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28.9.2006 | Von:
Ferdinand Sutterlüty

Wer ist was in der deutsch-türkischen Nachbarschaft?

In sozial benachteiligten Stadtvierteln sind türkische Bewohner Adressaten abwertender und ausgrenzender Klassifizierungen durch ihre deutschen Nachbarn. Umgekehrt werden die Deutschen als dissozial wahrgenommen und deren Assimilationserwartungen zurückgewiesen.

Einleitung

Soziale Ungleichheiten zwischen Bevölkerungsgruppen sind im alltäglichen Zusammenleben immer mit Bewertungen der jeweils anderen Gruppe verbunden. Dies gilt für Ungleichheiten, die auf Einkommen, Bildung und Beruf beruhen, ebenso wie für solche, die mit der Zugehörigkeit zu einer Generation, einem Geschlecht oder einer ethnischen Gruppe verknüpft sind. In der Sozialstruktur repräsentiert sich nicht nur eine Verteilungsordnung materieller Güter, sondern zugleich ein gesellschaftliches System wertender Kategorisierung. Die Sozialstruktur ist daher immer auch eine "symbolische Ordnung", in der sich die normativen Wahrnehmungskategorien verschiedener Bevölkerungsteile abbilden. Sie stellt "klassifikatorische Muster sozialer Ungleichheit" bereit, "die mit Zuschreibungen verbunden sind, die Achtung und Mißachtung signalisieren".[1] Kämpfe um solche symbolischen Ordnungen waren Gegenstand der empirischen Studie "Negative Klassifikationen", die in den Jahren 2002 bis 2005 am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main durchgeführt wurde[2] und aus der einige zentrale Ergebnisse vorstellt werden.






Die Untersuchung von "negativen" Klassifikationen lenkt die Aufmerksamkeit auf die diskriminierenden und damit auf jene Aspekte einer symbolischen Ordnung, die entscheidenden Einfluss auf die Integrationschancen der betroffenen Sozialgruppen haben. In diesen tief greifenden sozialen Konsequenzen abwertender Etikettierungen liegt die besondere Relevanz der Studie.

Sie wurde in zwei ehemaligen Arbeitervierteln durchgeführt, von denen das eine, Barren-Ost, in einer Stadt im Ruhrgebiet und das andere, Iderstadt-Süd, im baden-württembergischen Raisfurth liegt.[3] Die beiden Stadtteile haben wie viele andere in Deutschland mit den sozialen Folgen der Deindustrialisierung zu kämpfen und weisen vergleichsweise hohe Arbeitslosenraten und Sozialhilfedichten auf. Hinsichtlich der ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung unterscheiden sie sich allerdings stark voneinander, wie die folgende Tabelle zeigt (vgl. PDF-Version).

Bei der Datenerhebung stützte sich die ethnographisch angelegte Untersuchung neben Methoden der klassischen Feldforschung, insbesondere der teilnehmenden Beobachtung, auf Einzelinterviews und Gruppendiskussionen. Die Auswahl der einbezogenen Personen und Gruppen richtete sich darauf, Repräsentanten aus verschiedenen sozialen Schichten - vom mittelständischen Unternehmer bis zum Sozialhilfeempfänger - und unterschiedlicher ethnischer Zugehörigkeit, verschiedenen Alters und Geschlechts zu berücksichtigen. Was die ethnische Zugehörigkeit betrifft, konzentrierte sie sich weitestgehend auf die deutsche und die türkische Bevölkerung.[4] Letztere wird in beiden Untersuchungsgebieten besonders häufig stigmatisiert und stellt jeweils auch die weitaus größte Migrantengruppe dar; im Mai 2004 waren in Barren-Ost 47 Prozent, in Iderstadt-Süd 44 Prozent aller Nichtdeutschen türkische Staatsangehörige.

In Stadtteilen, in denen sozialstrukturell und ethnisch sich unterscheidende Bevölkerungsgruppen auf engem Raum als Nachbarn leben, stellt sich die gegenwärtig viel diskutierte Frage der sozialen Integration in besonders radikaler Weise, zumal bei sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen - im Unterschied zu meist hochmobilen privilegierten Schichten - die sozialräumliche Nachbarschaft der entscheidende Ort der Integration und der Bildung von Beziehungsnetzwerken ist.[5] Vor diesem Hintergrund gilt es die weithin offenen Fragen zu beantworten, welche Bewohnergruppen sozial benachteiligter Stadtgebiete in besonderer Weise Adressaten negativer Klassifikationen sind, welchen materialen Inhalt diese haben und welche desintegrativen Wirkungen sie zeitigen.

Fußnoten

1.
Sighard Neckel, Status und Scham. Zur symbolischen Reproduktion sozialer Ungleichheit, Frankfurt/M.-New York 1991, S. 252f.; ders., Kampf um Zugehörigkeit. Die Macht der Klassifikation, in: Leviathan, 31 (2003) 2, S. 159-167; vgl. auch Pierre Bourdieu, Sozialer Raum und symbolische Macht, in: ders., Rede und Antwort, Frankfurt/M. 1992, S. 135-154.
2.
Das Forscherteam bestand aus dem Projektleiter Sighard Neckel, Ina Walter und dem Verfasser. Die Untersuchung war Teil des interdisziplinären, vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Forschungsverbundes "Desintegrationsprozesse - Stärkung von Integrationspotentialen einer modernen Gesellschaft".
3.
Die Ortsnamen wurden geändert.
4.
Die Bezeichnungen "deutsch" und "türkisch" stehen hier nicht für die Staatsangehörigkeit von Personen, sondern für ihre ethnische Fremd- und Selbstdefinition.
5.
Vgl. Heiner Keupp, Soziale Netzwerke. Eine Metapher des gesellschaftlichen Umbruchs?, in: ders./Bernd Röhrle (Hrsg.), Soziale Netzwerke, Frankfurt/M.-New York 1987, S. 11-53, bes. 39f.