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6.9.2006 | Von:
Karl-Dieter Keim

Peripherisierung ländlicher Räume - Essay

Handlungsstrategien

Die sinnvolle Lenkung von Aktivitäten, durch welche auf Probleme, die aus Peripherisierungen erwachsen, geantwortet werden soll, muss auf den ersten Blick von einer Handlungsebene aus organisiert werden, die sowohl Einfluss auf Zentralisierungen als auch auf Peripherisierungen nehmen kann. Auf der Makroebene entsteht jedoch ein unlösbares Dilemma: Eine solche zentrale Steuerungsebene gibt es nicht. Und es sind ja gerade die Zentralisierungsprozesse selbst, die zu peripherisierten Räumen geführt haben und weiter führen. Sie für Problemlösungen zu aktivieren, also Makro-Gegenstrategien zu erwarten, wirkt eher hilflos als problemlösend.[5]

Die ökonomischen Akteure konzentrieren sich auf die Effizienzsteigerung ihrer Aktivitäten (meist in den Zentren). Vor allem die Metropolregionen orientieren sich am (Konkurrenz-)Vergleich mit anderen europäischen Agglomerationen. Die staatlichen und semi-staatlichen Akteure betreiben je eigene Fachpolitiken, mit denen sie oft im "Schatten" der zentralen Entwicklung mangels "Masse" keinen Peripherisierungsabbau erzielen können. Mit raumpolitischen Instrumenten lassen sich zwar verbindliche Vorgaben für öffentliche Investitionen machen, doch im Wesentlichen vollziehen sie damit eine Strukturanpassung an die ökonomisch-technologische Transformation.

Es erscheint erfolgversprechender, zur Lösung von Peripherisierungsproblemen auf einer Mesoebene, das heißt, auf der Ebene der regionalen Politik, Konzepte zu entwickeln. Es muss nach regionalen Ansatzpunkten für Gegentrends bzw. Selbstbehauptungen gesucht werden. Aus dieser Sicht lassen sich die europäischen und nationalen Strategien danach beurteilen, inwieweit sie diversifizierte dezentrale Problemlösungen anstoßen bzw. unterstützen und so zur Re-Integration beitragen.

Doch auch regional können Wunsch und Realität auseinander klaffen. Insbesondere ergibt sich aus ökonomischer Sicht für eine peripherieabbauende Regionalpolitik, die der gesamtwirtschaftlichen Effizienzsteigerung dienen soll, keine hinreichende Begründung - es sei denn, durch sie ließen sich bedeutsame Innovationen "implantieren", die nach den marktwirtschaftlichen Regelsystemen so nicht zustande kämen. Eher plausibel wäre eine distributiv orientierte Regionalpolitik, und zwar dann, wenn bereits ein hohes Gefälle zwischen Zentren und Peripherien besteht.[6] Eine solche denkbare Intervention setzt jedoch die Klärung voraus, was mit den peripherisierten Teilräumen geschehen soll und in welchem Maße hierfür eine bestimmte Kompetenz von verbleibenden bzw. anzusiedelnden Menschen erforderlich wäre.

Wir wissen aus der Gerechtigkeitsforschung, dass viele Menschen bei ihrem Streben nach ein bisschen Glück auf Sicherheit und Selbstachtung, keineswegs nur auf materielle Vorteile, besonderen Wert legen. Die Diskussion über geplante Strukturveränderungen in einer Region bedarf daher einer Verständigung darüber, wie solche Bedürfnisse ernst genommen werden können, ohne deswegen auf Innovationen zu verzichten.

Wenn sich regionale Akteure zusammenfinden, sollten sie ihr Vorgehen an den je besonderen sozial-räumlichen Verhältnissen samt den sozialen und institutionellen Fähigkeiten (capacities) ausrichten. Dabei können sie sich am besten an Kriterien der Kulturlandschaft und an Kernfunktionen der Infrastruktur orientieren. Es bedarf dazu eines alternativen Akteurskonzepts (Netzwerkbildungen), die Akteure könnten mit unterschiedlich definierten Handlungsräumen operieren, und die räumliche Planung (Querschnittsaufgabe) kann mit Hilfe spezifischer Entwicklungskonzepte hinzu treten. Kreative Handlungsimpulse gewinnen an Profil, wenn aus ihnen prozedural ein hohes Maß an Selbststeuerungskapazität erwächst und sie nach strategischen Anleitungen (strategic guidance) nachhaltig betrieben werden.[7]

Halten wir bei alldem fest: Die überregionalen Trends und Top-down-Strategien befördern vor allem eine Stärkung jener Regionen, die in Zukunft eine robuste Wettbewerbsfähigkeit erwarten lassen. Da die Vorzüge gebündelter Ökonomien vorherrschen und bei sinkender Bevölkerungszahl auch weiter mit räumlich selektiven Abwanderungen zu rechnen ist, wird es auch bei entsprechenden Korrekturen immer Peripherisierungen geben, wenn auch vielleicht andernorts. Es ist daher wichtig, mit relativ geringen Mitteln auf der Meso-Ebene Lösungen zu erproben und geeignete Kompensationen zu bieten, im Übrigen jedoch zu lernen, mit Peripherisierungsverlusten zu leben.

Fußnoten

5.
Die neueren Beschlüsse zur bundesdeutschen Raumordnungspolitik sehen zum Beispiel vor, "Verantwortungsgemeinschaften zwischen Zentren, Umland und Peripherie" zu bilden und durch intensive Kooperationen den Abbau von Peripherisierungsfolgen anzustreben; vgl. Weiterentwicklung raumordnungspolitischer Leitbilder und Handlungsstrategien, Beschluss der 32. Ministerkonferenz für Raumordnung, 28.4. 2005 Berlin, www.bmvbs.de/Raumentwicklung, mit weiteren Arbeitspapieren. Das wird so nicht funktionieren. Als nicht einlösbar schätze ich auch das im EU-Verfassungsentwurf formulierte Ziel ein, den wirtschaftlichen, sozialen und territorialen Zusammenhalt der Union zu stärken. Dies könnte als Strategie zum Abbau von Peripherisierungsfolgen verstanden werden. Die EU selbst wird mit ihrer Binnenmarkt- und Wettbewerbspolitik andere Realentwicklungen fördern.
6.
Relevant sind in dieser Hinsicht niedrige Transportkosten und eine hinreichend hohe Mobilität der Arbeitskräfte; für immobile Arbeitskräfte und Landwirte resultieren hieraus wirtschaftliche Nachteile, die durch regionalpolitische Maßnahmen auszugleichen wären. Vgl. hierzu Christiane Krieger-Boden, Neue Argumente für Regionalpolitik? Zur Fundierung der Regionalpolitik in älteren und neueren regionalökonomischen Theorien, in: Die Weltwirtschaft, (1995) 2, S. 193 - 215; Konrad Lammers, Wirtschaftliche Konvergenz in der wirtschaftspolitischen Diskussion, in: Bernhard Fischer/Thomas Straubhaar (Hrsg.), Ökonomische Konvergenz in Theorie und Praxis, Baden-Baden 1998, S. 195 - 206.
7.
Vgl. hierzu Ash Amin/Jerzy Hausner (Hrsg.), Beyond Market and Hierarchy: Inter-active Governance and Social Complexity, Cheltenham 1996; Karl-Dieter Keim, Das Fenster zum Raum. Traktat über die Erforschung sozialräumlicher Transformation, Opladen 2003, Kapitel 7.