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9.10.2006 | Von:
Pumla Gobodo-Madikizela

Trauma und Versöhnung - Lehren aus Südafrika

Dialog und gesellschaftliche Heilung

In Südafrika hatten wir das Privileg, dass von Anfang an politische Führer den Prozess des Übergangs von der Apartheid in die Gegenwart begleitet haben: Nelson Mandela, Erzbischof Desmond Tutu, Frederik W. de Klerk und Thabo Mbeki. Südafrika gelang es im Prozess friedlicher Verhandlungen hin zu einer relativ stabilen Ökonomie, dem instinktiven Ruf nach Rache an den Nutznießern der Apartheid zu widerstehen, obwohl wir immer noch mit ernsthaften sozialen und wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen haben. In der Zeit zu Beginn des 21. Jahrhunderts, die vom Streben nach Rache durch ruchlosen Mord und blutige Massaker geprägt ist, wo grausame Kriege mit Massenvernichtungswaffen geführt und Friedensverträge zwischen früheren Feinden aufgekündigt werden und im endlosen Kreislauf blutiger Konflikte münden, sich Staatsoberhäupter nicht zu schade dafür sind, öffentlich ihren Wunsch zu äußern, andere Führer ins Visier zu nehmen und sie "auszulöschen", bin ich stolz, eine Südafrikanerin zu sein. Südafrika dient heute als mahnendes Beispiel dafür, wie politische Führer Hass überwinden und eine Vision des Dialoges, des Friedens und der Versöhnung verkörpern können.

Es hilft, einen Blick zurück zu werfen, um zu erkennen, wie weit wir Südafrikaner gekommen sind. Der Kampf um Befreiung von den repressiven Gesetzen des Apartheidregimes und für grundlegende Menschenrechte sowie die harten Maßnahmen der Regierung zur Unterdrückung der Opposition führten zu einem grausamen Kampf zwischen der Regierung auf der einen und der Befreiungsbewegung und der Mehrheit der Südafrikaner auf der anderen Seite. So kam es zu einer "vergifteten" Form der Auseinandersetzung, die viele das Leben kostete. Für die Regierung waren alle, die für die Freiheit kämpften, "Terroristen", die es zu eliminieren galt. Das alles ist noch nicht allzu lange her, und deshalb ist es bemerkenswert, dass sich Feinde, die sich nach dem Leben trachteten, heute als Bürger eines gemeinsamen Staates Seite an Seite im Parlament sitzend die Macht teilen, und Südafrika eine tolerantere und offenere Gesellschaft geworden ist. Dass Südafrika das Wunder werden konnte, das die Welt in ihm sieht, ist zum großen Teil den Millionen Opfern und Überlebenden des traumatischen politischen Konfliktes zu verdanken, die sich dafür entschieden haben, nicht in die alten rachsüchtigen Muster der Geschichte zurückzufallen. Manche nennen es Versöhnung, andere Großzügigkeit des Geistes oder Fähigkeit zu vergeben.