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21.9.2006 | Von:
Golz, Hans-Georg

Editorial

Hannah Arendts Erfahrungen mit dem Stalinismus und dem Nationalsozialismus können zur Weiterentwicklung der demokratischen politischen Kultur im ungeteilten Europa beitragen.

Die deutsche Jüdin Hannah Arendt war 1933 aus NS-Deutschland nach Frankreich und später in die USA geflohen. Angesichts des Eichmann-Prozesses in Jerusalem, über den sie für den "New Yorker" berichtete, formulierte sie Anfang der sechziger Jahre ihr berühmtes Diktum von der "Banalität des Bösen". Diese war ihr in Gestalt eines pedantischen Bürokraten begegnet, der in SS-Uniform gewissenlos Befehle befolgt hatte. Dieses wenig diabolische Täterbild sowie Arendts Einlassungen zur erzwungenen Mitwirkung der Judenräte bei der "Endlösung" stießen seinerzeit nicht nur in Israel auf heftige Kritik.

In diesem Jahr wäre Hannah Arendt 100 Jahre alt geworden. Das Werk der politischen Philosophin erlebte mit den Freiheitsrevolutionen in Mittel- und Osteuropa eine Renaissance. Als die lettische Staatspräsidentin Vaira Vike-Freiberga im Dezember 2005 in Bremen mit dem Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken ausgezeichnet wurde, verwies sie auf lettische Intellektuelle, die es zu Sowjetzeiten gewagt hatten, neben den Schriften anderer westlicher Denker auch Auszüge aus Arendts Hauptwerk "The Origins of Totalitarianism" zu verbreiten. Die Übersetzungen gingen von Hand zu Hand.

Nach dem Untergang des sowjetischen Imperiums stehen die europäischen Zivilgesellschaften vor der Aufgabe, nach Jahrzehnten der gewaltsamen Teilung eine gemeinsame Identität, eine neue politische Kultur der Freiheit und der Demokratie zu entwickeln. Arendts Erfahrungen mit dem Stalinismus und dem Nationalsozialismus können dazu beitragen. Ihre Auseinandersetzung mit den totalitären Systemen kulminierte in der Überzeugung, dass der Sinn von politischem Handeln die Freiheit, das freie, verantwortliche Handeln ist.