Jubelnd laufen drei junge Ost-Berliner am 10.11.1989 durch einen Berliner Grenzübergang.

23.8.2019 | Von:
Dieter Segert

Verpasste Chancen im 41. Jahr - Essay

Schluss

Die Transformation vom Staatssozialismus zum neoliberalen Kapitalismus ist eine abgeschlossene Phase der Geschichte. Wichtig wäre es aber, diese Geschichte besser aufzuarbeiten. Der Vorschlag, der dazu im Buch der sächsischen Staatsministerin für Gleichstellung und Integration, Petra Köpping, gemacht wird, lautet: "Wir müssen über die damals erlittenen Kränkungen, Demütigungen und Ungerechtigkeiten reden – und die Meinungen und Argumente vieler Westdeutscher dabei ernst nehmen."[20] Das könnte mittels politischer Bildung und örtlicher Geschichtswerkstätten geschehen. Sie plädiert weiter auch für die bisher ausstehende Anerkennung von Berufsabschlüssen und Rentenregelungen spezieller DDR-Berufe.[21] Vor allem aber geht der Auftrag an die Bürger selbst: Nur in einer selbstbewussten Bürgergesellschaft, in der besonders auf kommunaler Ebene und in den Unternehmen viele ihre eigenen und gemeinschaftlichen Interessen aktiv und hörbar vertreten, kann die Demokratie sich krisenfest verankern.

Dem möchte ich meine Überzeugung hinzufügen, dass viele Ostdeutsche auf die erforderliche Reform des politischen Gemeinwesens gut vorbereitet wären. Das scheint angesichts des Widerhalls rechtspopulistischer und rechtsextremer Parteien in Ostdeutschland eine kühne Behauptung zu sein. Nachvollziehbar wird dieses Urteil, wenn man in den Wahlergebnissen der AfD nicht allein verfestigte rassistische und antidemokratische Haltungen, sondern ebenso den Protest gegen die Vernachlässigung ostdeutscher Erfahrungen erkennt.[22] Ich sehe in der jetzigen Situation die Möglichkeit, dass aus dem erfahrungsgesättigten Vergleich von staatssozialistischer Mangelgesellschaft und kapitalistischer Konsumgesellschaft Lehren für eine nachhaltige Gesellschaft der Zukunft gezogen werden könnten: Auch aus dem Überfluss an Konsummöglichkeiten erwächst nicht automatisch ein gutes Leben. Geld ist ein Mittel zum Leben, es taugt aber nicht als Lebensziel.[23]

Zusammenfassend zwei Schlussfolgerungen aus der Analyse des 41. Jahres und seiner verpassten Gelegenheiten: Erstens ist eine nachhaltige Demokratie nicht reduzierbar auf die von Großparteien reibungslos gemanagten freien Wahlen. Sie entsteht und reproduziert sich nur als politische Praxis, die von immer mehr Menschen bewusst formuliert, ausgehandelt und aktiv verfochten wird.

Zweitens hängt die in Ostdeutschland entstandene Entfremdung vom politischen System nicht allein mit dem Diktatur-Erbe zusammen. Entscheidend ist auch die unzureichende öffentliche Anerkennung ostdeutscher Lebensleistungen nach 1990. Für eine solche Aufarbeitung der Defizite der Transformation nach 1989 fehlte es lange Zeit in der ostdeutschen Gesellschaft, in der fast überall westdeutsche Eliten dominieren, an kulturellen Dolmetschern.[24] Solche kulturellen Mittler aus den Reihen der Ostdeutschen, die die Zumutungen der Nachwendeentwicklung erfolgreich verarbeitet haben, gibt es inzwischen in ausreichender Zahl.

Fußnoten

20.
Köpping (Anm. 9), S. 129.
21.
Vgl. ebd., S. 158ff.
22.
Vgl. Engler/Hensel (Anm. 19), S. 113.
23.
Vgl. Dieter Segert, Transformation und politische Linke. Eine ostdeutsche Perspektive, Hamburg 2019, Kap. 1.
24.
Angela Merkel formulierte zwar eine ähnliche These: So wurzele die Frustrationen in Ostdeutschland unter anderem darin, dass es für die Ostdeutschen "immer noch zu wenige positive Rollenmodelle und Vorbilder gibt". Man muss aber hinzufügen, dass sie zu diesem Defizit selbst beigetragen hat, weil sie die eigene DDR-Biografie in öffentlichen Auftritten lange kaum erwähnt hat. Siehe "Parität erscheint mir logisch", Interview von Jana Hensel mit Angela Merkel, 23.1.2019, http://www.zeit.de/2019/05/angela-merkel-bundeskanzlerin-cdu-feminismus-lebensleistung«.
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Autor: Dieter Segert für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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