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16.8.2006 | Von:
Andreas Joh. Wiesand

Kultur- oder "Kreativwirtschaft": Was ist das eigentlich?

Empfehlungen - nicht nur für die Schublade

Sicher wäre es verfehlt, eine Umsetzung aller Vorschläge in den diversen Berichten im Verhältnis 1 : 1 zu erwarten; manche sind ohnehin "programmbegleitend", reagieren also mehr auf politische Maßnahmen, als dass sie neue empfehlen würden, andere betreffen eher Fragen einer grundsätzlichen Neuorientierung der Wirtschafts-, Arbeitsmarkt- und Kulturpolitik. Letzteres gilt teilweise für die NRW-Kulturwirtschaftsberichte, für deren Inhalt ja nicht das Ministerium selbst, sondern eine unabhängige Gruppe von Fachleuten aus Universitäten und Forschungseinrichtungen[23] verantwortlich zeichnet. Dennoch lassen sich auch für NRW beispielhaft einige Projekte nennen, die entweder direkt auf Empfehlungen der Berichte zurückgehen oder Defizite aufgreifen, die dort benannt wurden:

1. An der StartART- Gründungsinitiative des Landes NRW für Kunst und Kulturwirtschaft, die den Weg in die Selbständigkeit durch betriebswirtschaftliche Beratung und Qualifizierung fördern sollte, beteiligten sich 2001 bis 2003 in drei Wettbewerbsrunden 333 Existenzgründerinnen und -gründer mit insgesamt 227 Unternehmenskonzepten. Die meisten davon (55 Prozent) zielten auf kulturwirtschaftliche Dienstleistungen (wie Vermittlung, Marketing oder Veranstaltungsmanagement), 22 Prozent auf Existenzgründungen für künstlerische und Designtätigkeiten. 21 Konzepte wurden prämiert (Zuschuss für Gründungsaktivitäten bis zu 50 000 Euro). Das Programm erhielt in der Fachpresse gute Noten: "Die Besetzung der Jury, die Höhe der Zuschussgelder, die hohen Anforderungen an die Erstellung eines Businessplanes als Teilnahmevoraussetzung, verbunden mit dem Fokus auf innovative Vorhaben unterstrichen den besonderen Anspruch der in dieser Branchenausrichtung bundesweit einzigartigen Initiative."[24]

2. Mit ähnlicher Zielsetzung, aber primär an kommunale Träger gerichtet, wurde 2001 ein Landeswettbewerb zur Einrichtung Kultureller Gründerzentren ausgelobt. Drei Vorhaben erhielten Zuschüsse von 50 Prozent der Planungs- und Managementkosten.

3. Modellprojekte zur Nutzung kulturwirtschaftlicher Angebote für den Tourismus werden vor allem in den strukturschwächeren Regionen Ruhrgebiet und Ostwestfalen-Lippe gefördert.

4. Kulturwirtschaftstage und Branchenforen werden mit dem Ziel einer Verbesserung von Information, Know-how und Kommunikation in verschiedenen Branchen veranstaltet.

5. Die Förderung einer Beteiligung an Auslandsmessen ist intensiviert worden (so z.B. für vier Jahre bei der Leitmesse der Kunstfotografie Paris Photo).

6. Endogene Potenziale werden durch Schwerpunkte in der Kultur- und Kreativwirtschaft (" Clusterbildung") unterstützt. Beispiel: Ausbau der Zeche Zollverein als Design-Kompetenzzentrum.

Mit diesen Beispielen soll nicht der Eindruck erweckt werden, es ließe sich mit Statistiken über eine dynamische Kultur- und Medienwirtschaft und ihrer Fortschreibung in offiziösen Berichten nahezu alles an politischen Strategien und Fördermaßnahmen begründen, was jeweils gerade auf dem Markt en vogue ist oder von Interessengruppen hartnäckig gefordert wird. Grundsätzlich gilt wohl, dass nur dort eine öffentliche Förderung gerechtfertigt ist, wo an reale Marktpotenziale bzw. besondere Erfahrungen bei den Erwerbstätigen - ein "kulturelles Kapital" im Sinne von Pierre Bourdieu - angeknüpft werden kann oder Nachteile und Wettbewerbshemmnisse auszugleichen sind. Eine leistungsfähige Kulturwirtschaft lässt sich also nicht schematisch für alle Branchen und Regionen aus dem Boden stampfen.

Zu dieser Einsicht kam etwa der 1. Kulturwirtschaftsbericht für das Land Sachsen-Anhalt.[25] Dessen wirtschaftliche Lage und vor allem die auch durch hohe Arbeitslosigkeit bedingte geringe Kaufkraft ließen keine Empfehlungen für einen flächendeckenden Aufbau kulturwirtschaftlicher Infrastrukturen etwa im Buch-, Kunst- oder Musikmarkt zu. Allerdings wurde ein großes Potenzial im Kulturtourismus, bei der Produktion von Designgütern (Bauhaus-Tradition) und in der Medienwirtschaft ausgemacht. Letzteres galt insbesondere für Betriebe mit Aufgaben in der Gestaltung, der Produktion und beim Management von "Content" für die Neuen Medien - auch andernorts eine wichtige, Ressourcen schonende Entwicklungschance.

Fußnoten

23.
Bei den bisherigen Berichten waren dies vor allem die Universitäten Dortmund und Witten-Herdecke, das Büro STADTart, das Zentrum für Kulturforschung, der Arbeitskreis Kulturstatistik und das European Institute for Comparative Cultural Research (ERICarts).
24.
So Bertram Abel in den Kulturpolitischen Mitteilungen, (2003) 102, S. 62.
25.
Vgl. Arbeitsgemeinschaft Kulturwirtschaft LSA, Kulturwirtschaft in Sachsen-Anhalt - Bedeutung, Strukturen, Handlungsfelder, Bonn-Magdeburg 2002 (unveröffentlicht - Zusammenfassung in: www. kulturforschung.de).