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16.8.2006 | Von:
Andreas Joh. Wiesand

Kultur- oder "Kreativwirtschaft": Was ist das eigentlich?

"Kulturwirtschaftsberichte" - Brücken zwischen Politik, Kultur und Ökonomie

Definitionsprobleme und die komplexen Fragen der statistischen Abgrenzung - wozu die ungenügende europaweite Harmonisierung der Kulturstatistik beiträgt - haben punktuelle oder vergleichende Analysen zur wirtschaftlichen Bedeutung und Struktur derKulturwirtschaft nicht verhindert. In Deutschland wurden sie vor allem auf regionaler Ebene erarbeitet. Das muss nicht unbedingt ein Manko sein, wenn es etwa darum geht, vorhandene Probleme oder Potenziale und mögliche Synergien der Kulturwirtschaft auch mit öffentlichen und 'freien' Trägern kultur- und medienbezogener Aktivitäten möglichst konkret zu benennen und Fördermaßnahmen besser darauf auszurichten.

Maßstäbe haben zunächst die Berichte der Arbeitsgemeinschaft Kulturwirtschaft für das Land Nordrhein-Westfalen gesetzt (1992, 1995, 1998, 2001, 2006 in Vorbereitung).[18] Zur "Kulturwirtschaft" zählen hier Privatbetriebe und selbständige Berufsangehörige, die in Teilmärkten der Künste und der Medien sowie angrenzenden Tätigkeitsfeldern arbeiten. Dabei lassen sich grob folgende Segmente - mit zum Teil recht heterogener Binnenstruktur - unterscheiden:

  • Kulturwirtschaft im engeren Sinne (Buchmarkt, Musikwirtschaft, Musical, die wirtschaftliche Aktivität freischaffender Künstler/innen);
  • Kultur-/Medienwirtschaft im weiteren Sinne (z.B. Architektur- und Designateliers) sowie
  • ergänzende Teilbranchen mit großer Relevanz für Kultur und Medien - je nach aktuellen Untersuchungszielen (in bisherigen NRW-Berichten wurden u.a. der "Kultur-Tourismus" oder die "Kultur-Bauwirtschaft" vom Kirchenbau bis zu Handwerksbetrieben in der Denkmalpflege besonders thematisiert).

    Hinsichtlich der Datenaufbereitung weitgehend vergleichbare Berichte wurden etwa in Bremen-Nordniedersachsen (1999), Sachsen-Anhalt (2002) und Schleswig-Holstein (2004)[19] sowie in einigen Städten realisiert. Berichte mit anderer, eher dem Konzept der "creative industries" folgender und damit um zusätzliche Branchen wie etwa Telekommunikation oder Werbewirtschaft erweiterter Methodik wurden unter anderem für die Länder/Stadtstaaten Hessen (2003 und 2005), Hamburg (2006), Berlin (2006) und die Region Stuttgart (2005) vorgelegt. Zwei Trends zeichnen sich dabei ab:

  • Eine Reihe von Berichten widmet sich ganz oder überwiegend bestimmten Spezialthemen, die gelegentlich sogar vom Kernthema der Kulturwirtschaft wegführen können.[20]
  • Einige Berichte, so die in NRW oder ähnlich in Berlin, verstehen sich weniger als behördliche Information (oder PR) und eher als Ressourcen für die Zusammenarbeit breiterer Initiativen innerhalb der Kulturwirtschaft, etwa im Sinne eines "work in progress".[21]

    Kein Zweifel: Beim Thema "Kulturwirtschaft" sind noch eine Reihe von Methodenfragen mit Statistikern, Wirtschafts- und Behördenvertretern, Verbänden sowie anderen Fachleuten zu klären. So ist es unter anderem wegen der vielfach geringen Einkünfte von Künstlern und seit der Einführung einer neuen Wirtschaftssystematik in die amtliche Statistik (1993) schwieriger geworden, erwerbswirtschaftlich definierte Betriebe und Existenzen präzise mit amtlichen Daten abzubilden. Grundsätzlich gilt zwar, dass für spezielle Branchenanalysen neben den Daten der Statistischen Ämter häufig noch besondere Fachstatistiken etwa von Verbandsseite vorliegen, die wesentlich differenziertere Aussagen über die jeweiligen Teilmärkte zulassen, doch diese sind bislang nur eingeschränkt vergleichbar und werden zum Teil unregelmäßig erhoben.

  • Fußnoten

    18.
    Die letzte vorliegende Ausgabe: Arbeitsgemeinschaft Kulturwirtschaft NRW, Kulturwirtschaft im Netz der Branchen, Ministerium für Wirtschaft und Mittelstand, Energie und Verkehr des Landes NRW, Düsseldorf 2001.
    19.
    Vgl. Bericht der Landesregierung über Entwicklung und Stand der Kulturwirtschaft in Schleswig-Holstein, Landtags-Drucksache 15/3482, Kiel 2004.
    20.
    Vgl. etwa den 2. Hessischen Kulturwirtschaftsbericht: Kultursponsoring und Mäzenatentum in Hessen, hrsg. von den Hessischen Ministerien für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung sowie für Wissenschaft und Kunst, Wiesbaden 2005.
    21.
    So explizit der Bericht der Senatsverwaltungen für Wirtschaft, Arbeit und Frauen und für Wissenschaft, Forschung und Kultur (Hrsg.), Kulturwirtschaft in Berlin - Entwicklung und Potenziale 2005, Berlin 2005; Kreativität Salzburg (Anm. 14).