APUZ Dossier Bild

13.11.2006 | Von:
Günther Ogris
Sabine Westphal

Politisches Verhalten Jugendlicher in Europa

Sind junge Menschen wirklich in geringerem Ausmaß politisch aktiv oder wählen sie nur andere Formen der politischen Beteiligung? Junge Europäer ergänzen ihre Teilnahme an Wahlen und Wahlkämpfen durch unkonventionelle Formen der politischen Partizipation.

Einleitung

Die Wahlbeteiligung bei den Wahlen zum Europäischen Parlament im Juni 2004 war in der Mehrzahl der EU-Mitgliedsstaaten so enttäuschend niedrig wie vorhergesagt. Unter den jungen Wählerinnen und Wählern blieb sie sogar noch hinter dem Durchschnitt zurück: Mehr als zwei Drittel der 18- bis 24-Jährigen nahmen nicht an der Wahl teil (67 Prozent im Vergleich zu 54 Prozent der Gesamtpopulation).[1]



Diese niedrige Wahlbeteiligung nährte in der Folge einen Großteil der Diskussionen über das mangelnde politische Interesse und die sinkende politische Beteiligung der "neuen Generation" junger Europäer. Dies wurde einerseits als eine ernste Bedrohung der repräsentativen Demokratie und somit der Zukunft Europas gewertet. Auf der anderen Seite gab es jedoch auch die Stimmen jener, die der jungen Generation sehr wohl politisches Interesse und politische Beteiligung zusprachen - junge Menschen würden dafür andere Wege und Formen der politischen Beteiligung wählen. Sie seien an politischen Fragen sehr wohl interessiert, stünden dem politischen Prozess aber entfremdet gegenüber.[2]



Der vorliegende Beitrag, der auf den Ergebnissen des im 5. Rahmenprogramm der Europäischen Kommission finanzierten Forschungsprojekts "Political Participation of Young People in Europe (EUYOUPART)"[3] basiert, zeigt, dass sich Jugendliche in Europa durchaus an den Prozessen der repräsentativen Demokratie beteiligen. Die Teilnahme an Wahlen ist für sie die wichtigste Möglichkeit der Mitbestimmung. Diese ergänzen sie, indem sie von alternativen und neueren Formen der partizipativen Demokratie Gebrauch machen.

Darüber hinaus beschäftigt sich der Beitrag mit Einflussfaktoren auf das politische Verhalten Jugendlicher: mit der Sozialisation durch das Elternhaus und den Freundeskreis, der Aktivierung durch die Schule und der Auswirkung der Mitarbeit in politischen Organisationen auf das weitere Partizipationsverhalten. Empfehlungen zur Steigerung der politischen Beteiligung unter Jugendlichen runden die Darstellung der Ergebnisse ab.

Fußnoten

1.
Vgl. Flash Eurobarometer 162 "Post European Elections 2004 Survey" (21/6/2004 - 30/6/2004), EOS Gallup Europe, Bericht S. 10, Umfrage organisiert und koordiniert durch Directorate-General "Press and Communication".
2.
Vgl. Weißbuch der Europäischen Union: "Neuer Schwung für die Jugend Europas", Brüssel 2001; 2003 formuliert die Kommission in einer Presseaussendung (14. 4. 2003): "Die geringe Beteiligung am demokratischen und gesellschaftlichen Geschehen ist kein Schicksal"; 2004 der National Youth Council of Ireland (NYCI) in einer Pressekonferenz mit dem Titel "It's alienation not apathy".
3.
Befragt wurden 8 000 junge Menschen im Alter von 15 bis 25 Jahren in Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich, Estland, Finnland, der Slowakei und in Großbritannien. Vgl. EUYOUPART - Political Participation of Young People in Europe: Development of Indicators for Comparative Research in the European Union; Forschungsprojekt im 5. Rahmenprogramm der Europäischen Kommission (Januar 2003 - Juli 2005).