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28.9.2006 | Von:
Ingrid Matthäi

Alleinstehende Migrantinnen: Integriert - isoliert - segregiert?

Beschrieben werden typische Integrationsstrategien, welche die heterogenen Lebenslagen von Migrantinnen widerspiegeln. Neben segregiert lebenden Frauen gibt es große Gruppen von sozial gut eingebetteten Zuwanderinnen, jedoch auch Migrantinnen, die weitgehend desintegriert und sozial isoliert sind.

Einleitung

Droht alleinstehenden Migrantinnen und Migranten, wie in zahlreichen Studien prognostiziert wird, im Alter häufiger als anderen Gruppen ein eher einsamer Lebensabend in der Fremde oder gar ein sozialer "Rückzug in die Ethnizität"?[1] Derartige Prognosen rekurrieren auf ältere Forschungsansätze, welche die soziale Lage von älteren Menschen primär als Folge von struktureller Isolation, Disengagement oder Rollenverlust deuten. Aktuellere Befunde aus der Alternsforschung über ältere Deutsche hingegen belegen, dass die Fähigkeit, soziale Kontakte zu schließen und zu pflegen, keineswegs primär altersabhängig ist, sondern stärker durch soziale Lagen und individuelle Kompetenzen beeinflusst wird.[2] Zudem werden Partizipationsmuster, Freizeitverhalten und soziale Kompetenz zur Herstellung und Pflege von Sozialkontakten vor allem in jüngeren und mittleren Lebensjahren ausgebildet und bleiben im Alter weiterhin lebensstilbildend und handlungsleitend.






Damit rückt die Frage ins Blickfeld, welche sozialen Integrations- und Einbindungsstrategien ältere alleinstehende Migrantinnen tatsächlich verfolgen.[3] Inwieweit sind die Befunde über das Partizipationsverhalten von älteren Deutschen auf ältere alleinstehende Migrantinnen übertragbar? Knüpfen Migrantinnen bei der Netzwerkbildung eher an traditionale Formen der Vergemeinschaftung (ethnische Nachbarschaft, Verwandtschaft) an, oder erproben sie im Zuge ihrer Modernisierungs- und Individualisierungserfahrungen neue Einbindungsstrategien, die den Logiken sekundärer Netzwerkbildung folgen? Werden die jeweiligen Integrationsstrategien ebenfalls eher durch soziale Lagen oder eher durch ethnische/kulturelle Herkunft beeinflusst?

Fußnoten

1.
Vgl. Ralf Zoll, Die soziale Lage älterer MigrantInnen in Deutschland, Münster 1997; Elke Olbermann/Maria Dietzel-Papakyriakou, Entwicklung von Konzepten und Handlungsstrategien für die Versorgung älterwerdender und älterer Ausländer, Bonn 1995.
2.
Vgl. Bernhard Schlag (Hrsg.), Mobilität und gesellschaftliche Partizipation im Alter, Stuttgart 2002.
3.
Die Befunde entstammen einer qualitativen Studie zur Lebenssituation von älteren alleinstehenden Migrantinnen, die vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) gefördert wurde. Einbezogen wurden 87 Migrantinnen aus fünf ehemaligen Anwerbeländern (Türkei, Italien, Griechenland, Ex-Jugoslawien, Vietnam) im Alter ab 50 Jahren. Vgl. Ingrid Matthäi, Die vergessenen` Frauen aus der Zuwanderergeneration. Zur Lebenssituation von alleinstehenden Migrantinnen im Alter, Wiesbaden 2005.