APUZ Dossier Bild

9.10.2006 | Von:
Pumla Gobodo-Madikizela

Trauma und Versöhnung - Lehren aus Südafrika

Vergebung und Rehumanisierung

Es kann keine angemessene Wiedergutmachung für die moralischen Verbrechen der Vergangenheit geben und für den moralischen Verrat, der diese Verbrechen ermöglichte. Ich plädiere deshalb für Vergebung als eine notwendige und gesunde Antwort angesichts der Schuld den Menschen gegenüber, deren Zukunft durch eine Politik der Ausgrenzung gebrandmarkt wurde. Mit Vergebung meine ich nicht, dass wir vergessen sollten. Ich meine die einfühlsame Anerkennung der moralischen Verletzlichkeit menschlicher Wesen und dessen, wie glücklich sich manche von uns schätzen können, dass sie sich nicht der Probe aufs Exempel stellen mussten. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten hätte, wäre ich eine Weiße unter der Apartheid gewesen.

Vergebung verlangt, dass jene, die privilegiert waren und aus den in der Vergangenheit erlittenen Traumata Nutzen zogen, sich dieses eingestehen und "moralische Empörung" über die in ihrem Namen anderen Menschen zugefügten Traumata zeigen. Öffentliche Übernahme von Verantwortung und das öffentliche Eingeständnis der Vergangenheit bestärkt und bestätigt nicht nur unsere jeweiligen Erfahrungen in der Vergangenheit, erkennt nicht nur das Trauma an, sondern auch den moralischen Verrat, der die Traumata in unserer Gesellschaft bestimmt. Öffentlicher Dialog über eine Vergangenheit, die vorher von Geheimhaltung, Schweigen und Leugnung verborgen blieb, lädt sowohl Opfer als auch Täter dazu ein, gemeinsam "am Tisch der Menschlichkeit" Platz zu nehmen. Auf sensible und rücksichtsvolle Art geführt, kann und wird der öffentliche Dialog dazu beitragen, etwas Struktur in das Chaos zu bringen, das so charakteristisch ist für traumatischen Verlust und Generationen noch lange nach dem ursprünglichen Trauma entzweit.

Vergebung ist nicht gleichbedeutend mit Vergessen. Es geht dabei vielmehr um eine Veränderung des Umgangs mit der Erinnerung, um den Beginn einer neuen Reise, gemeinsam mit unseren Erinnerungen, unseren Traumata und der Art, wie Trauma und Hass die Beziehungen zu unseren Mitmenschen bestimmt haben. Vergebung ist Erinnerung, um Brücken zu unseren Mitmenschen zu bauen und uns von der hasserfüllten Wut zu erlösen, die uns manchmal gefangen hält. Vergebung muss nicht notwendig heißen, alle unsere Mitmenschen zu lieben (sie bedeutet aber definitiv nicht, sie zu hassen). Der Geist der Vergebung liegt in der Suche - nicht nach Dingen, die uns trennen, sondern nach etwas, das uns als Menschen gemeinsam ist, strebend nach dem Moment der Menschlichkeit und nach Mitleid und Mitgefühl, welche unsere Menschlichkeit ausmachen.

Das Umfassende dieses Moments der Menschlichkeit zeigt sich in vielen Geschichten von Vergebung und Versöhnung, die wir in der Wahrheits- und Versöhnungskommission miterlebt haben. Während der ersten Amnestieanhörung der TRC im Jahr 1997 sagte die Community[3] und Familie eines schwarzen Opfers, das von Kollaborateuren der Polizei ermordet worden war, dass sie die Amnestieregelung für Mörder unterstütze, da es von entscheidender Bedeutung für ihre Gemeinschaft sei, die Versöhnung voranzubringen. Stellungnahmen wie diese waren, so glaube ich, nur möglich durch eine Vision der Annäherung an Gerechtigkeit, die den üblichen Kreislauf von Hass und Vergeltung zu überwinden sucht - ein Prozess, der die Fähigkeit der Südafrikaner förderte, sich auf unbelastetes Gebiet vorzuwagen, wo sie sich selbst in einem Netz von Beziehungen denken konnten, das auch ihre Gegner mit einschloss.

Ich habe diesen Prozess als Rehumanisierung bezeichnet und meine damit den Punkt, an dem sich die unvereinbaren und dennoch untrennbar miteinander verbundenen Geschichten von Opfer, Täter und Mitläufer treffen. Denn wie sonst kann ein Opfer sein Trauma in Worte fassen, wenn nicht ein Täter seine Vergehen eingesteht und öffentlich bekennt? Wie kann ein Mitläufer sich seine Rolle als Nutznießer eingestehen und die Wahlmöglichkeiten erkennen, die er oder sie gehabt, aber nicht wahrgenommen hat, wenn er oder sie nicht als Zeuge der Aussagen von Täter und Opfer geladen wird? Die Vermenschlichung unserer früheren Feinde, die wir beschuldigen, uns ein Trauma zugefügt oder dies unterstützt zu haben, birgt ein Wagnis. Die Aufgabe, von Beziehungen, die von Angst und den früheren Unterscheidungen von "denen" und "uns" bestimmt waren, zu solchen zu gelangen, die von gegenseitigem Respekt und Mitgefühl bestimmt sind, braucht Zeit und verlangt mehr von uns als rachsüchtige Wut und Hass. Sie kostet Mühe. Doch wenn wir in den Dialog mit jenen treten, die wir als unsere Feinde betrachten, und jede Seite von der anderen Schmerz, Hoffnung und Ängste erfährt, erreichen wir eine "moralische Imagination" (Paul Lederach). Wir erheben uns über das, was so oft der natürliche Gang der Dinge ist - Hass -, und begeben uns so auf den Pfad gesellschaftlicher und institutioneller Transformation.[4]

Einer der grundlegenden Ausgangspunkte des Dialogmodells der Rehumanisierung ist es, die Sprache abzulegen, die den von der Vergangenheit vererbten politischen Diskurs fortführt, und eine solche zu erschaffen, die zu einer bedeutenden gesellschaftlichen Transformation beitragen kann. Ein zweiter Aspekt, dem man sich mit besonderer Aufmerksamkeit nähern sollte, ist eine Sprache, die zwar die Vergangenheit anerkennt, ohne jedoch einen Weg in die Zukunft zu weisen, auf dem wir endlich lernen können, miteinander zu reden und einander zu respektieren. In unserem sozialen Bewusstsein zum Beispiel ist schwarze oder dunkle Hautfarbe gleichbedeutend mit der Rolle des Opfers; und weiße Hautfarbe mit der Rolle des Täters oder Nutznießers der Apartheid. Die Realität aber entspricht nicht immer diesen Zuschreibungen. Als eine schwarze Frau unter der Apartheid aufgewachsen, habe ich extreme Diskriminierung, Rassismus und das Trauma der Ausgrenzung erfahren. Aber ich hatte gleichermaßen Hoffnung und habe Erfolge gefeiert. Was ich verloren habe, weil meinen Eltern viele wirtschaftliche und andere gesellschaftliche Errungenschaften und Privilegien vorenthalten worden waren und was ich hätte erreichen können, wäre ich Weiße gewesen, ist Teil meiner Geschichte, meiner Vergangenheit, meines Traumas. Aber es rechtfertigt nicht eine ewige Opferhaltung. Wir müssen weiterhin über unsere schwierige Vergangenheit sprechen und darüber, wie sie fortfährt, unsere zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Beziehungen auf subtile Weise zu bestimmen.

Fußnoten

3.
"Community" bleibt hier unübersetzt, weil es, so wie es im südafrikanischen Sprachgebrauch verwendet wird, nicht der deutschen "Gemeinschaft" entspricht [A. d. Ü.].
4.
Der Philosoph und Friedensforscher Paul Lederach nennt diese Haltung "moralische Imagination", was für ihn bedeutet, in das unbekannte Mysterium einzutauchen, das hinter den naheliegenden und vertrauten Mustern von Hass und Vergeltung liegt. Moralische Imagination, so Lederach, ist die Fähigkeit, uns selbst in einem Netz aus Beziehungen zu denken, das unsere Feinde mit einschließt; das Vermögen, eine paradoxe Neugier zu stärken, die die Schwierigkeit mit sich bringt, in unbekannte, aber unbelastete Gefilde vorzudringen.