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6.9.2006 | Von:
Karl-Dieter Keim

Peripherisierung ländlicher Räume - Essay

Peripherisierung und funktionale Verflechtungen

Die relevanten Dimensionen von Peripherisierung sind der hier gewählten Definition zufolge hinsichtlich verschiedener funktionaler Verflechtungen zwischen räumlichen Zentralisierungen und den davon weitgehend abgekoppelten Sekundärentwicklungen darzustellen.[2]

An erster Stelle bezeichnet "Peripherisierung" den Prozess einer Schwächung der ökonomischen Leistungsfähigkeit. Diese wird vor allem durch die zentripetale Bündelung wirtschaftlicher Funktionen, zum Beispiel ausgelöst durch steigende Skalenerträge, in den Agglomerationsräumen herbeigeführt.[3] Vereinfacht könnte man sagen: Je erfolgreicher sich die zentripetalen Bündelungen in den Stadtregionen organisieren lassen und je weniger diese auf eigenständige Produktionen der ländlichen Regionen angewiesen sind, desto gravierender fallen die ökonomischen Peripherisierungen aus. Eine gleich bleibende oder gar leicht sinkende Menge an wirtschaftlichen Investitionen, an Produktivität und an Beschäftigung verteilt sich entsprechend den marktwirtschaftlich begründeten Regelsystemen ungleichmäßig auf die verschiedenen Teilräume eines Landes - es entsteht die Dynamik von "Gewinner-" und "Verliererregionen". Dies geschieht nach der hier verwendeten Logik nicht ein für alle Mal, sondern mit der Chance der Korrigierbarkeit.

In Deutschland sind derzeit schwache funktionale Verflechtungen zu registrieren: Verflechtungen mit einem hohen Grad an Abkopplung, vor allem bei der Beschäftigung, aber auch den Produktionen der Agrarwirtschaft - zumal dann, wenn die Nahrungsmittelversorgung mehr und mehr unabhängig von den herkömmlichen regionalen Produkten organisiert wird. Weitgehend abgekoppelt verlaufen auch die Beschäftigungen und Produktionen in den Textil-, Holz- und Lederverarbeitungsbranchen sowie in zahlreichen Handwerkszweigen; sie waren jeweils traditionell in ländlichen Regionen verbreitet, ihre Produkte werden jedoch seit längerem von Anbietern in den Ballungsräumen durch ausländische Billigimporte ersetzt.

Die Bereitstellung von Wasser unterliegt dann der Peripherisierung, wenn sie in der öffentlichen Wahrnehmung als bloßes nicht-bewertetes (Kollektiv-)Nebenprodukt der Landschaft und der Bodennutzung (non-commodity output) eingestuft wird. Eigentümer und Gemeinden erhalten oft für ihren Beitrag zur Sicherung der regionalen Wasserressourcen keinen angemessenen finanziellen Ausgleich. Dem entspricht, dass dieses wesentliche Lebensmittel in Agglomerationsräumen bereits als marktfähiges Produkt, partiell unabhängig von den regionalen Ressourcen, angeboten wird. Auf diese Weise wird der periphere Charakter des Kollektivguts Wasser verfestigt.

Die regionalen Siedlungsstrukturen geraten derzeit ebenfalls in zum Teil gravierende Peripherisierungen. Dies liegt einerseits an den grundlegenden demografischen Veränderungen (Einwohnerverluste, Geburtenrückgang, Überalterung), andererseits an der entsprechend dysfunktionalen technischen und sozialen Infrastruktur. Trotz einer über Jahrzehnte stattgefundenen Urbanisierung der dörflichen und kleinstädtischen Strukturen (ein Vorgang, der die funktionale Verflechtung mit den Zentren erhöht hatte) treten inzwischen in jenen Regionen, die von Schrumpfungsprozessen besonders betroffen sind, die Schwächen offen zu Tage: leerstehende Wohngebäude, schlechte Verkehrsanbindungen, Zusammenlegung von Bildungseinrichtungen einerseits und Ämtern andererseits (weitere Wege), tendenzieller Wegfall steuerlicher Vorteile, Qualitätseinbußen bei den Dienstleistungen (Gesundheitswesen, Post, Einzelhandel etc.), fehlende kritische Masse für die kommunale Selbstverwaltung.

Funktionale Verflechtungen mit der Chance zum Peripherisierungsabbau sind hingegen durch die Ausgleichs- und die Schutzfunktion ländlicher Räume zu erwarten. Erholungs- und Freizeitfunktionen, oft in Verbindung mit Tourismusentwicklung, Wellness- und Weiterbildungsangeboten, vermögen in manchen geeigneten Regionen ein eigenes Profil herbeizuführen - allerdings nur unter gewissen Bedingungen: einer funktionierenden Dienstleistungswirtschaft (Gastronomie, Hotelgewerbe, Freizeiteinrichtungen), einer dazu passenden Infrastruktur einschließlich guter Erreichbarkeit sowie einer attraktiven naturräumlichen Ausstattung. Peripherisierungen setzen jedoch dann ein, wenn die Marktmechanismen zur Reduzierung wichtiger Erholungs- und Freizeiteinrichtungen, mit dem Risiko weiterer regionaler Abwärtsbewegungen, führen. Ein untrüglicher Indikator dafür besteht darin, dass sich Menschen aus den Stadtregionen ersatzweise andere Ausgleichsräume für ihren Bedarf suchen.

Fußnoten

2.
Zur funktionalen Betrachtung im Kontext der Politikberatung siehe insbesondere Rat von Sachverständigen für Umweltfragen, Konzepte einer dauerhaft-umweltgerechten Nutzung ländlicher Räume (Sondergutachten), Stuttgart 1996; Deutscher Rat für Landespflege (DRL), Leitbilder für Landschaften in peripheren Räumen, Heft 67 der Schriftenreihe des DRL, Meckenheim 1997; Akademie für Raumforschung und Landesplanung, Handwörterbuch der Raumordnung, Hannover 2005.
3.
Zur Neuen Ökonomischen Geographie, die räumliche Wirtschaftsstrukturen erklären möchte, vgl. grundlegend Paul Krugman, Geography and Trade, Cambridge/Mass. 1991; ders., Increasing Returns and Economic Geography, in: Journal of Political Economy, 99 (1991), S. 483 - 499; Masahisa Fujita/Paul Krugman/Anthony J. Venables, The Spatial Economy. Cities, Regions, and International Trade, Cambridge/Mass.-London 1999.