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9.10.2006 | Von:
Pumla Gobodo-Madikizela

Trauma und Versöhnung - Lehren aus Südafrika

Schlussfolgerung

Die Aufgabe, die Bruchstücke zusammenzufügen und eine Gesellschaft zu heilen, die durch das Trauma der Gewalt zerrüttet ist, ist nicht einfach. Sie erfordert Geduld. Die am längsten anhaltenden Auswirkungen der totalitären Machtausübung und der systematischen Unterdrückung unter der Apartheid können nicht in Opferzahlen gemessen werden, sondern nur im unermesslichen Verlust von Humanität. Hier muss die Heilung ansetzen. Wie kann die südafrikanische Gesellschaft vor dem Hintergrund einer so schrecklichen Vergangenheit ihre Menschlichkeit wiedererlangen? Indem wir verstehen, warum manche Weiße im neuen Südafrika ein Gefühl des Verlustes befällt; indem wir verstehen, weshalb die Freiheitsbewegung notwendig war, und weshalb im Zuge des Befreiungsprozesses Menschenrechtsverletzungen begangen wurden. Indem wir einen Dialog darüber führen, weshalb so viele Weiße die Apartheid noch zu einer Zeit unterstützten, als die internationale Gemeinschaft bereits ihre Abschaffung forderte.

Wie kann unsere heutige Gesellschaft über weiße Mitbürger richten, die die Apartheid unterstützten? Ist ihre Weigerung, gegen die Apartheid aufzubegehren, auf einen diesen weißen Wählern eigenen bösartigen Charakterzug zurückzuführen? Versagten sie deshalb darin, ihr "bestes Urteil" zu geben, weil die Auswirkungen der Apartheid auf die Unterdrückten nicht ausreichend verstanden wurden, weil die Propaganda so wirkungsvoll war, oder aufgrund von Prozessen der Selbstverleugnung, die so oft in totalitären Regimen zu beobachten sind? Verurteilen wir sie mit derselben Abscheu wie das System, das sie unterstützten? Oder behalten wir uns diese Urteile für die "Bösen" vor, die die Gegner der Apartheid ausschalteten? Wie denken sie über die Vergangenheit? Gestehen sie sich ein, falsch gehandelt zu haben? Bereuen sie etwas?

Gewöhnliche Menschen sind unter bestimmten Umständen dazu fähig, noch viel schlimmere Verbrechen zu begehen, als wir jemals für möglich gehalten hätten. Genauso sind wir zu weit größerer Tugend fähig, als wir jemals annehmen würden. Um den humanitären Geist in unserer Gesellschaft wiederherzustellen, um die Türe für die Möglichkeit der Transformation zu öffnen, müssen wir uns vom Mitgefühl leiten lassen, das uns als menschliche Wesen verbindet. Dieses Ziel - unsere Menschlichkeit wiederzuerlangen - erreichen wir nur durch fortwährenden Dialog über unsere Vergangenheit.