Ein Klassiker der Gaming-Welt: Pac Man. Das Bild zeigt eine Aufnahme des Spiels von 1983. Pac-man wird von drei Geistern gejagt, während er versucht, so viele Punkte wie möglich zu "fressen".

26.7.2019 | Von:
Robin Streppelhoff

Wettkampf-Gaming: Sport oder Spielerei?

E-Sport auf der politischen Agenda

Die (sport-)politische Diskussion in Deutschland wurde 2016 unter anderem von Hans Jagnow ins Rollen gebracht. Der heutige ESBD-Präsident war seinerzeit Mitarbeiter der Piratenpartei im Abgeordnetenhaus von Berlin und wird gelegentlich auch als ein "Geburtshelfer" der institutionalisierten E-Sport-Szene bezeichnet.[11] Gemeinsam mit Bündnis 90/Die Grünen forderte seine Partei im Februar 2016, E-Sport als Sportart anzuerkennen und entsprechend zu fördern. Wenige Wochen später legte der Wissenschaftliche Parlamentsdienst ein Gutachten vor, in dem klargestellt wurde, dass E-Sport "nach derzeitiger Rechtslage nicht als Sport im rechtlichen Sinne anzusehen und deshalb rechtlich nicht als Sportart anerkennungsfähig" sei.[12] Darüber hinaus wurde an mehreren Stellen die Autonomie des organisierten Sports beziehungsweise des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) betont. Deshalb forderte die Piratenfraktion den Berliner Senat per Antrag auf, "sich auf Bundesebene für eine Änderung des Anwendungserlasses zur Abgabenordnung und/oder der Abgabenordnung einzusetzen, damit eSport als gemeinnützige Sportart im Sinne der steuerrechtlichen Förderung auf Bundesebene anerkannt wird".[13]

Rückendeckung erhielt diese Forderung aus der Gaming-Branche: Mehrere große Unternehmen wie Electronic Arts, Microsoft, Nintendo, Sony und Ubisoft schlossen sich in der Vereinigung eSport.BIU zusammen. Auch der international führende Kölner E-Sport-Veranstalter ESL (Turtle Entertainment) und der Marketing-Spezialist Freaks 4U Gaming zählten zu den Unterstützern, ebenso die damalige Staatssekretärin im BMVI, Dorothee Bär (CSU).[14] Neben der Anerkennung als Sport gab eSport.BIU die vereinfachte Vergabe von Visa für Top-Spieler als Ziel aus. Etwa ein Jahr später veröffentlichte die Vereinigung einen Report unter dem programmatischen Titel "BIU Fokus: eSports. Aus der Nische ins Stadion". Neben der eindrucksvollen Entwicklung des Wirtschaftsmarktes wurden darin die verschiedenen Baustellen der Bewegung beschrieben: Es gebe kaum E-Sport-Vereine; zudem behindere "die fehlende rechtliche Anerkennung als legitimer Sport die Entwicklung von eSports in Deutschland deutlich". Die "größte Hürde" für diese Entwicklung sei jedoch die ausbleibende Anerkennung als Sport durch den DOSB.[15]

Mittlerweile hatte die Diskussion auch die Bundespolitik erreicht. Als netzpolitischer Sprecher der SPD wies Lars Klingbeil im April 2017 in einem Gastbeitrag für "Die Zeit" auf die Vorteile einer Anerkennung des E-Sports hin: "Die E-Sport-Szene in Deutschland würde von einem Akzeptanzgewinn profitieren und wäre gleichzeitig angehalten, größere Anstrengungen zu unternehmen, um seiner neu gewonnenen gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden." Gleichzeitig betonte er: "Die Entscheidung darüber liegt richtigerweise bei den Sportverbänden selbst",[16] was die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages kurz darauf in einer Zusammenfassung der bisherigen Diskussion bestätigten.[17] Als weiterer Fürsprecher einer Anerkennung von E-Sport als Sport trat ab seiner Gründung im November 2017 nun auch der ESBD mit großem kommunikativem Engagement und Jagnow als Präsident in Erscheinung.

Als im März 2018 der besagte Passus zur Anerkennung des E-Sports als Sport, der unter anderem von Dorothee Bär, Lars Klingbeil und dem heutigen Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) erarbeitet worden war, durch den Koalitionsvertrag zur offiziellen Regierungslinie wurde, reagierte der DOSB deutlich: "Dies kann man als klaren Angriff der Fachpolitiker im Bereich Digitales, ohne die Sportpolitiker oder gar den DOSB als Dachorganisation des organisierten Sports in Deutschland zu beteiligen, auf die Autonomie des Sports verstehen."[18]

Tatsächlich umgesetzt wurde dieser Punkt der Koalitionsvereinbarung bislang jedoch nicht, und mit Blick auf die Verbandsautonomie verwies die Bundesregierung Ende August 2018 auf die geltende Rechtslage: "Es gibt kein Anerkennungsverfahren für Sportarten durch die Bundesregierung."[19] Angesichts dieser Lage konstatierte der digitalpolitische Sprecher der SPD-Fraktion Jens Zimmermann im Frühjahr 2019 auf einer Veranstaltung: "Ich war in der Nacht dabei, als wir das im Kanzleramt da reingeschrieben haben – da waren wir vielleicht ein bisschen euphorisch, das gebe ich zu."[20] Eine andere zentrale Forderung der Games-Branche wurde indes erfüllt: Mit der Aktualisierung seines Visumhandbuches im Juli 2018 hat das Auswärtige Amt die Einreisebestimmungen für Profispieler erleichtert.[21]

Fußnoten

11.
Thomas Frey, Wenn die Legenden angreifen: In Kreuzberg hat sich ein Verein für eSport gegründet, 29.1.2019, http://www.berliner-woche.de/117788«.
12.
Wissenschaftlicher Parlamentsdienst des Abgeordnetenhauses Berlin, Gutachten über Voraussetzungen und Auswirkungen von eSport als Sportart, 18.3.2016, S. 15, http://www.parlament-berlin.de/C1257B55002B290D/vwContentByKey/W2AUPK7B239WEBSDE/$File/2016-03-18_eSport_1.pdf«.
13.
Abgeordnetenhaus Berlin, Drucksache 17/2910, 10.5.2016, S. 1.
14.
Vgl. Daniela Vates, Computerspiele als offizielle Sportart?, in: Berliner Zeitung, 18.8.2016, S. 5.
15.
Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware (Hrsg.), BIU Fokus: eSports. Aus der Nische ins Stadion, Berlin 2017, S. 34.
16.
Lars Klingbeil, Olympia braucht E-Sport – nicht umgekehrt, 20.4.2017, http://www.zeit.de/digital/games/2017-04/e-sport-anerkennung-olympisch-politik-spd«.
17.
Vgl. Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages, Ist E-Sport Sport? Stand der Diskussion, WD 10 – 3000 – 036/17, 9.6.2017, http://www.bundestag.de/resource/blob/515426/c2a9373a582f7908c090a658fdff1af8/wd-10-036-17-pdf-data.pdf«.
18.
Deutscher Olympischer Sportbund (DOSB), Hoffnung auf Mittelaufwuchs und Dialog, Pressemitteilung, 21.3.2018.
19.
Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der FDP-Fraktion, Anerkennung des eSports als Sport, BT-Drs. 19/4060, 29.8.2018, S. 3, http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/19/040/1904060.pdf«.
20.
eSport-Debatte: "Da waren wir vielleicht ein bisschen euphorisch", 20.2.2019, http://www.gameswirtschaft.de/politik/gamechanger-2019-game-verband«.
21.
Vgl. Auswärtiges Amt, Visumhandbuch, Stand Juli 2018, S. 447.
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Autor: Robin Streppelhoff für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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