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Trauma und Versöhnung - Lehren aus Südafrika


9.10.2006
Die südafrikanische Wahrheits- und Versöhnungskommission versuchte nach dem Ende des Apartheidregimes, durch Dialog und Versöhnung zwischen Tätern und Opfern die während dieser Zeit erlittenen kollektiven und individuellen Traumata zu bewältigen.

Einleitung



Grundlage dieses Artikels bildet meine Ansicht, dass Versöhnung entscheidend dazu beitragen kann, Gesellschaften, deren jüngste Geschichte von massiven Traumata geprägt ist, langfristig Frieden und Heilung zu bringen. Für meine Arbeit mit Gruppen und Einzelnen, deren Vergangenheit von gewaltsamen Konflikten bestimmt war, waren folgende Fragen handlungsleitend: Wie können wir den Teufelskreis aus Hass und Gewalt überwinden, der in der Geschichte immer wiederkehrt? Wie können wir verhindern, dass die Opfer von heute die Täter von morgen werden? Wie können wir über das Unrecht der Vergangenheit richten und doch zum Dialog einladen, damit dieser Bestandteil des öffentlichen Lebens wird? Meine Arbeit wurde von Einsichten, die ich als Mitglied des Menschenrechtsausschusses der Wahrheits- und Versöhnungskommission (Truth and Reconciliation Commission, TRC) gewann, ebenso beeinflusst wie von psychologischen Studien über die Auswirkungen massiver Traumata und ihrer Folgen für Individuen und Gesellschaft. Um die Bedeutung von Vergeben und Versöhnung zu verdeutlichen, beziehe ich mich vor allem auf die Erfahrungen in Südafrika.[1]




Die südafrikanische Wahrheits- und Versöhnungskommission wurde durch einen Parlamentsbeschluss, den National Unity and Reconciliation Act von 1995, ins Leben gerufen. Sie wurde eingesetzt, um Formen und Muster von Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren, die während der Apartheid begangen wurden - im Wortlaut des Beschlusses: "Um ein möglichst vollständiges Bild des Ausmaßes und der Ursachen schwerer Menschenrechtsverletzungen in Südafrika zwischen 1960 und 1994 zusammenzustellen". Der Gründungsgedanke der Wahrheits- und Versöhnungskommission lag in der öffentlichen Bezeugung und Anerkennung der früheren Verbrechen. Die Kommission setzte ihre Aufgabe mittels zweier Ausschüsse um: mit dem Menschenrechtsausschuss, zuständig für Petitionen der Opfer und öffentliche Anhörungen, und dem Amnestieausschuss. Letzterer war befugt, den Tätern im Austausch gegen die vollständige Enthüllung der von ihnen begangenen Menschenrechtsverbrechen Amnestie zu gewähren. Die Gewährung von Amnestie durch die TRC war eine einmalige südafrikanische Innovation, ein wesentliches Abrücken vom Muster der General- oder Selbstamnestien, wie sie für lateinamerikanische Länder typisch sind.

Kontroversen begleiteten die TRC, seit sie in den öffentlichen Post-Apartheid-Diskurs Einzug hielt. Der Oberste Gerichtshof (Supreme Court) - gerade die Instanz, welche die TRC meiden wollte - wurde zum Schlachtfeld, auf dem die Kommission angegriffen wurde: Einige Angehörige von Opfern fochten die Amnestiegesetze der TRC an und forderten ihr Recht, den Tätern im Gerichtssaal gegenüberzutreten; frühere Sicherheitsoffiziere und Generäle der Apartheid versuchten die Opfer ihrer Gewalttaten zum Schweigen zu bringen, um der öffentlichen Bloßstellung durch die Gerichte zu entgehen; und der frühere Präsident Pieter W. Botha, der die Apartheidregierung während ihrer schrecklichsten Phase führte, die er den "total onslaught" - den totalen Krieg - nannte, bemühte ein ordentliches Gerichtsverfahren, um der öffentlichen Anklage zu entgehen. Und schließlich kam es zum öffentlichen Aufschrei gegen die TRC: Sie würde "Wunden öffnen"; uns in der Vergangenheit festhalten, obwohl es an der Zeit sei, nach vorne zu schauen und nicht in der Vergangenheit zu verharren; oder, die TRC sei ein listiges Instrument des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC), um es "den Weißen heimzuzahlen". Diese Ansicht war in gewissen Kreisen der südafrikanischen Bevölkerung verbreitet, die leugneten, dass einige unserer weißen Landsleute von ihrem privilegierten bürgerlichen Status und ihrer bevorzugten Behandlung während der Apartheid profitiert hatten.

Die Tätigkeit der TRC wirft eine ganze Reihe komplexer Fragen auf. Die heftige Debatte darüber, ob die Kommission den Demokratisierungsprozess Südafrikas unterstützte, bestimmt weiterhin die Überlegungen zu Südafrikas nunmehr zwölfjähriger Demokratie. Zugegebenermaßen war die Arbeit der TRC ein unvollständiger Prozess. Einige Angehörige von Opfern fühlen sich durch die Amnestieregelung noch heute ihres Rechtes beraubt, den Tätern in den südafrikanischen Gerichtssälen gegenüberzutreten. Obwohl die TRC Einigkeit und Versöhnung fördern sollte, gibt es Schwarze, die an der Versöhnung mit den Weißen nicht interessiert sind. Sie verurteilen die Weißen und glauben, dass es ohne die Anerkennung des Unrechts durch die Weißen, die aufgrund ihres privilegierten Status während der Apartheid von der Unterdrückung der Schwarzen profitierten, keine Versöhnung geben könne. Genauso gibt es Weiße, die unbeirrt an ihrem Hass gegenüber den Schwarzen festhalten. Die Präsenz von Schwarzen an Orten, die vormals den Weißen vorbehalten waren, wird von diesen als eine Invasion auf ihr Eigentum betrachtet, für das sie hart gearbeitet haben: ihr ganzer Stolz, ihr vaderland. Diese Haltungen führten zu Verbitterung und einer Zunahme des Hasses zwischen Weißen und Schwarzen in Teilen der südafrikanischen Gesellschaft. Zugleich gibt es jedoch auch Schwarze und Weiße, die verstehen, dass eine der größten Herausforderungen angesichts einer jungen Demokratie darin besteht, einen Weg des friedlichen Zusammenlebens zu finden und eine Gesellschaft wiederaufzubauen, die vorher durch Rassenhass gespalten war.

Eine der wichtigsten Lektionen der TRC ist die Erkenntnis, dass der komplexe Prozess der "Vergangenheitsbewältigung" nicht durch universelle Anwendung der Strafgesetzgebung vollbracht werden kann, indem man alle Täter, die systematisch Verbrechen begangen haben, hinter Gitter bringt - gerade weil für viele von ihnen diese Verbrechen Teil einer langjährigen Politik des Terrors waren, die von der Mehrheit der Wähler unterstützt wurde. Die Herausforderung des Zusammenlebens nach einer derart problematischen und schrecklichen Vergangenheit erfordert wesentlich mehr als die rigide Anwendung des "Rechts". Die Frage ist, wie die schwierige Gratwanderung zwischen Gerechtigkeit und Mitgefühl so vollzogen werden kann, dass genug Raum bleibt für jene Hoffnung und Zuversicht, die Postkonfliktgesellschaften benötigen, um auf dem neuen Weg in die angestrebte Demokratie zu sich zu finden.

Weitergabe des Traumas und "unabgeschlossene Traumaverarbeitung"



Im Folgenden geht es um die Auswirkungen von Traumata und um die unheimliche Art und Weise, mit der traumatische Erfahrungen im Leben derer, die sie durchgemacht haben, immer wiederkehren. Das Wiederaufleben der Vergangenheit kann aufgrund tiefer, oftmals uneingestandener seelischer Verletzungen nicht so einfach abgeschlossen werden. Die Sprache der Gewalt hat sich in die Erinnerung vieler Gewaltopfer eingebrannt und wird so an die nächste - und von dieser wieder an die nächste - Generation weitergegeben, wie es bei traumatischen Erinnerungen so oft der Fall ist. So leicht verschwimmt die Unterscheidung zwischen Täter und Opfer, und Opfer werden zu Tätern.

Warum setzen traumatische Erinnerungen oft so destruktive Energien frei, den Wunsch nach Rache, das Bedürfnis, anderen zu schaden oder sich durch selbstzerstörerisches Verhalten Schaden zuzufügen? Massive traumatische Erfahrungen, wie es schwere Menschenrechtsverletzungen sind, überfordern einen Menschen und bewirken eine Reihe komplexer Mechanismen des Selbstschutzes. Ich möchte "Trauma" als Phänomen nur kurz beschreiben und nicht auf dessen unterschiedliche Ausprägungen eingehen. Ein Trauma beeinträchtigt unser Vermögen, Ereignisse vollständig und in ihrem tatsächlichen Ablauf zu erinnern. Die Fähigkeit, die objektive Begebenheit mit den affektiven Komponenten der Erfahrung zu verbinden, geht verloren. Trauma wurde als "die Aufhebung des Selbst" beschrieben und als Verlust - Verlust der Kontrolle, der Identität, des Erinnerungsvermögens und der Worte für die schrecklichen Erlebnisse. Der Kampf mit dem Trauma ist ein Kampf mit der Erinnerung. Es ist nicht ungewöhnlich, dass traumatisierte Menschen mit den schmerzvollen traumatischen Erlebnissen erst konfrontiert sind, wenn diese schon lange vorüber sind. Die "Erinnerung" an Traumata funktioniert nicht in derselben Weise wie die an ein normales Erlebnis, sondern wird oft als "Flashback" nochmals erlebt, so als fände alles in der Gegenwart statt. Anders als normale Erlebnisse, die ohne weiteres ins Gedächtnis aufgenommen werden, lassen sich traumatische Erfahrungen nicht so leicht assimilieren. Das häufige Wiederkehren traumatischer Erinnerungen in das Bewusstsein der Opfer und Überlebenden macht diese ohnmächtig und hilflos; sie können nicht auf innere Mechanismen zurückgreifen, um die wieder aufsteigenden traumatischen Erlebnisse zu kontrollieren.

Traumatische Erlebnisse - besonders wenn sie uneingestanden bleiben - schwächen die Opfer dauerhaft und verstärken Gefühle von Scham und Erniedrigung als Auswirkungen des Traumas und seiner Verinnerlichung. Diese "interne" Dimension des Erlebten ist eine sehr bedeutende: Wenn auch die Ursache eines Traumas externer Natur sein mag, sind die Auswirkungen und die Beeinträchtigung des Erinnerungsvermögens - die "unabgeschlossene Traumaverarbeitung" - in erster Linie eine Spiegelung des inneren Zusammenbruchs des Selbst und innerer emotionaler Konflikte. Die zudringlichen Erinnerungen und das erneute Durchleben des Ereignisses sind Erscheinungsformen der erschreckenden Nachwirkungen von Traumata. Opfer und Überlebende von Traumata fühlen sich hilflos und den immer wieder hervorbrechenden bruchstückhaften Erinnerungen ausgeliefert; unfähig, sie unter Kontrolle zu bringen, und vollständig deren Opfer geworden. Die Heilung eines Traumas - das heißt die Wiederherstellung des Selbst und das Wiedererlangen der Kontrolle über die eigene Erinnerung, des Reflexionsvermögens, der Fähigkeit, Dinge zu verstehen und sie wahrzunehmen - erfordert daher die Umwandlung von traumatischer in erzählbare Erinnerung.

Traumatisierte Menschen durchleben ihre traumatischen Erfahrungen nicht nur über die Erinnerung, sondern auch durch eine symbolische Wiederholung bestimmter Aspekte des Traumas. Das Phänomen dieser Wiederholung der Traumasituation und seine zentrale Stellung im Leben der Menschen, die lebensbedrohlichen, traumatischen Situationen ausgesetzt waren, ist eine anerkannte Tatsache in der Traumaforschung. Extreme Formen des Traumas führen zu einer Art psychischen Bruchs und zu einer Fragmentierung der traumatischen Erinnerungen, die nicht aufgelöst werden und das mentale Leben vieler Opfer bestimmen. Es ist ausreichend nachgewiesen, wie diese Erinnerungen und die Schwierigkeit ihrer Assimilation oftmals als Wiederholung der Traumasituation zurückkehren, und zwar sowohl auf zwischenmenschlicher als auch auf gesellschaftlicher Ebene. Die Wiederholung der traumatischen Erfahrung ist Traumaforschern zufolge ein Hauptgrund für Gewalt in einer Gesellschaft.

Eine weithin anerkannte Theorie des Wiedererlebens besagt, dass kontrolliertes Wiedererleben traumatischer Erfahrungen ein Weg ist, die während des originären Traumas erlebten Gefühle von Machtlosigkeit, Scham und Demütigung zu verarbeiten, indem sie nochmals durchlebt werden in der Hoffnung, dieses Mal die Kontrolle wiederzuerlangen und die Situation zu beherrschen. Dieser Bewältigungsversuch kann jedoch die Basis für ein lebenslanges Muster gewalttätigen Verhaltens bilden, denn die Entscheidung, zum Aggressor zu werden, ist keine Lösung der wirklichen Probleme, die zu dieser Entscheidung führten: die mit dem Trauma verbundene Scham und Erniedrigung.

Das Wiederaufleben der Vergangenheit ist ein zentrales Problem der "unabgeschlossenen Traumaverarbeitung". Unter Wissenschaftlern und in der Konfliktbewältigung Tätigen besteht Konsens darüber, dass uns die Vergangenheit so lange einholt, bis wir uns damit auseinander setzen und sie anerkennen. Sigmund Freud erkannte diese Tatsache und führte den Terminus "traumatische Neurose" in die psychoanalytische Fachsprache ein. Die Vergangenheit ist nicht tot, wie der große amerikanische Romancier William Faulkner schrieb; sie ist noch nicht einmal vergangen. Dies ist, wie ich meine, die besondere Lektion von Geschichte und Erinnerung, die uns das Erbe einer traumatischen Vergangenheit lehrt. "Solange wir dem Untier nicht in die Augen schauen", wie uns Erzbischof Emeritus Desmond Tutu nahe legt, "hat es die unerfreuliche Angewohnheit, als ungebetener Gast zurück zu kommen."[2]

Dialog und gesellschaftliche Heilung



In Südafrika hatten wir das Privileg, dass von Anfang an politische Führer den Prozess des Übergangs von der Apartheid in die Gegenwart begleitet haben: Nelson Mandela, Erzbischof Desmond Tutu, Frederik W. de Klerk und Thabo Mbeki. Südafrika gelang es im Prozess friedlicher Verhandlungen hin zu einer relativ stabilen Ökonomie, dem instinktiven Ruf nach Rache an den Nutznießern der Apartheid zu widerstehen, obwohl wir immer noch mit ernsthaften sozialen und wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen haben. In der Zeit zu Beginn des 21. Jahrhunderts, die vom Streben nach Rache durch ruchlosen Mord und blutige Massaker geprägt ist, wo grausame Kriege mit Massenvernichtungswaffen geführt und Friedensverträge zwischen früheren Feinden aufgekündigt werden und im endlosen Kreislauf blutiger Konflikte münden, sich Staatsoberhäupter nicht zu schade dafür sind, öffentlich ihren Wunsch zu äußern, andere Führer ins Visier zu nehmen und sie "auszulöschen", bin ich stolz, eine Südafrikanerin zu sein. Südafrika dient heute als mahnendes Beispiel dafür, wie politische Führer Hass überwinden und eine Vision des Dialoges, des Friedens und der Versöhnung verkörpern können.

Es hilft, einen Blick zurück zu werfen, um zu erkennen, wie weit wir Südafrikaner gekommen sind. Der Kampf um Befreiung von den repressiven Gesetzen des Apartheidregimes und für grundlegende Menschenrechte sowie die harten Maßnahmen der Regierung zur Unterdrückung der Opposition führten zu einem grausamen Kampf zwischen der Regierung auf der einen und der Befreiungsbewegung und der Mehrheit der Südafrikaner auf der anderen Seite. So kam es zu einer "vergifteten" Form der Auseinandersetzung, die viele das Leben kostete. Für die Regierung waren alle, die für die Freiheit kämpften, "Terroristen", die es zu eliminieren galt. Das alles ist noch nicht allzu lange her, und deshalb ist es bemerkenswert, dass sich Feinde, die sich nach dem Leben trachteten, heute als Bürger eines gemeinsamen Staates Seite an Seite im Parlament sitzend die Macht teilen, und Südafrika eine tolerantere und offenere Gesellschaft geworden ist. Dass Südafrika das Wunder werden konnte, das die Welt in ihm sieht, ist zum großen Teil den Millionen Opfern und Überlebenden des traumatischen politischen Konfliktes zu verdanken, die sich dafür entschieden haben, nicht in die alten rachsüchtigen Muster der Geschichte zurückzufallen. Manche nennen es Versöhnung, andere Großzügigkeit des Geistes oder Fähigkeit zu vergeben.

Vergebung und Rehumanisierung



Es kann keine angemessene Wiedergutmachung für die moralischen Verbrechen der Vergangenheit geben und für den moralischen Verrat, der diese Verbrechen ermöglichte. Ich plädiere deshalb für Vergebung als eine notwendige und gesunde Antwort angesichts der Schuld den Menschen gegenüber, deren Zukunft durch eine Politik der Ausgrenzung gebrandmarkt wurde. Mit Vergebung meine ich nicht, dass wir vergessen sollten. Ich meine die einfühlsame Anerkennung der moralischen Verletzlichkeit menschlicher Wesen und dessen, wie glücklich sich manche von uns schätzen können, dass sie sich nicht der Probe aufs Exempel stellen mussten. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten hätte, wäre ich eine Weiße unter der Apartheid gewesen.

Vergebung verlangt, dass jene, die privilegiert waren und aus den in der Vergangenheit erlittenen Traumata Nutzen zogen, sich dieses eingestehen und "moralische Empörung" über die in ihrem Namen anderen Menschen zugefügten Traumata zeigen. Öffentliche Übernahme von Verantwortung und das öffentliche Eingeständnis der Vergangenheit bestärkt und bestätigt nicht nur unsere jeweiligen Erfahrungen in der Vergangenheit, erkennt nicht nur das Trauma an, sondern auch den moralischen Verrat, der die Traumata in unserer Gesellschaft bestimmt. Öffentlicher Dialog über eine Vergangenheit, die vorher von Geheimhaltung, Schweigen und Leugnung verborgen blieb, lädt sowohl Opfer als auch Täter dazu ein, gemeinsam "am Tisch der Menschlichkeit" Platz zu nehmen. Auf sensible und rücksichtsvolle Art geführt, kann und wird der öffentliche Dialog dazu beitragen, etwas Struktur in das Chaos zu bringen, das so charakteristisch ist für traumatischen Verlust und Generationen noch lange nach dem ursprünglichen Trauma entzweit.

Vergebung ist nicht gleichbedeutend mit Vergessen. Es geht dabei vielmehr um eine Veränderung des Umgangs mit der Erinnerung, um den Beginn einer neuen Reise, gemeinsam mit unseren Erinnerungen, unseren Traumata und der Art, wie Trauma und Hass die Beziehungen zu unseren Mitmenschen bestimmt haben. Vergebung ist Erinnerung, um Brücken zu unseren Mitmenschen zu bauen und uns von der hasserfüllten Wut zu erlösen, die uns manchmal gefangen hält. Vergebung muss nicht notwendig heißen, alle unsere Mitmenschen zu lieben (sie bedeutet aber definitiv nicht, sie zu hassen). Der Geist der Vergebung liegt in der Suche - nicht nach Dingen, die uns trennen, sondern nach etwas, das uns als Menschen gemeinsam ist, strebend nach dem Moment der Menschlichkeit und nach Mitleid und Mitgefühl, welche unsere Menschlichkeit ausmachen.

Das Umfassende dieses Moments der Menschlichkeit zeigt sich in vielen Geschichten von Vergebung und Versöhnung, die wir in der Wahrheits- und Versöhnungskommission miterlebt haben. Während der ersten Amnestieanhörung der TRC im Jahr 1997 sagte die Community[3] und Familie eines schwarzen Opfers, das von Kollaborateuren der Polizei ermordet worden war, dass sie die Amnestieregelung für Mörder unterstütze, da es von entscheidender Bedeutung für ihre Gemeinschaft sei, die Versöhnung voranzubringen. Stellungnahmen wie diese waren, so glaube ich, nur möglich durch eine Vision der Annäherung an Gerechtigkeit, die den üblichen Kreislauf von Hass und Vergeltung zu überwinden sucht - ein Prozess, der die Fähigkeit der Südafrikaner förderte, sich auf unbelastetes Gebiet vorzuwagen, wo sie sich selbst in einem Netz von Beziehungen denken konnten, das auch ihre Gegner mit einschloss.

Ich habe diesen Prozess als Rehumanisierung bezeichnet und meine damit den Punkt, an dem sich die unvereinbaren und dennoch untrennbar miteinander verbundenen Geschichten von Opfer, Täter und Mitläufer treffen. Denn wie sonst kann ein Opfer sein Trauma in Worte fassen, wenn nicht ein Täter seine Vergehen eingesteht und öffentlich bekennt? Wie kann ein Mitläufer sich seine Rolle als Nutznießer eingestehen und die Wahlmöglichkeiten erkennen, die er oder sie gehabt, aber nicht wahrgenommen hat, wenn er oder sie nicht als Zeuge der Aussagen von Täter und Opfer geladen wird? Die Vermenschlichung unserer früheren Feinde, die wir beschuldigen, uns ein Trauma zugefügt oder dies unterstützt zu haben, birgt ein Wagnis. Die Aufgabe, von Beziehungen, die von Angst und den früheren Unterscheidungen von "denen" und "uns" bestimmt waren, zu solchen zu gelangen, die von gegenseitigem Respekt und Mitgefühl bestimmt sind, braucht Zeit und verlangt mehr von uns als rachsüchtige Wut und Hass. Sie kostet Mühe. Doch wenn wir in den Dialog mit jenen treten, die wir als unsere Feinde betrachten, und jede Seite von der anderen Schmerz, Hoffnung und Ängste erfährt, erreichen wir eine "moralische Imagination" (Paul Lederach). Wir erheben uns über das, was so oft der natürliche Gang der Dinge ist - Hass -, und begeben uns so auf den Pfad gesellschaftlicher und institutioneller Transformation.[4]

Einer der grundlegenden Ausgangspunkte des Dialogmodells der Rehumanisierung ist es, die Sprache abzulegen, die den von der Vergangenheit vererbten politischen Diskurs fortführt, und eine solche zu erschaffen, die zu einer bedeutenden gesellschaftlichen Transformation beitragen kann. Ein zweiter Aspekt, dem man sich mit besonderer Aufmerksamkeit nähern sollte, ist eine Sprache, die zwar die Vergangenheit anerkennt, ohne jedoch einen Weg in die Zukunft zu weisen, auf dem wir endlich lernen können, miteinander zu reden und einander zu respektieren. In unserem sozialen Bewusstsein zum Beispiel ist schwarze oder dunkle Hautfarbe gleichbedeutend mit der Rolle des Opfers; und weiße Hautfarbe mit der Rolle des Täters oder Nutznießers der Apartheid. Die Realität aber entspricht nicht immer diesen Zuschreibungen. Als eine schwarze Frau unter der Apartheid aufgewachsen, habe ich extreme Diskriminierung, Rassismus und das Trauma der Ausgrenzung erfahren. Aber ich hatte gleichermaßen Hoffnung und habe Erfolge gefeiert. Was ich verloren habe, weil meinen Eltern viele wirtschaftliche und andere gesellschaftliche Errungenschaften und Privilegien vorenthalten worden waren und was ich hätte erreichen können, wäre ich Weiße gewesen, ist Teil meiner Geschichte, meiner Vergangenheit, meines Traumas. Aber es rechtfertigt nicht eine ewige Opferhaltung. Wir müssen weiterhin über unsere schwierige Vergangenheit sprechen und darüber, wie sie fortfährt, unsere zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Beziehungen auf subtile Weise zu bestimmen.

Menschlichkeit durch Dialog



Begegnet man der Vergangenheit mit einer Haltung, die versucht, wieder Menschlichkeit in eine Gesellschaft zu tragen, deren Geschichte von massenhaftem Missbrauch und Gewalt geprägt ist, verlangt dies, dass wir uns mit unseren individuellen und kollektiven Dämonen wie Schuld und Opferdasein auseinander setzen. Wir müssen dann die Rolle, die wir in der Aufrechterhaltung von Angst, Misstrauen und Hass spielen bzw. die Rolle der Gruppen, mit denen wir uns identifizieren, kritisch betrachten.

Hass führt oft zu wechselseitiger und dauerhafter Zerstörung. Gefühle von Hass und Vergeltung gegenüber denen, die uns nicht wiedergutzumachende Schäden zugefügt haben, sind leichter zu entwickeln und aufrechtzuerhalten als eine Haltung, die einen fortlaufenden Dialog herbeiführen und erhalten will. Dialog fördert eine Ethik der Fürsorge und lässt uns die Menschlichkeit des "Feindes" wahrnehmen. Ein Grund, weshalb Menschen am Hass festhalten, ist der Wunsch, sich von denen zu distanzieren, die für ihren Schmerz verantwortlich sind: Sie fürchten, ihre moralischen Überzeugungen aufs Spiel zu setzen und die "Eingangsvoraussetzungen" in die menschliche Gemeinschaft herabzusetzen, wenn sie beginnen, ihre "Feinde" als Menschen wahrzunehmen statt wie bisher als skrupellose Monster.

Es gibt einen weiteren Grund, weshalb Menschen Distanz zu denen wahren wollen, die sie als ihre Feinde betrachten: die Angst vor der Einsicht, dass diese Feinde ebenso menschlich sind wie sie selbst. Die, deren politische Auffassungen von den unseren abweichen, unter den Bereich des "Anderen" zu fassen, schiebt sie in die Kategorie der hoffnungslos, radikal verabscheuungswürdigen Anderen ab. Das Paradoxe daran ist natürlich, dass wir, indem wir dies tun, Gefahr laufen, gerade zu dem zu werden, was wir hassen, indem wir direkt in die Fußstapfen derer treten, deren Machenschaften oder Überzeugungen wir ablehnen. Wenn der Hass von Gewalt begleitet ist, wird unser Handeln den skrupellosen Vergehen immer ähnlicher, gegen die wir zu kämpfen glauben. Fortwährender, verbindlicher und geordneter Dialog jedoch zwingt uns dazu, die Herausforderung einer "moralischen Imagination" anzunehmen, die moralische Sensibilität hervorzuholen, die wir begraben haben, und einander als menschliche Wesen gegenüberzutreten. Der Dialog wird diejenigen, die wir als unsere Feinde betrachten, nicht immer dazu veranlassen, ihre Ansichten zu ändern, oder uns die unsrigen; und doch schafft er Wege, die Muster unserer Einstellungen zu modifizieren - im privaten wie im öffentlichen Bereich - und öffnet vielleicht die Türe für eine Veränderung.

Nelson Mandela gab seinen südafrikanischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern folgenden Rat: Verbitterung ist ein "Luxus, den wir uns als Land einfach nicht leisten können (...) stattdessen müssen wir auf einer standhaften Politik bestehen, die die noch fortdauernden Nachwirkungen der Vergangenheit aufhebt." Dieser Prozess des Aufhebens der Nachwirkungen der Vergangenheit ist, wie ich meine, die Herausforderung der Versöhnung, unsere Verwundung und unseren Hass zu überwinden.

Schlussfolgerung



Die Aufgabe, die Bruchstücke zusammenzufügen und eine Gesellschaft zu heilen, die durch das Trauma der Gewalt zerrüttet ist, ist nicht einfach. Sie erfordert Geduld. Die am längsten anhaltenden Auswirkungen der totalitären Machtausübung und der systematischen Unterdrückung unter der Apartheid können nicht in Opferzahlen gemessen werden, sondern nur im unermesslichen Verlust von Humanität. Hier muss die Heilung ansetzen. Wie kann die südafrikanische Gesellschaft vor dem Hintergrund einer so schrecklichen Vergangenheit ihre Menschlichkeit wiedererlangen? Indem wir verstehen, warum manche Weiße im neuen Südafrika ein Gefühl des Verlustes befällt; indem wir verstehen, weshalb die Freiheitsbewegung notwendig war, und weshalb im Zuge des Befreiungsprozesses Menschenrechtsverletzungen begangen wurden. Indem wir einen Dialog darüber führen, weshalb so viele Weiße die Apartheid noch zu einer Zeit unterstützten, als die internationale Gemeinschaft bereits ihre Abschaffung forderte.

Wie kann unsere heutige Gesellschaft über weiße Mitbürger richten, die die Apartheid unterstützten? Ist ihre Weigerung, gegen die Apartheid aufzubegehren, auf einen diesen weißen Wählern eigenen bösartigen Charakterzug zurückzuführen? Versagten sie deshalb darin, ihr "bestes Urteil" zu geben, weil die Auswirkungen der Apartheid auf die Unterdrückten nicht ausreichend verstanden wurden, weil die Propaganda so wirkungsvoll war, oder aufgrund von Prozessen der Selbstverleugnung, die so oft in totalitären Regimen zu beobachten sind? Verurteilen wir sie mit derselben Abscheu wie das System, das sie unterstützten? Oder behalten wir uns diese Urteile für die "Bösen" vor, die die Gegner der Apartheid ausschalteten? Wie denken sie über die Vergangenheit? Gestehen sie sich ein, falsch gehandelt zu haben? Bereuen sie etwas?

Gewöhnliche Menschen sind unter bestimmten Umständen dazu fähig, noch viel schlimmere Verbrechen zu begehen, als wir jemals für möglich gehalten hätten. Genauso sind wir zu weit größerer Tugend fähig, als wir jemals annehmen würden. Um den humanitären Geist in unserer Gesellschaft wiederherzustellen, um die Türe für die Möglichkeit der Transformation zu öffnen, müssen wir uns vom Mitgefühl leiten lassen, das uns als menschliche Wesen verbindet. Dieses Ziel - unsere Menschlichkeit wiederzuerlangen - erreichen wir nur durch fortwährenden Dialog über unsere Vergangenheit.

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Fußnoten

1.
Übersetzung aus dem Englischen: Anna Schnitzer, Halle/Saale. Vgl. als weiterführende Literatur Pumla Gobodo-Madikizela, Das Erbe der Apartheid - Trauma, Erinnerung, Versöhnung, Opladen 2006.
2.
Desmond Tutu, No future without forgiveness, New York 1999, S. 28.
3.
"Community" bleibt hier unübersetzt, weil es, so wie es im südafrikanischen Sprachgebrauch verwendet wird, nicht der deutschen "Gemeinschaft" entspricht [A. d. Ü.].
4.
Der Philosoph und Friedensforscher Paul Lederach nennt diese Haltung "moralische Imagination", was für ihn bedeutet, in das unbekannte Mysterium einzutauchen, das hinter den naheliegenden und vertrauten Mustern von Hass und Vergeltung liegt. Moralische Imagination, so Lederach, ist die Fähigkeit, uns selbst in einem Netz aus Beziehungen zu denken, das unsere Feinde mit einschließt; das Vermögen, eine paradoxe Neugier zu stärken, die die Schwierigkeit mit sich bringt, in unbekannte, aber unbelastete Gefilde vorzudringen.