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9.10.2006 | Von:
Pumla Gobodo-Madikizela

Trauma und Versöhnung - Lehren aus Südafrika

Menschlichkeit durch Dialog

Begegnet man der Vergangenheit mit einer Haltung, die versucht, wieder Menschlichkeit in eine Gesellschaft zu tragen, deren Geschichte von massenhaftem Missbrauch und Gewalt geprägt ist, verlangt dies, dass wir uns mit unseren individuellen und kollektiven Dämonen wie Schuld und Opferdasein auseinander setzen. Wir müssen dann die Rolle, die wir in der Aufrechterhaltung von Angst, Misstrauen und Hass spielen bzw. die Rolle der Gruppen, mit denen wir uns identifizieren, kritisch betrachten.

Hass führt oft zu wechselseitiger und dauerhafter Zerstörung. Gefühle von Hass und Vergeltung gegenüber denen, die uns nicht wiedergutzumachende Schäden zugefügt haben, sind leichter zu entwickeln und aufrechtzuerhalten als eine Haltung, die einen fortlaufenden Dialog herbeiführen und erhalten will. Dialog fördert eine Ethik der Fürsorge und lässt uns die Menschlichkeit des "Feindes" wahrnehmen. Ein Grund, weshalb Menschen am Hass festhalten, ist der Wunsch, sich von denen zu distanzieren, die für ihren Schmerz verantwortlich sind: Sie fürchten, ihre moralischen Überzeugungen aufs Spiel zu setzen und die "Eingangsvoraussetzungen" in die menschliche Gemeinschaft herabzusetzen, wenn sie beginnen, ihre "Feinde" als Menschen wahrzunehmen statt wie bisher als skrupellose Monster.

Es gibt einen weiteren Grund, weshalb Menschen Distanz zu denen wahren wollen, die sie als ihre Feinde betrachten: die Angst vor der Einsicht, dass diese Feinde ebenso menschlich sind wie sie selbst. Die, deren politische Auffassungen von den unseren abweichen, unter den Bereich des "Anderen" zu fassen, schiebt sie in die Kategorie der hoffnungslos, radikal verabscheuungswürdigen Anderen ab. Das Paradoxe daran ist natürlich, dass wir, indem wir dies tun, Gefahr laufen, gerade zu dem zu werden, was wir hassen, indem wir direkt in die Fußstapfen derer treten, deren Machenschaften oder Überzeugungen wir ablehnen. Wenn der Hass von Gewalt begleitet ist, wird unser Handeln den skrupellosen Vergehen immer ähnlicher, gegen die wir zu kämpfen glauben. Fortwährender, verbindlicher und geordneter Dialog jedoch zwingt uns dazu, die Herausforderung einer "moralischen Imagination" anzunehmen, die moralische Sensibilität hervorzuholen, die wir begraben haben, und einander als menschliche Wesen gegenüberzutreten. Der Dialog wird diejenigen, die wir als unsere Feinde betrachten, nicht immer dazu veranlassen, ihre Ansichten zu ändern, oder uns die unsrigen; und doch schafft er Wege, die Muster unserer Einstellungen zu modifizieren - im privaten wie im öffentlichen Bereich - und öffnet vielleicht die Türe für eine Veränderung.

Nelson Mandela gab seinen südafrikanischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern folgenden Rat: Verbitterung ist ein "Luxus, den wir uns als Land einfach nicht leisten können (...) stattdessen müssen wir auf einer standhaften Politik bestehen, die die noch fortdauernden Nachwirkungen der Vergangenheit aufhebt." Dieser Prozess des Aufhebens der Nachwirkungen der Vergangenheit ist, wie ich meine, die Herausforderung der Versöhnung, unsere Verwundung und unseren Hass zu überwinden.