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9.10.2006 | Von:
Pumla Gobodo-Madikizela

Trauma und Versöhnung - Lehren aus Südafrika

Weitergabe des Traumas und "unabgeschlossene Traumaverarbeitung"

Im Folgenden geht es um die Auswirkungen von Traumata und um die unheimliche Art und Weise, mit der traumatische Erfahrungen im Leben derer, die sie durchgemacht haben, immer wiederkehren. Das Wiederaufleben der Vergangenheit kann aufgrund tiefer, oftmals uneingestandener seelischer Verletzungen nicht so einfach abgeschlossen werden. Die Sprache der Gewalt hat sich in die Erinnerung vieler Gewaltopfer eingebrannt und wird so an die nächste - und von dieser wieder an die nächste - Generation weitergegeben, wie es bei traumatischen Erinnerungen so oft der Fall ist. So leicht verschwimmt die Unterscheidung zwischen Täter und Opfer, und Opfer werden zu Tätern.

Warum setzen traumatische Erinnerungen oft so destruktive Energien frei, den Wunsch nach Rache, das Bedürfnis, anderen zu schaden oder sich durch selbstzerstörerisches Verhalten Schaden zuzufügen? Massive traumatische Erfahrungen, wie es schwere Menschenrechtsverletzungen sind, überfordern einen Menschen und bewirken eine Reihe komplexer Mechanismen des Selbstschutzes. Ich möchte "Trauma" als Phänomen nur kurz beschreiben und nicht auf dessen unterschiedliche Ausprägungen eingehen. Ein Trauma beeinträchtigt unser Vermögen, Ereignisse vollständig und in ihrem tatsächlichen Ablauf zu erinnern. Die Fähigkeit, die objektive Begebenheit mit den affektiven Komponenten der Erfahrung zu verbinden, geht verloren. Trauma wurde als "die Aufhebung des Selbst" beschrieben und als Verlust - Verlust der Kontrolle, der Identität, des Erinnerungsvermögens und der Worte für die schrecklichen Erlebnisse. Der Kampf mit dem Trauma ist ein Kampf mit der Erinnerung. Es ist nicht ungewöhnlich, dass traumatisierte Menschen mit den schmerzvollen traumatischen Erlebnissen erst konfrontiert sind, wenn diese schon lange vorüber sind. Die "Erinnerung" an Traumata funktioniert nicht in derselben Weise wie die an ein normales Erlebnis, sondern wird oft als "Flashback" nochmals erlebt, so als fände alles in der Gegenwart statt. Anders als normale Erlebnisse, die ohne weiteres ins Gedächtnis aufgenommen werden, lassen sich traumatische Erfahrungen nicht so leicht assimilieren. Das häufige Wiederkehren traumatischer Erinnerungen in das Bewusstsein der Opfer und Überlebenden macht diese ohnmächtig und hilflos; sie können nicht auf innere Mechanismen zurückgreifen, um die wieder aufsteigenden traumatischen Erlebnisse zu kontrollieren.

Traumatische Erlebnisse - besonders wenn sie uneingestanden bleiben - schwächen die Opfer dauerhaft und verstärken Gefühle von Scham und Erniedrigung als Auswirkungen des Traumas und seiner Verinnerlichung. Diese "interne" Dimension des Erlebten ist eine sehr bedeutende: Wenn auch die Ursache eines Traumas externer Natur sein mag, sind die Auswirkungen und die Beeinträchtigung des Erinnerungsvermögens - die "unabgeschlossene Traumaverarbeitung" - in erster Linie eine Spiegelung des inneren Zusammenbruchs des Selbst und innerer emotionaler Konflikte. Die zudringlichen Erinnerungen und das erneute Durchleben des Ereignisses sind Erscheinungsformen der erschreckenden Nachwirkungen von Traumata. Opfer und Überlebende von Traumata fühlen sich hilflos und den immer wieder hervorbrechenden bruchstückhaften Erinnerungen ausgeliefert; unfähig, sie unter Kontrolle zu bringen, und vollständig deren Opfer geworden. Die Heilung eines Traumas - das heißt die Wiederherstellung des Selbst und das Wiedererlangen der Kontrolle über die eigene Erinnerung, des Reflexionsvermögens, der Fähigkeit, Dinge zu verstehen und sie wahrzunehmen - erfordert daher die Umwandlung von traumatischer in erzählbare Erinnerung.

Traumatisierte Menschen durchleben ihre traumatischen Erfahrungen nicht nur über die Erinnerung, sondern auch durch eine symbolische Wiederholung bestimmter Aspekte des Traumas. Das Phänomen dieser Wiederholung der Traumasituation und seine zentrale Stellung im Leben der Menschen, die lebensbedrohlichen, traumatischen Situationen ausgesetzt waren, ist eine anerkannte Tatsache in der Traumaforschung. Extreme Formen des Traumas führen zu einer Art psychischen Bruchs und zu einer Fragmentierung der traumatischen Erinnerungen, die nicht aufgelöst werden und das mentale Leben vieler Opfer bestimmen. Es ist ausreichend nachgewiesen, wie diese Erinnerungen und die Schwierigkeit ihrer Assimilation oftmals als Wiederholung der Traumasituation zurückkehren, und zwar sowohl auf zwischenmenschlicher als auch auf gesellschaftlicher Ebene. Die Wiederholung der traumatischen Erfahrung ist Traumaforschern zufolge ein Hauptgrund für Gewalt in einer Gesellschaft.

Eine weithin anerkannte Theorie des Wiedererlebens besagt, dass kontrolliertes Wiedererleben traumatischer Erfahrungen ein Weg ist, die während des originären Traumas erlebten Gefühle von Machtlosigkeit, Scham und Demütigung zu verarbeiten, indem sie nochmals durchlebt werden in der Hoffnung, dieses Mal die Kontrolle wiederzuerlangen und die Situation zu beherrschen. Dieser Bewältigungsversuch kann jedoch die Basis für ein lebenslanges Muster gewalttätigen Verhaltens bilden, denn die Entscheidung, zum Aggressor zu werden, ist keine Lösung der wirklichen Probleme, die zu dieser Entscheidung führten: die mit dem Trauma verbundene Scham und Erniedrigung.

Das Wiederaufleben der Vergangenheit ist ein zentrales Problem der "unabgeschlossenen Traumaverarbeitung". Unter Wissenschaftlern und in der Konfliktbewältigung Tätigen besteht Konsens darüber, dass uns die Vergangenheit so lange einholt, bis wir uns damit auseinander setzen und sie anerkennen. Sigmund Freud erkannte diese Tatsache und führte den Terminus "traumatische Neurose" in die psychoanalytische Fachsprache ein. Die Vergangenheit ist nicht tot, wie der große amerikanische Romancier William Faulkner schrieb; sie ist noch nicht einmal vergangen. Dies ist, wie ich meine, die besondere Lektion von Geschichte und Erinnerung, die uns das Erbe einer traumatischen Vergangenheit lehrt. "Solange wir dem Untier nicht in die Augen schauen", wie uns Erzbischof Emeritus Desmond Tutu nahe legt, "hat es die unerfreuliche Angewohnheit, als ungebetener Gast zurück zu kommen."[2]

Fußnoten

2.
Desmond Tutu, No future without forgiveness, New York 1999, S. 28.