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19.7.2006 | Von:
Heiner Meulemann

Religiosität: Immer noch die Persistenz eines Sonderfalls

Vier Prüfungen der Sonderfallhypothese

Persistenz- und Sonderfallhypothese wurden bereits 2002 im European Social Survey (ESS) für 21 Länder bestätigt.[2] Sie werden im Folgenden für 2004 in 17 Ländern des ESS überprüft, von denen alle - mit Ausnahme Estlands, das nur 2004 erhoben wurde - 2002 und 2004 erhoben wurden. Das sind auf der Seite Osteuropas die katholischen Länder Tschechien (CZ), Polen (PL) und Slowenien (SLO) sowie ein protestantisches Land, Estland (EST); auf der Seite Westeuropas die katholischen Länder Österreich (A), Belgien (B), Spanien (E), Luxemburg (L) und Portugal (P), die konfessionell gemischten Länder Schweiz (CH) und Vereinigtes Königreich (UK), die protestantischen Länder Dänemark (DK), Norwegen (N) und Schweden (S) sowie Griechenland (GR). Westdeutschland (DW) gehört zu den konfessionell gemischten, Ostdeutschland (DO) zu den protestantischen Ländern.[3] Die Sonderfallhypothese misst die Differenz zwischen den beiden deutschen Landesteilen an der Differenz zwischen west- und osteuropäischen Ländern. Je nach der Auswahl der europäischen Vergleichsländer ergeben sich vier Prüfungen der Sonderfallhypothese.

Erstens wird die innerdeutsche Differenz an der Differenz zwischen allen westlichen Ländern außer Westdeutschland und allen östlichen Ländern außer Ostdeutschland gemessen - was als globale Prüfung bezeichnet wird. Weil auf der Seite Osteuropas konfessionell gemischte und orthodoxe Länder fehlen, in denen die politische Repression vermutlich mit größerem Erfolg als in den katholischen Ländern eine Säkularisierung erzwungen hat, wird der Vergleichsmaßstab der innereuropäischen Differenz unterschätzt, so dass die innerdeutsche Differenz leicht relativ groß werden kann. Deshalb wird zweitens durch den Verzicht auf das kirchentreuste Land Osteuropas, nämlich Polen, die innereuropäische Differenz vergrößert und die Chance einer relativ großen innerdeutschen Differenz verkleinert - was als verschärfte Prüfung der Sonderfallhypothese bezeichnet wird. Die globale und verschärfte Prüfung wird 2004 mit allen Ländern durchgeführt; wenn 2004 aber mit 2002 verglichen wird, wird auch 2004 die Prüfung nur mit den Ländern durchgeführt, die zu beiden Zeitpunkten erhoben wurden, also ohne Estland.

Noch schärfer, gleichsam experimentell, kann die Sonderfallhypothese so geprüft werden, dass sich die Typen des innerdeutschen Vergleichs auch im innereuropäischen Vergleich gegenüberstehen - also konfessionell gemischte und protestantische Länder. Die innerdeutsche Differenz wird dann mit der Differenz zwischen den westeuropäischen konfessionell gemischten Ländern und dem einen osteuropäischen protestantischen Land, Estland, verglichen. Dieser dritte Vergleich, der nur für 2004 durchgeführt werden kann, wird als kontrollierte Prüfung der Sonderfallhypothese bezeichnet. Alle drei bisher vorgestellten Prüfungen vergleichen die Wirkung der untergegangenen Diktaturen auf Kirche und Religion zwischen Deutschland und Europa - weshalb sie zusammenfassend als zeitgeschichtliche Prüfung der Sonderfallhypothese bezeichnet werden.

Die innerdeutsche Differenz kann viertens religionsgeschichtlich an der Differenz zwischen den katholischen und protestantischen Ländern Westeuropas gemessen werden. Die erzwungene Säkularisierung Osteuropas hat knapp ein halbes Jahrhundert wirken können. Aber die konfessionelle Teilung Westeuropas, die mit der Etablierung der protestantischen Konfessionen den Weg für die Säkularisierung überhaupt gebahnt hat, wirkt seit vier Jahrhunderten. Die religionsgeschichtliche Prüfung der Sonderfallhypothese misst ein geplantes Experiment, das den Menschen aufgedrängt wurde, an einem naturwüchsigen Trend, dem die Menschen spontan folgen. Sie vergleicht die Macht der Politik mit der Macht der Geschichte. Sie rückt die Zeitgeschichte in die Perspektive der "langen Dauer". Sie kann gegen eine Überschätzung der Aktualität immunisieren - aber auch belegen, dass die jüngste Geschichte tatsächlich außerordentliche Wirkungen hatte.

Zu den Prüfungen der Sonderfallhypothese müssen die Durchschnitte mehrerer Länder berechnet werden, in die jedes Land unabhängig von der Größe der Bevölkerung und der Stichproben mit dem gleichen Gewicht eingeht.

Fußnoten

2.
Vgl. Heiner Meulemann. Die Persistenz eines Sonderfalls, in: Jan van Deth (Hrsg.), Deutschland in Europa, Wiesbaden 2004, S. 55 - 76.
3.
Vgl. Gert Pickel, Areligiosität, Antireligiosität, Religiosität, in: Christel Gärtner/Detlev Pollack/Monika Wohlrab-Sahr (Hrsg.), Atheismus und religiöse Indifferenz, Opladen 2003, S. 253.