierender Abschluss (Bachelor) schon nach meist drei Jahren, ein zweiter (Master) dann nach weiteren meist zwei Jahren vergeben wird.

Die einen sehen in der Reform die Chance, dass Deutschland den Anschluss an internationale Entwicklungen findet und Probleme des deutschen Hochschulsystems wie überlange Studiendauer, hohe Abbrecherquoten und geringe Orientierung an den Bedürfnissen der Studierenden überwindet.[1] Andere hingegen befürchten den Ausverkauf deutscher Bildungstraditionen zugunsten eines "anglo-amerikanischen Modells",[2] die Minderung des Anspruchs an ein Hochschulstudium und den Missbrauch der Reform für Einsparungen.[3] Es wird in der Debatte zuwenig differenziert zwischen den prinzipiellen Chancen der neuen Studienstruktur, den auf europäischer Ebene formulierten Zielen, den Stärken und Schwächen der Ausgestaltung der rechtlichen Rahmenbedingungen oder der Umsetzung an einzelnen Hochschulen in Deutschland, "Kinderkrankheiten" des neuen Systems und tiefer liegenden Problemen des deutschen Hochschulsystems, die auch diese Reform nicht so einfach beheben kann.[4] Gerne wird im gleichen Atemzug ein verklärtes Humboldt'sches Ideal beschworen, das in dieser Form schon lange nicht mehr an deutschen Hochschulen zu finden ist.

Dieser Beitrag stellt die Merkmale der deutschen Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge (BMS) in den europäischen Kontext und kontrastiert sie mit Entwicklungen in den Hochschulsystemen der Niederlande, Frankreichs und Großbritanniens. Dabei ist es das Ziel, Missverständnisse in der Reformdiskussion aufzuklären und die Besonderheiten der deutschen Umsetzung der Reformen herauszuarbeiten. Dazu rekapituliere ich die Anfänge der Einführung von Bachelor-Master-Studiengängen (BMS) im Jahr 1998 und frühe Weichenstellungen der Kultusministerkonferenz (KMK) im Jahr 1999, bevor ich eine Reihe von Gestaltungsmerkmalen der Studienstrukturreform in Deutschland im Spiegel europäischer Entwicklungen beleuchte.[5]

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Fußnoten

1.
Vgl. Wissenschaftsrat, Empfehlungen zur Einführung neuer Studienstrukturen und -abschlüsse (Bakkalaureaus/Bachelor - Magister/Master) in Deutschland, Drs. 4418/00, Köln, 21.1. 2000; Kultusministerkonferenz (KMK), Stärkung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des Studienstandortes Deutschland. Beschluss der KMK, Bonn, 24.10. 1997.
2.
Rüdiger Gorner, Allzu bereitwillige Selbstaufgabe: Über die hemmungslose Selbstanglisierung der deutschen Universitäten, in: Forschung & Lehre, (2004) 6, S. 316 - 317.
3.
Vgl. Clemens Pornschlegel, Uni Bolognese: Wie sich die Europäische Hochschulbildung selbst abschafft, in: Süddeutsche Zeitung vom 22.11. 2004, S. 4.
4.
Vgl. Ursula Link-Herr, Warum machen alle mit? Nach Diktat reformiert: Wir Bertelsmann-Professoren, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 7.8. 2006, S. 36.
5.
Wo keine speziellen Quellenangaben genannt sind, basiert dieser Beitrag auf meiner Promotionsschrift: Change of degrees and degrees of change: Comparing adaptations of European higher education systems in the context of the Bologna process, Diss., Universiteit Twente/CHEPS, Enschede 2006. Die Arbeit steht zum kostenlosen Download zur Verfügung unter http: // www.utwente.nl/cheps/documenten/2006wittedisser tation.pdf.