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23.10.2006 | Von:
Jutta Allmendinger
Rita Nikolai

Innerdeutsche Migration und psychische Gesundheit

Die vorliegende Beitrag gibt die Ergebnisse einer bundesweiten Befragung von innerdeutschen Migrantinnen und Migranten bezüglich ihrer Erfahrungen mit der Migration und ihrer psychischen Gesundheit wieder.

Einleitung

Migration (Wanderung, räumliche Bevölkerungsbewegung) bezeichnet die "räumliche Mobilität bzw. geografische Ortsveränderung von Menschen über eine bestimmte Mindestdistanz und für einen bestimmten Mindestzeitraum hinweg zur Errichtung eines neuen dauerhaften oder vorübergehenden Wohnsitzes."[1]









Aus wirtschaftswissenschaftlicher Perspektive werden Migrationsprozesse in makroökonomischen Ansätzen als Resultante der Vor- undNachteile des Ziel- und des Heimatortes betrachtet. Die "Push-Pull-Hypothese" geht davon aus, dass bestimmte "Abstoßungsfaktoren" (zum Beispiel schnelles Bevölkerungswachstum, Arbeitsknappheit, niedrige Entlohnung, schlechte Gesundheitsversorgung, Diskriminierung) einer Herkunftsregion in Kombination mit "Anziehungsfaktoren" (zum Beispiel geringes Bevölkerungswachstum, hohes Arbeitsangebot, hohe Entlohnung, ausreichender Wohnraum, ausreichende Gesundheitsversorgung, keine Diskriminierung,) einer Zielregion Wanderungsentscheidungen beeinflussen. Aus mikroökonomischer Perspektive wird davon ausgegangen, dass jeder Einzelne für sich eine individuelle Kosten-Nutzen-Analyse durchführt und sich zur Migration entschließt, wenn - ökonomisch ausgedrückt - "der erwartete Barwert seiner Migrationsrente positiv ist"[2]. Eine solche Sichtweise reduziert den Sachverhalt auf eine rein ökonomische Betrachtung, lässt aber die psychischen (und andere nicht-monetären) Kosten außer Acht. Migrationsprozesse sind regelhaft mit Anpassungs-, Ein- und Umgewöhnungsprozessen verknüpft, die einerseits Chancen für persönliche Entwicklungen bieten, zum anderen aber auch zu Verunsicherung führen und Belastungen darstellen.

Dass Migration mit krankheitswertigen psychischen Problemen, etwa Depression und Schlafstörungen, einhergehen kann, ist für Zuwanderer von außerhalb Deutschlands umfangreich belegt.[3] Für die Zusammenhänge zwischen innerdeutscher Migration und psychischer Gesundheit gibt es bisher aber kaum empirische Befunde. Vorliegende Untersuchungen zu innerdeutschen Migrationsbewegungen scheinen nur den von Ost- nach Westdeutschland zugewanderten Personen gewidmet zu sein,[4] möglicherweise, weil vergleichsweise weniger Personen von West- nach Ostdeutschland migrierten: 2,035 Millionen Menschen sind zwischen 1991 und 2003 von den neuen in die alten und 1,19 Millionen von den alten in die neuen Bundesländer gezogen.[5] Dabei bleibt allerdings offen, wie hoch der Anteil von Re-Migranten und Migranten[6] ist.

Berth, Förster und Brähler begleiteten in ihrer Sächsischen Längsschnittstudie in (fast) jährlichem Abstand seit 1987 damals 14-jährige SchülerInnen aus der DDR (n = 1407), wobei seit 1995 die Migration aus den ost- in die westdeutschen Bundesländer mit erhoben wurde (n = 271-325).[7] Als Hauptmotiv für die Migration erwies sich die schwierige Situation auf dem Arbeitsmarkt in Ostdeutschland. Die in die westdeutschen Bundesländer migrierten Befragten zeigten sich zuversichtlicher und lebenszufriedener als die nach wie vor im Osten lebenden, sie waren sozial integriert und nur die wenigsten beabsichtigen, nach Ostdeutschland zurückzukehren. Insgesamt zeigt sich, dass für die untersuchten jungen (!) Ost-West-Migranten Migration zu einem besseren Befinden führte.

Gunkel und Priebe untersuchten drei Gruppen von kurz nach der Maueröffnung nach West-Berlin umgezogenen Personen:[8] Übersiedler aus der DDR (n = 512), Aussiedler aus Polen (n = 90) und aus Westdeutschland stammende Personen (n = 283). Die Befragten berichteten gehäuft von psychischen Problemen in den ersten Monaten nach der Migration. Diese Beschwerden schienen sich bei den Übersiedlern aus dem Osten nach rund acht Monaten verringert zu haben, wohingegen sie bei den aus Westdeutschland stammenden Personen zunahmen.

In einer eigenen Voruntersuchung zeigte sich bei West-Ost-Migranten (n = 41) und auch bei Ost-West-Migranten (n = 76) im Vergleich mit Nicht-Migranten ein beeinträchtigtes psychisches Befinden:[9] Migranten waren depressiver gestimmt als Nicht-Migranten, wobei sich nicht-migrierte Ost- und Westdeutsche nicht wesentlich unterschieden. Bei den Migranten waren die in Westdeutschland aufgewachsenen und nach Ostdeutschland gezogenen Personen stärker belastet als die in Westdeutschland lebenden Ostdeutschen.

In einer weiteren Untersuchung (54 West-Ost- und 68 Ost-West-Migranten) berichteten Migranten über gegenüber Nicht-Migranten höheren Stress, eingeschränkteres körperliches Wohlbefinden und stärkere körperliche Symptome.[10] Probandinnen und Probanden, die von West- nach Ostdeutschland übergesiedelt waren, schätzten ihre Lebensqualität niedriger als alle anderen Gruppen ein.

Wir haben in der vorliegenden Studie 202 West-Ost- und 200 Ost-West-Migranten bezüglich ihrer Migrationserfahrungen und ihrer psychischen Gesundheit befragt und die Ergebnisse mit Befunden zur psychischen Gesundheit von altersentsprechenden Nicht-Migranten verglichen.


Fußnoten

1.
Weitere Angaben zu den Autorinnen und Autoren: C.Albani: Oberassistentin an der Klinik und Poliklinik für Psychotherapie und Psychosomatische Medizin am Universitätsklinikum Leipzig; M. Geyer: Professor am Universitätsklinikum Leipzig und Klinikdirektor der Klinik und Poliklinik für Psychotherapie und Psychosomatische Medizin - alle beide: Universitätsklinikum Leipzig, Karl-Tauchnitz-Str. 25, 04107 Leipzig; G. Blaser: Psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis, Lampestr. 3, 04107 Leipzig; H. Bailer: Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Ulm; N.Grulke: Oberarzt, Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Ulm - beide: Frauensteige 14 a, 89075 Ulm; E. Brähler: Professor am Universitätsklinikum Leipzig und Leiter der Selbständigen Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie; G. Schmutzer: Selbständige Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie - alle beide: Universitätsklinikum Leipzig, Philipp-Rosenthal-Str. 55, 04103 Leipzig.

Vgl. Berliner Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung. Glossar der wichtigsten demographischen Begriffe. "http://www.berlin-institut.org/pages/fs/fs_lexikon.html: Accessed 14. Nov., 2003, S. 7.
2.
N. Berthold/M. Neumann, Zehn Jahre Binnenmarkt: Wie frei ist der europäische Arbeitnehmer wirklich? (Wirtschaftswissenschaftliche Beiträge des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre, Wirtschaftsordnung und Sozialpolitik, Nr. 67), Würzburg 2003 (Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg, Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät).
3.
Vgl. B. Kirkaldy/R. G. Siefen/U. Witiig/A. Schüller/E. Brähler/M. Merbach, Health and emigration: subjective evaluation of health and physical symptoms in Russian-speaking migrants, in: Stress and Health, (2005) 21, S. 295 - 309.
4.
Vgl. B. Hantsche, Mobilität als Familienerfahrung - ein Fallbeispiel, in: Zeitschrift für Frauenforschung, (1995) 13, S. 27 - 40; R. Schwarzer/M. Jerusalem (Hrsg.), Gesellschaftlicher Umbruch als kritisches Lebensereignis - Psychosoziale Krisenbewältigung von Übersiedlern und Ostdeutschen, Weinheim 1994.
5.
Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg), Datenreport 2003. Zahlen und Fakten über die Bundesrepublik Deutschland. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2004.
6.
Wenn im weiteren Verlauf nur von Migranten gesprochen wird, so sind immer Migrantinnen und Migranten gemeint.
7.
Vgl. H. Berth/P. Förster/E. Brähler, Psychosoziale Folgen einer Migration aus den neuen in die alten Bundesländer. Ergebnisse einer Längsschnittstudie, in: Psychosozial, (2004) 27, S. 81 - 96.
8.
Vgl. S. Gunkel/S. Priebe, Psychische Beschwerden nach Migration: Ein Vergleich verschiedener Gruppen von Zuwanderern in Berlin, in: Psychotherapie · Psychosomatik · Medizinische Psychologie (1992) 42, S. 414 - 423.
9.
Vgl. N. Grulke/H. Bailer/G. Blaser/C. Albani/G. Schmutzer/M.Geyer/E. Brähler, Migration in die Depression? - Innerdeutsche Migration und psychische Befindlichkeit, in: Psychosozial, (2004) 95, S. 97 - 106.
10.
Vgl. C. Albani/G. Blaser/M. Geyer/G. Schmutzer/H. Bailer/N. Grulke/E. Brähler, Innerdeutsche Migration und psychisches Befinden, in: Psychotherapeut, (2006) (i.E.).