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13.11.2006 | Von:
Wolfgang Gaiser
Sabine Sardei-Biermann
Johann de Rijke
Martina Gille

Zukunft Europa im Blick der Jugend

Welche Einstellungen haben junge Menschen gegenüber Europa und von welchen Faktoren hängen diese ab? Ein Teil der jungen Generation sieht Europa als eigenes Zukunftsprojekt.

Einleitung

Das Projekt Europa zielt nicht nur auf ökonomische Harmonisierung und politische Vereinigung, sondern auch auf soziale Integration. Es geht also nicht nur um die Angleichung von Lebensverhältnissen und politischen Strukturen, sondern auch um gegenseitige Beziehungen und Bindungen. Unter diesem Aspekt kann "auf der individuellen Ebene auch die subjektive Identifikation der einzelnen Bürger und ihr Gefühl der Zugehörigkeit zu und der Verbundenheit mit Europa als Maßstab für den Grad der europäischen Integration betrachtet werden".[1]



Zwar finden sich Hinweise darauf, dass trotz der zunehmenden ökonomischen und politischen Integration die Identifikation der Gesamtbevölkerung mit Europa nicht zugenommen hat. Es gibt aber bei den jüngeren Generationen, für die die Europäische Union selbstverständlicher politischer Kontext ihres Aufwachsens ist, eher eine optimistische Haltung gegenüber Europa.

Jürgen Habermas hat insbesondere auf die subjektiven, also auch Einstellungen betreffenden Elemente für eine europäische Weiterentwicklung und Integration verwiesen. Er betont, dass es weniger um die Entwicklung einer starken europäischen Identität geht, die am Ende die auf die nationale politische Gemeinschaft bezogenen Wertorientierungen ablösen soll, sondern um eine Offenheit gegenüber einer übernationalen politischen Meinungs- und Willensbildung über europäische Themen.

Etwas emphatisch formuliert: "Es geht um Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit die Bürger ihre staatsbürgerliche Solidarität über ihre jeweiligen nationalen Grenzen hinaus mit dem Ziel einer wechselseitigen Inklusion erweitern können."[2]



In einem solchen Sinne beschäftigen sich die folgenden Abschnitte mit Voraussetzungen möglicher verstärkter europäisch orientierter Bewusstseinsbildung. Im DJI-Jugendsurvey 2003[3] wurden die Einstellungen junger Menschen gegenüber Europa und seinen Institutionen in dreierlei Hinsicht erfasst: Zum einen wurden Orientierungen gegenüber Europa wie Europakompetenz, nämlich das allgemeine Verständnis der Funktionsweise der EU, die persönliche Betroffenheit durch europapolitische Entscheidungen sowie die Bedeutung von Europa für die persönliche Zukunft thematisiert, zum anderen die Verbundenheit bzw. Identität mit Europa im Vergleich zur nationalen Ebene. Darüber hinaus wurde nach dem Vertrauen in europäische Institutionen gefragt. Im Folgenden werden die empirischen Ergebnisse zu diesen drei Einstellungsaspekten dargestellt.

Fußnoten

1.
Heinz-Herbert Noll/Angelika Scheuer, Kein Herz für Europa? Komparative Indikatoren und Analysen zur europäischen Identität der Bürger, in: ISI, (2006) 35, S. 1 (ISI = Informationsdienst Soziale Indikatoren).
2.
Jürgen Habermas, Der gespaltene Westen. Kleine politische Schriften X, Frankfurt/M. 2004, S. 76.
3.
Der Jugendsurvey des Deutschen Jugendinstituts (DJI), München, ist eines der großen replikativen Forschungsvorhaben, das im Rahmen der Sozialberichterstattung des DJI durchgeführt wird (Projekthomepage mit weiteren Literaturhinweisen: www.dji.de/jugendsurvey). Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend unterstützt diese Forschung im Rahmen der Finanzierung des DJI. In den ersten beiden Wellen (1992 und 1997) wurden jeweils ca. 7 000 16- bis 29-jährige deutsche Personen befragt (West: ca. 4 500, Ost: ca. 2 500), in der dritten Welle (2003) 9 100 12- bis 29-Jährige mit deutscher und nicht-deutscher Staatsangehörigkeit (West: ca. 6 300, Ost: ca. 2 800). Da es bei dem hier vorgelegten Beitrag zum Teil um einen Vergleich von Ergebnissen aller drei Wellen geht, wird hier nur auf die gemeinsame Teilgruppe aller drei Wellen Bezug genommen. Dies sind die 16- bis 29-Jährigen mit deutscher Staatsangehörigkeit.