Eine Frau benutzt einen Notrufknopf, den sie am Handgelenk trägt.

9.8.2019 | Von:
Lena Schürmann

Fürsorge aus Marktkalkül? Handlungsmuster und Motive von Unternehmer*innen der ambulanten Altenpflege

Ambivalente Bedingungen für Fürsorge

Die Entwicklung der ambulanten Pflege ist durch Verschiebungen in der Anbieter*innenstruktur gekennzeichnet: In dem vormals von Trägern der freien Wohlfahrtspflege dominierten Sektor stellen mittlerweile die überwiegend kleinbetrieblich strukturierten privaten Anbieter*innen die Mehrheit. Dabei zeichnet sich ab, dass diese aus einer Zwischenstellung heraus agieren. Einerseits handeln sie auf Basis von Versorgungsverträgen und bieten die öffentliche Dienstleistung "Pflege" nach politisch definierten beziehungsweise verhandelten Standards und Bedingungen an. Andererseits befinden sie sich als Marktakteure im zwischenbetrieblichen Wettbewerb; ihre selbstständige Erwerbstätigkeit birgt die üblichen Risiken (Auslastung, Einkommenssicherung), wenn auch unter den Bedingungen eines hochgradig regulierten Marktes und einer wachsenden Nachfrage. Gegenüber den medizinischen Akteuren und den öffentlichen Kostenträgern befinden sich die ambulanten Pflegedienste in einer untergeordneten Position, sie können über den Umfang der angebotenen Leistungen und über die Ausgestaltung der Pflege nicht allein entscheiden. Hinzu kommt, dass Pflegeleistungen gesellschaftlich nach wie vor als familiäre Sorgearbeit gerahmt werden und als einfache Tätigkeit aus dem Spektrum des weiblichen Arbeitsvermögens gelten.

Wie die Interviews mit Inhaber*innen von ambulanten Pflegediensten zeigen, stellen die der ambulanten Pflege eigenen Ambivalenzen sowie insbesondere deren Finanzierungsbedingungen spezifische Herausforderungen an die Betriebsführung. Die Integration ökonomischer Kalküle ist auf dem Pflegemarkt notwendig; sie wird, wie die Untersuchung zeigte, jedoch nicht von allen privaten Akteur*innen in der gleichen Weise erfüllt. Während eine Gruppe privater Anbieter*innen die bestehenden Planungssicherheiten strategisch zur Angebots- und Betriebsentwicklung nutzt, wird von einer anderen Gruppe die Erfordernis, die Betriebsführung an kaufmännischen Aspekten auszurichten, als tätigkeitsfremd angesehen und weitestgehend abgelehnt. Es wäre jedoch verkürzt, die ausbleibenden Marktstrategien dieser Anbieter*innengruppe lediglich als individuelles Versäumnis zu betrachten. Ähnlich wie aus Untersuchungen zu Künstler*innen und Kreativen bekannt,[18] ist diese Demonstration von Marktferne Ausdruck und Code eines gesteigerten Berufsethos, sich der Unterwerfung unter Marktlogiken explizit zu verweigern.

Das Vorhandensein eines derartigen Handlungsmusters verweist auf die in der Pflegegesetzgebung angelegte Tendenz, die Pflegearbeit als etwas Außerökonomisches zu behandeln. Damit wird die gesellschaftliche Zuschreibung an Pflege als eine private, familiäre und weibliche "Arbeit aus Liebe"[19] fortgeschrieben. Die Zuschreibung speist sich aus der "Herkunft" der professionellen Pflege aus der familialen Reproduktionsarbeit und verlängert die geschlechtsbezogene Be- und Entwertung in den Markt. Sie hat die anhaltend geringe Entlohnung von Pflegearbeit zur Folge und hinterlässt auch im Selbstverständnis der Pflegenden und Anbieter*innen ambulanter Pflege ihre Spuren. So scheinen insbesondere die berufsethisch motivierten Anbieter*innen in ihrer Fürsorgeorientierung auf dem schmalen Grat zwischen fachlicher Distanziertheit und familialer Vertrautheit/Intimität befangen zu sein, was häufig zulasten eines Perspektivwechsels hin zu den betriebswirtschaftlichen Anforderungen geht. Unter den gegebenen Finanzierungsbedingungen von Pflegearbeit erscheint dieser jedoch unerlässlich. Denn auch die professionelle Führung des Unternehmens ist für die Entfaltung der fachlichen Professionalität der Pflegenden eine notwendige Bedingung guter Pflege.

Fußnoten

18.
Vgl. Alexandra Manske, Zwischen verzauberter und entzauberter Arbeit – Selbständige in der Designbranche. in: AIS Studien 2/2016, S. 6–21.
19.
Gisela Bock/Barbara Duden, Arbeit aus Liebe – Liebe als Arbeit: Zur Entstehung der Hausarbeit im Kapitalismus, in: Gruppe Berliner Dozentinnen (Hrsg.), I: Frauen und Wissenschaft. Beiträge zur 1. Sommeruniversität für Frauen, Berlin 1977, S. 118–199.
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Autor: Lena Schürmann für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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