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21.9.2006 | Von:
Clemens Vollnhals

Der Totalitarismusbegriff im Wandel

Totalitarismus ohne Terror?

Andere Totalitarismuskonzepte heben das Primat einer ideologisch definierten Politik hervor. So unterschied Martin Drath zwischen dem Primärphänomen des Totalitarismus - dem "Ziel, ein neues gesellschaftliches Wertungssystem durchzusetzen, das bis in die Metaphysik hinein fundiert wird"[34] - und der herrschaftstechnischen Umsetzung dieses Anspruchs. In diesem dynamischen Entwicklungskonzept besitzt der Massenterror keine konstitutive Bedeutung, da er lediglich als Sekundärphänomen für die Herrschaftsdurchsetzung und -konsolidierung verstanden wird. Ähnlich argumentierten Richard Löwenthal und andere im Hinblick auf die poststalinistische Sowjetunion.[35] Diese Konzepte[36] stellen einen Typus der Totalitarismustheorie dar, der nicht mehr die extreme Gewalt und Vernichtung ganzer Bevölkerungsgruppen in den Mittelpunkt stellt. Die einprägsamste Formulierung dieser Kriterien totaler Kontrolle stammt von Peter Graf Kielmansegg: 1. die Monopolisierung von Entscheidungsmacht in einem Führungszentrum; 2. die unbegrenzte Reichweite der Entscheidungen des politischen Systems; 3. die prinzipiell unbegrenzte Intensität der Sanktionen (einschließlich des Terrors).[37]

Legt man diese Kriterien zugrunde, lassen sich die poststalinistische Sowjetunion wie die realsozialistischen Ostblockstaaten einschließlich des SED-Regimes als totalitär bezeichnen. Denn an der parteistaatlichen Kontrolle und geheimpolizeilichen Durchdringung aller Lebensbereiche besteht kein Zweifel, ebenso wenig an der Monopolisierung der Entscheidungsmacht und der prinzipiell unbegrenzten Intensität der Sanktionen. Allerdings steht das Totalitarismuskonzept der totalen Kontrolle in einem kaum auflösbaren Spannungsverhältnis zu den klassischen Konzeptionen. Es handelt sich um zwei unterschiedliche Ansätze, so dass, wer den Begriff "totalitär" für die DDR benutzt, gut daran tut, ihn zu definieren. Aus Sicht der klassischen Konzeptionen Friedrichs und Arendts lassen sich die kommunistischen Regime poststalinistischer Prägung nur als posttotalitär bezeichnen, da sie keinen vergleichbaren ideologischen Furor und Terror mehr aufwiesen.

Als Resümee gilt, dass eine theoretisch befriedigende, die historischen Unterschiede nicht verwischende Totalitarismustheorie noch nicht gefunden ist. Die begriffliche Unschärfe teilt sie mit anderen Begriffen wie Demokratie, Modernisierung oder Imperialismus. Unverzichtbar erscheint mir der Totalitarismusbegriff für die seit Aristoteles klassische Lehre der Herrschaftsformen: Er bezeichnet einen Typus moderner Diktatur, die man auch als Weltanschauungsdiktaturen mit totalem Herrschaftsanspruch bezeichnen kann. Insofern unterschiedet sich dieser Typus grundlegend von autoritären Diktaturen, die keine umfassende Kontrolle über alle Lebensbereiche anstreben und begrenzten gesellschaftlichen Pluralismus zulassen. Vom Standpunkt der liberalen Demokratie können die totalitären Regime auf gleiche Distanz gebracht werden, jedoch sagt die herrschaftstypologische Einordnung nichts über den politisch-ideologischen Herrschaftszweck aus, weshalb aus dem totalen Herrschaftsanspruch keine Identität der totalitären Regime abgeleitet werden kann. Die Wertgebundenheit des Totalitarismusbegriffs stellt jedoch keine analytische Schwäche dar, sondern markiert den fundamentalen Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur.

Fußnoten

34.
Martin Drath, Totalitarismus in der Volksdemokratie. Einleitung zu Ernst Richert, Macht ohne Mandat, Köln 1958, S. IX-XXXIV. Neudruck: B. Seidel/S. Jenkner (Anm. 15), S. 310 - 358, hier S. 340.
35.
Vgl. Richard Löwenthal, Totalitäre und demokratische Revolution, in: Der Monat, 13 (1960), H. 146, S. 29 - 40.
36.
Vgl. Juan J. Linz, Totalitarian and Authoritarian Regimes, in: Fred I. Greenstein/Nelson W. Polsby (Hrsg,), Handbook of Political Science, Bd. 3, Reading/Mass. 1975, S. 175 - 411. Übs. mit neuem Vorwort: Totalitäre und autoritäre Regime, Potsdam 2000. Vgl. auch Klaus-Dietmar Henke (Hrsg.), Totalitarismus. Sechs Vorträge über Gehalt und Reichweite eines klassischen Konzepts der Diktaturforschung, Dresden 1999, S. 61 - 77.
37.
Vgl. Peter Graf Kielmansegg, Krise der Totalitarismustheorie?, in: Zeitschrift für Politik, 21 (1974), S. 311 - 326.