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21.9.2006 | Von:
Clemens Vollnhals

Der Totalitarismusbegriff im Wandel

Carl J. Friedrich und Hannah Arendt

Die klassische Formulierung der Totalitarismusmerkmale stammt von dem in Harvard lehrenden Carl J. Friedrich: "1. eine offizielle Ideologie, bestehend aus einem offiziellen, alle Hauptaspekte des menschlichen Lebens umfassenden Lehrsystem, woran sich jedes Mitglied dieser Gesellschaft mindestens passiv zu halten hat; im Mittelpunkt dieser Ideologie stehen (...) chiliastische Forderungen für eine vollkommene Endgesellschaft der Menschheit. 2. eine einzige Massenpartei (...); dabei ist die Partei gewöhnlich unter einem einzigen Führer streng hierarchisch und oligarchisch organisiert und (...) der staatlichen Bürokratie entweder übergeordnet oder völlig mit ihr verflochten. 3. ein technisch bedingtes, fast vollkommenes Monopol der Kontrolle (...) über alle entscheidenden Kampfmittel. 4. ein ähnlich technisch bedingtes, fast vollkommenes Monopol der Kontrolle (in denselben Händen) über alle entscheidenden Massenkommunikationsmittel (...). 5. ein System terroristischer, in seiner Wirkung auf den Punkt 3 und 4 beruhender Polizeikontrolle, die sich bezeichnenderweise nicht nur gegen erwiesene Feinde des Regimes, sondern gegen willkürlich herausgegriffene Gruppen der Bevölkerung richtet".[19] Die Rolle der Geheimpolizei wurde in dem mit Zbigniew K. Brzezinski publizierten Standardwerk "Totalitarian Dictatorship and Autocracy"[20] stärker akzentuiert und als sechstes Kriterium die zentrale Lenkung der Wirtschaft aufgenommen.

Dieses Klassifikationsschema kam der empirisch-positivistisch ausgerichteten amerikanischen Politikwissenschaft entgegen. Friedrich betonte, dass zwischen den totalitären Systemen "in bezug auf Zeit und Ort bedeutende Variationen"[21] bestehen; sie seien lediglich "basically alike". Waren alle sechs genannten Kriterien erfüllt, so handelte es nach Friedrich um eine totalitäre Diktatur. Dieses Schema, dem der Maßstab einer liberal-demokratischen Gesellschaft zugrunde liegt, erlaubte die Subsumierung von Sowjetkommunismus, italienischem Faschismus und Nationalsozialismus unter den Totalitarismusbegriff. Gleichwohl entwickelte der italienische Faschismus keinen vergleichbaren Terror, auch waren die imperialen Ambitionen Mussolinis mit den visionären Endzielen Hitlers und Stalins nicht vergleichbar. Selbst eine kritischere Sicht auf rassistische Komponenten und die barbarische Kriegsführung in Abessinien lassen diesen Schluss kaum zu. Nicht zuletzt gab es im Faschismus - wie im Nationalsozialismus - keine staatlich gelenkte Wirtschaft. Insofern bliebe bei strikter Anwendung des Kriterienkatalogs nur der Bolschewismus übrig.

Aus der Gemeinsamkeit des Herrschaftsinstrumentariums lässt sich keine Identität der ideologischen Zwecke folgern. Der Nationalsozialismus beruhte auf Rassismus und dem unbedingten Willen zum Krieg, sein Ziel war die rassisch fundierte Herrschaft über Europa, was die Vernichtung des europäischen Judentums mit tödlicher Konsequenz einschloss. Insofern war der Holocaust zwar nur im Krieg zu verwirklichen, aber militärischen Kriegszielen gleichrangig. Die sozialistische Utopie hingegen war humanistisch und universal angelegt. Der Terror Lenins und Stalins ist eng mit dem Marxismus, insbesondere dem Glauben an objektive Gesetzmäßigkeiten der Geschichte, verbunden, doch er war keine notwendige Konsequenz, wie die politische Praxis der Sozialdemokratie zeigt. Hitlers sozialdarwinistische Weltanschauung hingegen ist ohne antisemitischen Rassismus, Gewalt und Krieg als ewigem Lebensgesetz des Rassenkampfes nicht vorstellbar. Ende der sechziger Jahre urteilte Friedrich, die terroristischen Diktaturen Hitlers und Stalins stellten nicht den Normalfall totalitärer Diktatur dar, sondern "rather extreme aberrations".[22]

Die klare Festlegung Hannah Arendts war konsequenter. Sie schrieb 1966 im neuen Vorwort zum Abschnitt "totale Herrschaft", dass man die Sowjetunion seit Stalins Tod "im strengen Sinne des Wortes" nicht mehr totalitär nennen könne. "Auf dem sowjetischen Volk lastet heute nicht mehr der Alptraum eines totalitären Regimes, es leidet nur noch unter den vielfältigen Unterdrückungen, (...) die eine Einparteiendiktatur mit sich bringt." Es sei eine moderne Form der Tyrannis, eine illegitime Macht, die wieder auf die Stufe der totalen Herrschaft zurückfallen könne, "und doch kann man mit gleichem Recht feststellen, dass die totale Herrschaft, die furchtbarste aller modernen Regierungsformen, (...) mit dem Tod Stalins in Russland nicht weniger ihr Ende gefunden hat als in Deutschland mit dem Tod Hitlers".[23] Da für Arendt der Terror das zentrale Wesen totaler Herrschaft darstellte, war es konsequent, dass sie diese Periode auf die NS-Diktatur und für die Sowjetunion auf die Zeit des Stalinismus (mit Unterbrechung der Kriegsjahre) begrenzt wissen wollte und dafür plädierte, "mit dem Wort totalitär sparsam und vorsichtig umzugehen".[24]

"Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft", das die 1933 emigrierte jüdische Philosophin und Publizistin bekannt machte, besitzt eine komplizierte Entstehungsgeschichte. Ursprünglich wollte Arendt eine ideengeschichtliche Analyse des Nationalsozialismus verfassen, wovon die ersten beiden, zwischen 1944 und 1948 entstandenen Teile zeugen ("Antisemitismus" und "Imperialismus"). Sie sollten folgerichtig in einen dritten Teil ("Rassen-Imperialismus") münden, womit der Expansionsdrang ebenso wie der rassenideologische Charakter des Nationalsozialismus prägnant benannt gewesen wäre. Stattdessen entschied sie sich 1948/49 unter dem erschütternden Eindruck der Augenzeugenberichte über die NS-Konzentrations- und Vernichtungslager sowie von Emigranten über den sowjetischen Gulag, den dritten Teil der "totalen Herrschaft" als einer völlig neuen Staats- und Herrschaftsform zu widmen. Hieraus resultiert der konzeptionelle Bruch des Werkes, dessen letzter Teil in keiner überzeugenden Beziehung zu den ersten beiden steht.[25] Als das Werk 1951 in einer amerikanischen und einer englischen Ausgabe erschien, eskalierten die Spannungen des Kalten Krieges im Koreakrieg. Arendt, eine Schülerin Martin Heideggers und Karl Jaspers', war eine glänzende Essayistin, deren existenzialphilosophischer Ansatz leidenschaftlich die Freiheit und Würde des Individuums verteidigte. Besondere Wirkung erzielte vor allem der 1955 der deutschen Ausgabe beigefügte Essay "Ideologie und Terror: Eine neue Staatsform", der die bisherigen "Concluding Remarks" ersetzte.[26] Es ist dieser theoretische Essay, der zumeist zitiert wird, während die historisch beschreibenden Ausführungen zu Antisemitismus und Imperialismus kaum rezipiert wurden.

Wie andere konservative Zivilisationskritiker sieht auch Arendt die Voraussetzung für die Entstehung der totalitären Diktaturen im Untergang der Klassengesellschaft des 19. Jahrhunderts und der daraus folgenden Atomisierung der "Massen". Kennzeichen der totalitären Staatsform sind Ideologie und Terror sowie die Behauptung, den Ablauf der Geschichte zu kennen. Der sozialdarwinistischen Berufung der Nationalsozialisten auf "Gesetze der Natur" zur Rechtfertigung der Vernichtung "minderwertiger Rassen" entspreche, so Arendt, der Glaube der Bolschewisten an die "objektiven Gesetze der Geschichte", der die Vernichtung absterbender Klassen legitimiert. Dient die totalitäre Ideologie der geistigen Beherrschung der Massen, so der Terror ihrer ständigen Mobilisierung: "Totalitäre Herrschaft wird wahrhaft total in dem Augenblick (...), wenn sie das privat-gesellschaftliche Leben der ihr Unterworfenen in das eiserne Band des Terrors spannt. Dadurch zerstört sie einerseits alle nach Fortfall der politisch-öffentlichen Sphäre noch verbleibenden Beziehungen zwischen Menschen und erzwingt andererseits, dass die also völligIsolierten und voneinander Verlassenen zu politischen Aktionen (wiewohl natürlich nicht zu echten politischen Handeln) wieder eingesetzt werden können."[27] Ziel des Terrors sei es, "Menschen so zu organisieren, als gäbe es sie gar nicht im Plural, sondern nur im Singular".[28] Der Terror sei kein zeitlich befristetes Mittel zur Herrschaftssicherung, vielmehr stelle er das Wesen totaler Herrschaft dar. "Die Lager dienen nicht nur der Ausrottung und Erniedrigung der Individuen, sondern auch dem ungeheuerlichen Experiment, unter wissenschaftlichen Bedingungen Spontaneität als menschliche Verhaltensweise abzuschaffen und Menschen in ein Ding zu verwandeln, das unter gleichen Bedingungen sich immer gleich verhalten wird."[29] Die Lager seien somit das "richtungsgebende Gesellschaftsideal" der totalitären Diktatur, deren Ziel die Veränderung der menschlichen Natur sei.

In diesen kraftvollen Passagen kommt das Erschrecken über den Zivilisationsbruch zum Ausdruck, doch liegt hier auch eine metaphysische Sinndeutung vor. Denn der industrielle Massenmord in den NS-Vernichtungslagern diente keinem anderen Zweck als der Verwirklichung eines definierten Zieles, der Vernichtung des europäischen Judentums. Der Holocaust lässt sich deshalb nicht mit dem Lagersystem des Gulag gleichsetzen, das mit Zwangsarbeit die Industrialisierung der Sowjetunion forcieren sollte. Entsprechend ihrem anthropologischen Ansatz interpretierte Arendt den Totalitarismus als Versuch zur Vernichtung des genuin Politischen, nämlich der Pluralität und Spontaneität des Menschen. Darauf gründete sich ihre Hoffnung, dass die totalitären Diktaturen den "Keim des Verderbens" in sich trügen.

Die empirische Forschung wusste mit Arendts anthropologisch-existenzialphilosophischer Deutung wenig anzufangen.[30] In der angelsächsischen und amerikanischen sowie in der westdeutschen Kommunismus- bzw. NS-Forschung wurde ihre Totalitarismustheorie kaum rezipiert. Die Erforschung des Holocausts wurde nicht durch Arendt inspiriert, sondern durch die Arbeiten Raul Hilbergs, die sich an der Strukturtheorie Franz Neumanns orientierten.[31] Auch die normativen Wurzeln und Implikationen der klassischen Totalitarismuskonzepte stießen (neben Zustimmung) auf scharfe Kritik. Sie war teils politisch motiviert, so bei Autoren, die mit dem Kommunismus sympathisierten und jede Wesensverwandtschaft mit dem Faschismus bzw. Nationalsozialismus entschieden ablehnten. Kritik kam auch aus den Reihen der wissenschaftlichen Kommunismusforschung, die den Kriterienkatalog Friedrichs als allzu schematisch und statisch befand, um die Veränderungen in der Sowjetunion erfassen zu können. Der Verdacht ideologischer Blindheit war ein Argument, das von empirisch orientierten Kommunismusforschern gegen die klassischen Totalitarismuskonzepte geltend gemacht wurde.[32] Im Bereich der NS-Forschung spielten sie ohnehin keine Rolle, hier übten die Arbeiten Fraenkels und Neumanns stärkeren Einfluss aus.[33]

Fußnoten

19.
Carl J. Friedrich, The Unique Character of Totalitarian Society, in: ders. (Hrsg.), Totalitarianism, Cambridge/Mass. 1945, S. 47 - 60. Übs. in: B. Seidel/ J.Jenker (Anm. 15), S. 179 - 196, hier S. 185f.
20.
Carl J. Friedrich/Zbigniew K. Brzezinski, Totalitarian Dictorship and Autocracy, Cambridge/Mass. 1956 (Totalitäre Diktatur, Stuttgart 1957).
21.
C. J. Friedrich (Anm. 19), S. 187.
22.
Ders., Totalitarianism: Recent Trends, in: Problems of Communism, 17 (1968), S. 32 - 43, hier S. 34.
23.
Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, München 19865, S. 491.
24.
Ebd., S. 479.
25.
Vgl. Elisabeth Young-Bruehl, Hannah Arendt, Frankfurt/M. 1996, S. 285 - 301; Ursula Ludz, Hannah Arendt und ihr Totalitarismusbuch, in: Antonia Grunenberg (Hrsg.), Totalitäre Herrschaft und republikanische Demokratie, Frankfurt/M. 2003, S. 81 - 92.
26.
Zuerst 1953 in der Festschrift für Karl Jaspers zum 70. Geburtstag. Dt. Übersetzung des ursprünglichen Vorworts und der "Concluding Remarks" der ersten engl. Ausgabe in: Über den Totalitarismus. Texte Hannah Arendts aus den Jahren 1951 und 1953. Aus dem Engl. von Ursula Ludz, Kommentar von Ingeborg Nordmann, Dresden 1998, S. 11 - 31.
27.
H. Arendt (Anm. 23), S. 727.
28.
Ebd., S. 714.
29.
Ebd., S. 676f.
30.
Vgl. hierzu neben B. Seidel/S. Jenkner (Anm. 15) und A. Söllner (Anm. 18) auch Eckhard Jesse (Hrsg.), Totalitarismus im 20. Jahrhundert, Baden-Baden 1996; Achim Siegel (Hrsg.), Totalitarismustheorien nach dem Ende des Kommunismus, Köln 1998; Wolfgang Wippermann, Totalitarismustheorien, Darmstadt 1997; Walter Schlangen, Die Totalitarismus-Theorie, Stuttgart 1976.
31.
Vgl. Raul Hilberg, The Destruction of the European Jews, London 1961 (dt. Ausgabe erst 1990).
32.
Vgl. Abbot Gleason, Totalitarianism: The Inner History of Cold War, New York 1995; Achim Siegel, Die Konjunkturen des Totalitarismuskonzepts in der Kommunismusforschung, in: APuZ, (1998) 20, S. 19 - 46.
33.
Vgl. z.B. Ian Kershaw, Der NS-Staat, Reinbek 20023.