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6.9.2006 | Von:
Karl-Dieter Keim

Peripherisierung ländlicher Räume - Essay

Zum Begriff "Peripherisierung"

Zunächst ruft die Bezeichnung "Peripherisierung" nach einem Kontrastbegriff. So wie üblicherweise von einer Dualität "Zentrum - Peripherie" gesprochen wird, verwende ich im Folgenden den Begriff "Peripherisierung" komplementär zu einem Begriff von "Zentralisierung". Der Prozess einer Peripherisierung lässt sich nur in Abhängigkeit von zentripetalen Vorgängen, das heißt, als eine Funktion von Zentralisierungen sinnvoll beschreiben. Es sind die Logik und die Dynamik der räumlichen Zentralisierungen, also etwa in den größeren Stadtregionen, die in erheblichem Maße die Peripherisierungen der übrigen Räume bestimmen, und zwar dadurch, dass sie Menschen, wirtschaftliche Produktivität und Infrastrukturfunktionen bündeln und so den übrigen Regionen entziehen. So betrachtet, gilt die Zentralisierungsdynamik mit ihren Regelsystemen als Subjekt der sozial-räumlichen Entwicklung insgesamt.

"Peripherisierung" wird hier gegenüber dem Begriff der "Marginalisierung" bevorzugt, da dieser in den Sozialwissenschaften auf eine besondere Dynamik der Sozialstruktur angewandt wird, nämlich darauf, dass bestimmte "Kategorien" von Menschen gesellschaftlich an den Rand gedrängt werden. Dieser Sachverhalt kann eine Dimension von Peripherisierungen ausdrücken, doch ist dies keinesfalls zwingend. Vor allem jedoch enthält der Begriff "Peripherisierung" noch weitere Dimensionen, die nicht sozialstruktureller Natur sind, zum Beispiel funktionale, ökonomische und kulturelle Dimensionen.

Eine Abgrenzung möchte ich auch gegenüber den Begriffen "Randständigkeit" und "strukturschwache Räume" geltend machen, weil mit ihnen eine Art von Zustand, von persistenter Gegebenheit suggeriert wird. Es geht bei solchen Bezeichnungen um Hinweise auf Strukturbildungen, die offenbar eine bestimmte notwendige oder erwünschte Leistungsfähigkeit dauerhaft nicht ermöglichen. In Zeiten tiefgreifender Umbrüche und Restrukturierungen sollte jedoch auf den Gebrauch statischer Begriffe weitgehend verzichtet werden. Mit "Peripherisierung" verwenden wir stattdessen einen sozial-räumlichen Prozessbegriff.[1] Er verleiht auch dem Gebrauch der in der Raumplanung und Agrarforschung üblichen Bezeichnung "ländliche Räume" (mit diversifizierten Nutzungen) eine ungewohnte, aber fruchtbare Dynamik, auch wenn diese einem langsameren Zeitmaß folgen mag.

"Peripherisierung" wird hier zusammengefasst als graduelle Schwächung und/oder Abkopplung sozial-räumlicher Entwicklungen gegenüber den dominanten Zentralisierungsvorgängen bezeichnet. Diese Definition schließt ein, dass es auch in dünn besiedelten Regionen zentripetal wirksame Stärken der Entwicklung geben kann; wie auch umgekehrt in Agglomerationsräumen peripherisierte Verhältnisse entstehen können (dieser Aspekt wird hier nicht weiter verfolgt). Die vorgeschlagene Definition bedeutet, dass prinzipiell eine kartografische Darstellung bzw. Abgrenzung "peripherer Räume" (im territorialen Sinne) wenig hilfreich erscheint. Wenn mit solchen Methoden gearbeitet wird, müssten sie zumindest zu Darstellungen im Zeitvergleich führen, um die Vorstellung, es handle sich um fixierte Gebiete, zu vermeiden.

Fußnoten

1.
Die Grundposition, für soziologisch relevante Sachverhalte Prozess-Begriffe einzuführen und diese Begriffe als Bezugsrahmen für die Erforschung gesellschaftlicher Zustände zu benutzen, fußt auf der Soziologie von Norbert Elias, der sich stets für diese Dynamisierung eingesetzt hatte; vgl. Norbert Elias, Was ist Soziologie?, München 1970, Kapitel 4.