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6.9.2006 | Von:
Karl-Dieter Keim

Peripherisierung ländlicher Räume - Essay

Folgen der Peripherisierung

Peripherisierungen können sich in unterschiedlichen Funktionsbereichen und mit variierender Intensität sozial-räumlich auswirken. Häufig kommt es zu Kontraktionen (Schrumpfungen) in Verbindung mit der Konzentration auf wenige Nutzungen bzw. Aktivitäten. Die Folge ist die Reduzierung eines zuvor vielfältigeren Profils in funktionaler, wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Hinsicht. Peripherisierungen münden in Entdifferenzierung und Fragmentierung. Was wird dann aus einer Kulturlandschaft? Unter günstigen Umständen lassen sich einige Nutzungen bzw. Aktivitäten endogen, das heißt, aus dem eigenen regionalen Potenzial, auf niedrigem Niveau entwickeln und stabilisieren. Manchmal ist es zudem möglich, durch externe Betriebe oder öffentliche Träger einige neue Nutzungsmöglichkeiten in den peripherisierten Räumen zu erschließen. Tendenziell gilt: Das "Abgehängtsein" von zentralen Entwicklungen schafft die Bedingungen für einen schmalen, provinziellen, stagnierenden Regionalismus (im Sinne eines anderen, räumlich begrenzten Regelsystems). Dieser ist zwiespältig: Auf der einen Seite kaschiert er den Mangel an eigener ökonomischer Tragfähigkeit und fördert einen Anti-Affekt (gegen Dynamik und Modernisierung), auf der anderen Seite bietet er Chancen für (sozial-)experimentelle Nutzungen und Lebensformen ohne den Druck der hegemonialen Zentralentwicklungen.

Gravierender wirkt sich die Entleerung ganzer Landstriche über einen längeren Zeitraum aus, so dass Brachflächen und "Wüstungen" (aufgegebene Siedlungsräume) entstehen können. Die Chancen für neue, im "Schatten" der Entwicklung stattfindende Nutzungen gehen gegen Null. Hier ist die lose Kopplung zu den prosperierenden Entwicklungen gerissen. Ein solcher Rückzug hat vielerlei Gesichter: Die Palette reicht von abgeschnittenen Gemeinden und Anwesen über versteppte Erholungszonen bis zu "posthumen" Landschaften. Bisherige Besiedlungen oder naturräumliche Schutz- und Pflegezonen werden nach und nach preisgegeben. Die Disparitäten gegenüber den Stadtregionen nehmen deutlich zu. Was in ohnedies dünn besiedelten Ländern wie in Skandinavien oder Kanada zur anerkannten Wirtschafts- und Sozialgeschichte gehört, nämlich dass weite Teile des Landes nahezu ohne Besiedlung und Nutzung verbleiben, gerät in Gesellschaften wie Deutschland zu einer Provokation: volkswirtschaftlich skandalös, als Siedlungsraum verloren. Ist das hinnehmbar? Die Frage wird daher immer wieder aufkommen, unter welchen Umständen derartige "Wüstungen" vermieden werden bzw. doch Wiederbelebungen erfolgen können. Vielleicht schlummert unter der Öde eine allmählich erwachsende Chance für eine andere Zukunft, und der Puls beginnt wieder zu schlagen (so geschehen im Apennin und im Zentralmassiv, wo neue Siedler in verlassene Dörfer eingesickert sind).

Stets ist zu sehen, dass es bei den sozial-räumlichen Folgen von Peripherisierungen auch zu einem strukturell interessanten Nebeneinander von zentralisierten Aktivitäten in ländlichen Regionen kommen kann (Kulturveranstaltungen, Tourismus etc.).

Die genannten Wirkungen zeigen auch eine subjektive Seite. Wie und von wem werden Peripherisierungsvorgänge kognitiv aufgenommen und bewertet? Wie werden sie symbolisch repräsentiert, wie wird darüber gesprochen? Darüber wissen wir empirisch wenig. Eine vorläufige These lautet: Je mehr die verbleibenden Menschen in dünn besiedelten Regionen Merkmale des stagnierenden Regionalismus aufweisen, desto häufiger führen Abkopplungen bei ihnen zu Vorstellungsbildern von Nischen oder von relativer Deprivation (Schlechterstellung bei Vergleichen); beides befördert abgeschirmte Milieus und lähmt Innovationen.[4] Das Fremdimage kann sich davon durchaus unterscheiden; von außen werden zum Beispiel positive Erwartungen nach Freizeit und Erholung auf ländliche Räume projiziert. Die Akteure der Zentralisierungsprozesse pflegen jedoch häufig die Situationen mit Peripherisierungsfolgen kognitiv zu ignorieren, da sie an der Einbeziehung dieser Folgen in ihr Handeln wenig interessiert sind.

Fußnoten

4.
Zur Problematik kognitiver Fixierungen und kreativer Handlungschancen vgl. M. Rainer Lepsius, Immobilismus: Das System der sozialen Stagnation in Süditalien, in: Jahrbücher für Nationalökonomie undStatistik, Bd. 177 (1965), S. 304 - 342; Karl-Dieter Keim, Ein kreativer Blick auf schrumpfende Städte, in: Walter Siebel (Hrsg.), Die europäische Stadt, Frankfurt/M. 2004, S. 208 - 218.