Jubelnd laufen drei junge Ost-Berliner am 10.11.1989 durch einen Berliner Grenzübergang.

23.8.2019 | Von:
Dieter Segert

Verpasste Chancen im 41. Jahr - Essay

Vergleichsfolie Osteuropa

Das 41. Jahr ist für seine Bürger in beiden deutschen Staaten gegensätzlich gelaufen. Während die Deutschen im Osten sich völlig umstellen und sich in kurzer Zeit in eine über Jahrzehnte gewachsene Ordnung hineinfinden mussten, blieb für die Deutschen im Westen scheinbar alles beim Alten: "Im Westen hat sich nichts verändert, außer vielleicht den Postleitzahlen. Im Osten alles", so Thomas de Maizière.[14] Jenes "Alte" wurde durch den Zusammensturz der Konkurrenzordnung der DDR zudem glanzvoll bestätigt. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit: Die radikale Transformation des Ostens veränderte auch den Westen. Ursprünglich war der neoliberale Typ des Kapitalismus in den USA und Großbritannien entstanden. In Osteuropa setzte er sich nach 1989 als Verwirklichung des "Washington Konsens" in einer radikalen Variante durch. Liberalisierung, Deregulierung und Privatisierung als Elemente jenes Programms erschienen danach auch als Patentrezepte für wirtschaftliche Reformen in den alten EU-Mitgliedsländern. Der Historiker Philip Ther prägte für jene wechselseitige Beeinflussung von Transformationsprozessen in Ost und West den Begriff "Kotransformation.[15]

Eine angemessene Vergleichsfolie für die Entwicklung, die die ehemaligen DDR-Bürger zu durchlaufen hatten, findet sich allerdings nicht im Westen Deutschlands, sondern in den anderen postsozialistischen Transformationsgesellschaften. Während die Transformation Ostdeutschlands als Sprung in die Institutionen des "ready-made-state" der alten Bundesrepublik zu bezeichnen wäre, als Transfer eines fertigen Institutionensystems nach Osten, war der Weg der anderen Staaten des ehemaligen sowjetischen Einflussbereiches eigenständiger und langwieriger.[16] Jener Kurs wurde zwar ebenso durch externe Leitbilder beeinflusst, aber anders als der ostdeutsche nicht direkt durch externe Eliten gesteuert.[17] Die jeweiligen internen Eliten in Osteuropa starteten einen Prozess der Suche nach den besten Lösungen und stützten sich dabei vor allem auf eigene Ressourcen.

Wenn man den ostdeutschen und den osteuropäischen Weg vom Staatssozialismus zum neoliberalen Kapitalismus vergleicht, so kann im Großen und Ganzen folgende Bilanz gezogen werden: Die wirtschaftlichen Auswirkungen in Form eines Einbruchs der Wirtschaftsentwicklung und eines radikalen Strukturwandels waren ähnlich drastisch, in Ostdeutschland auf Grundlage der größeren Konsequenz und Geschwindigkeit dabei aber deutlicher spürbar.[18] Die Ostdeutschen blieben jedoch auf Grundlage der Währungsunion und dank des deutschen Sozialstaates von unmittelbaren sozialen Härten verschont. Es gab keine erhebliche Inflation wie etwa in Polen, wo die Sparguthaben innerhalb von drei Jahren fast völlig vernichtet wurden. Die Renten waren in Ostdeutschland zunächst durchaus ausreichend für den Lebensunterhalt. Für die erste Generation Ostdeutsche, die in der Bundesrepublik in die Rente eintrat, war die Lage sogar sehr günstig – vor allem, weil die Frauen in der DDR häufiger und länger berufstätig waren als die Frauen in Westdeutschland. Zudem war der Umrechnungsfaktor günstig. Auch Arbeitslosigkeit traf die Menschen in Ostdeutschland vergleichsweise weniger hart, weil sie deutlich mehr Arbeitslosengeld erhielten als die Bürger des östlichen Europas.

Kurzum: Eine ähnliche wirtschaftliche Rezession wurde nicht durch die damit in Osteuropa verbundenen unmittelbaren sozialen Härten begleitet. Damit befanden sich die Ostdeutschen im Verhältnis zu den anderen poststaatssozialistischen Gesellschaften eindeutig in einer komfortableren Lage. Allerdings fanden sie sich schon bald in der unangenehmen Situation eines abhängigen Klienten reicher Verwandter wieder. Oder genauer: Sie mussten lernen, dass diese von ihnen selbst als "Verwandtschaftsbeziehung" betrachteten Verhältnisse sie nicht vor unangenehmen Erfahrungen einer kapitalistischen Eigentumsordnung schützten. Aus einer Gesellschaft des bürokratisierten Staatseigentums kamen sie in eine knallharte Eigentümergesellschaft. Und heute laufen sie, wie der Publizist Wolfgang Engler und die Autorin Jana Hensel zu Recht feststellten, durch wundervoll renovierte Stadtzentren, schauen dabei aber einen Reichtum an, der nicht ihrer ist.[19]

Die Erfahrungen, dass Betriebe zugunsten der westdeutschen Konkurrenz abgewickelt wurden, die entstehende große Gruppe der Langzeitarbeitslosen, der umfassende Elitenwechsel in vielen Bereichen zugunsten Westdeutscher, der Wegzug junger Menschen aus ihrer ostdeutschen Heimat in den Westen und Süden: All das führte in Ostdeutschland ungeachtet der positiven Wirkungen des bundesdeutschen Sozialstaates zu traumatischen Wendeerlebnissen. Insofern kam es in Osteuropa und Ostdeutschland im Ergebnis des Systemwechsels trotz unterschiedlicher Abläufe der Transformation zu einer ähnlichen Verunsicherung. Politische Apathie, ein anhaltendes Misstrauen in die Institutionen der repräsentativen Demokratie sowie der Aufstieg nationalpopulistischer Parteien waren die Folgen.

Fußnoten

14.
Zit. nach Rüttelt an den Thronen!, 10.12.2018, http://www.zeit.de/2018/51/ostdeutschland-rechtsruck-demokratie-dunja-hayali-thomas-de-maiziere«.
15.
Philipp Ther, Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Die Geschichte des neoliberalen Europa, Berlin 2014, Kap. 9.
16.
Vgl. Richard Rose/Christian Haerpfer, The Impact of a Ready-Made-State. Die privilegierte Position Ostdeutschlands in der postkommunistischen Transformation, in: Helmuth Wiesenthal (Hrsg.), Einheit als Privileg: Vergleichende Perspektiven auf die Transformation Ostdeutschlands, Frankfurt/M. 1996, S. 105–140.
17.
In einigen Staaten (u.a. im Baltikum, in Ex-Jugoslawien, der Ukraine) spielte allerdings die antikommunistische Diaspora eine wesentliche Rolle.
18.
Das Bruttosozialprodukt pro Kopf brach in Ostmitteleuropa um 25 bis 30 Prozent ein, in Ostdeutschland betrug der Einbruch dagegen ca. 50 Prozent, ebenso viel wie im postsowjetischen oder im ex-jugoslawischen Raum, wo dieser Einbruch durch den Zerfall des stärker integrierten Wirtschaftsraumes der betreffenden föderalen Staaten verursacht war.
19.
Vgl. Wolfgang Engler/Jana Hensel, Wer wir sind. Die Erfahrung ostdeutsch zu sein, Berlin 2018, S. 98, S. 233–240.
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Autor: Dieter Segert für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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