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19.7.2006 | Von:
Heiner Meulemann

Religiosität: Immer noch die Persistenz eines Sonderfalls

Der Beitrag untersucht zwei Fragen: Blieb der innerdeutsche Vorsprung des Westens vor dem Osten an Religiosität bis 2004 bestehen? Und ist die innerdeutsche größer als die innereuropäische Differenz?

Einleitung

Noch ein Jahrzehnt nach der Vereinigung sind die Ostdeutschen weniger religiös als die Westdeutschen - ein Nachhall der erzwungenen Säkularisierung,[1] welche die DDR mit den Ländern des ehemaligen sowjetischen Einflussbereichs teilt. Im folgenden Aufsatz werden zwei Fragen untersucht: Blieb der innerdeutsche "Vorsprung" des Westens an Religiosität vor dem Osten bis 2004 bestehen? Und ist die innerdeutsche größer als die innereuropäische Differenz? Oder: Persistiert die innerdeutsche Differenz? Und: ist Deutschland hier ein Sonderfall in Europa?






Die Bundesrepublik ist gemäß Artikel 4 GG, der die Glaubensfreiheit des Individuums garantiert, und gemäß Artikel 140 GG, der eine Staatskirche ausschließt und die Freiheit der Religionsgemeinschaften sicherstellt, ein säkularer Staat. Kann eine nationale Gemeinschaft auch dann fortbestehen, wenn die Institutionenordnung religiös und kirchlich neutral ist und die Vorstellungen der Bevölkerung zu Religion und Kirche heterogen sind? Das wiedervereinte Deutschland ist ein Fall für den Test dieser Frage. Wenn eine säkulare nationale Gemeinschaft gemeinsame politische und wirtschaftliche Überzeugungen, nicht aber gemeinsame religiöse Überzeugungen braucht, dann sollte die Persistenzhypothese gelten: Die Kluft religiöser Überzeugungen zwischen West- und Ostdeutschland dauert auch weiterhin an.

In Deutschland hat die Einheit von Nation, Sprache und Kultur den Nonkonformisten auf jeder Seite die Option der Abwanderung gelassen. Bis zum Bau der Berliner Mauer 1961 (und in schwächerem Maße auch noch danach) konnte, wer durch die Politik der DDR enteignet oder unterdrückt wurde, in den Westen fliehen. Aber damit verschärfte sich die Ost-West-Konfrontation. Die DDR verlor in den fünfziger Jahren, in denen sie die Jugendweihe gegen den Widerstand der evangelischen Kirche durchsetzte, eine hoch ausgebildete, selbstständig denkende und eigenverantwortliche Elite mit Leitungserfahrung an die alte Bundesrepublik. Das heißt aber auch, dass ein Teil der Bevölkerung, die nonkonformistisch an Kirche und Religion festhielt, die DDR verließ; ein anderer Teil, der sich konformistisch mit dem "wissenschaftlichen Atheismus" identifizierte, blieb. Aber auch hier gab es viele, die den "wissenschaftlichen Atheismus" ablehnten, aber trotzdem blieben. Die innerdeutsche wie die innereuropäische Differenz ist das Produkt politischer Repression; aber allein in Deutschland hat die politische Repression des Ostens eine Homogenisierung der Bevölkerung in Ost und West nach Qualifikation und Mentalität ausgelöst und kontinuierlich in Bewegung gehalten. In Europa wie in Deutschland hat die Repression gewirkt, in Deutschland aber zusätzlich die Demographie. Wenn das so ist, dann sollte die Sonderfallhypothese gelten: Die Ost-West-Kluft sollte in Deutschland größer sein als in Europa.

Fußnoten

1.
Vgl. Heiner Meulemann, Wertwandel in Deutschland von 1949-2000, Fernuniversität Hagen - Fachbereich Kultur- und Sozialwissenschaften 2002, S. 76 - 91, S. 127.