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19.7.2006 | Von:
Heiner Meulemann

Religiosität: Immer noch die Persistenz eines Sonderfalls

Gottesdienstbesuch

Die Mittelwerte der Häufigkeiten des Gottesdienstbesuchs in der Gesamtbevölkerung sind in Abbildung 2 (siehe PDF-Version) durch eine breite Linie dargestellt. In Westdeutschland (2.51) liegt der durchschnittliche Gottesdienstbesuch 0.84 Skalenpunkte höher als in Ostdeutschland (1.67). Anders dargestellt, gehen in Westdeutschland 32 und in Ostdeutschland 65 Prozent "nie" in die Kirche; diese Zahlen schließen nahtlos an den ESS 2002 und an Erhebungen zwischen 1991 und 2000 an. Von 1991 bis 2004 besuchten um rund 45 Prozentpunkte mehr Ost- als Westdeutsche niemals einen Gottesdienst. Die Persistenzhypothese wird bestätigt.

Um die Sonderfallhypothese zu prüfen, muss die innerdeutsche Differenz wiederum mit innereuropäischen Differenzen verglichen werden. Das ist für die Gesamtbevölkerung im oberen Drittel der Tabelle 2 dargestellt (siehe PDF-Version). Da der Vergleich denselben Regeln wie in Tabelle 1 folgt, wird im Text zu allen folgenden Tabellen nur noch auf die Differenzen und auf deren Differenzen, also auf die jeweils letzten beiden Spalten, Bezug genommen.

Der Vorsprung des Westens in Deutschland steht im Kontrast zum Rückstand des Westens in Europa: Der Mittelwert für Westeuropa liegt unter dem für Osteuropa - allerdings über dem für Osteuropa ohne Polen. Der innerdeutsche übertrifft den innereuropäischen West-Ost-Unterschied ohne wie mit Polen und zwischen konfessionell gemischten und protestantischen Ländern um 1.09, 0.60 bzw. 0.56 Skalenpunkte. Die Sonderfallhypothese wird somit in der globalen, verschärften und kontrollierten Prüfung, also in allen zeitgeschichtlichen Prüfungen bestätigt. Vergleicht man die innerdeutsche Differenz mit der Differenz zwischen dem Mittel katholischer und protestantischer westeuropäischer Länder, so wird die Sonderfallhypothese auch im religionsgeschichtlichen Vergleich bestätigt. Die erzwungene Säkularisierung in Deutschland hat um 0.34 Skalenpunkte stärker gewirkt als die konfessionelle Teilung Westeuropas. Wiederum gilt zweierlei: Die Entkirchlichung ist in Ostdeutschland stärker als in Osteuropa, und die Zeitgeschichte ist mächtiger als die Geschichte.

Erneut können die globale und verschärfte zeitgeschichtliche und die religionsgeschichtliche Prüfung der Sonderfallhypothese mit dem ESS 2002 verglichen werden. 2002 liegt in Westdeutschland (2.56) der durchschnittliche Gottesdienstbesuch um 0.81 Skalenpunkte höher als in Ostdeutschland (1.75). Diese innerdeutsche Differenz übertrifft die innereuropäischen Differenzen im globalen Vergleich um 1.30, im verschärften Vergleich um 0.67 und im religionsgeschichtlichen Vergleich um 0.26 Skalenpunkte. Wiederholt man wiederum die globale und verschärfte Prüfung der Sonderfallhypothese 2004 nur in den Ländern, die auch 2002 erhoben wurden, so haben die Differenzen der Prozentpunkte 2004 fast den gleichen Betrag wie 2002: 1.29 und 0.65. Wiederum führt also die Prüfung der Sonderfallhypothese zu beiden Zeitpunkten zu den gleichen Ergebnissen.

Aber diese Ergebnisse stehen unter einem Vorbehalt. Die Häufigkeit des Gottesdienstbesuchs hängt von der Kirchenzugehörigkeit ab, und die Kirchenzugehörigkeit schwankt - wie Abbildung 1 gezeigt hat - stark zwischen den Ländern (siehe PDF-Version). Die Länderunterschiede des Gottesdienstbesuchs können also durch die Länderunterschiede der Kirchenzugehörigkeit bedingt sein. Um diesen Vorbehalt auszuräumen, muss man in allen Ländern den Gottesdienstbesuch für Kirchenzugehörige und Nichtkirchenzugehörige getrennt betrachten. Die entsprechenden Mittelwerte für 2004 sind in Abbildung 2 durch zwei schmale Linien wiedergegeben; die entsprechenden Berechnungen zur Prüfung der Sonderfallhypothese können in den beiden unteren Dritteln der Tabelle 2 nachvollzogen werden (siehe PDF-Version).

Auch bei den Kirchenzugehörigen und den Nichtkirchenzugehörigen bleibt der Gottesdienstbesuch in Westdeutschland (0.18 und 0.22) höher als in Ostdeutschland. Da mit der Kirchenzugehörigkeit aber ein starker Einfluss auf den Gottesdienstbesuch aus der Betrachtung genommen wurde, ist die Differenz geschrumpft: Vom Landesteilunterschied in der gesamten Bevölkerung von 0.84 bleibt nur rund ein Viertel bestehen; drei Viertel sind durch die höhere Kirchenzugehörigkeit in Westdeutschland und den höheren Gottesdienstbesuch der Kirchenzugehörigen in beiden Landesteilen bedingt. Mit Blick auf Abbildung 2 (siehe PDF-Version) gesprochen: Der Gottesdienstbesuch der Kirchenzugehörigen geht in Westdeutschland, der Gottesdienstbesuch der Nichtkirchenzugehörigen in Ostdeutschland stärker in den Durchschnittswert für die Gesamtbevölkerung ein, so dass die breite Linie eine stärkere Kluft als die beiden schmalen Linien aufweist. Aber es bleiben Landesteildifferenzen bestehen, die nicht mehr auf Unterschiede der Kirchenzugehörigkeit zwischen den beiden Landesteilen zurückgeführt werden können: Die Persistenzhypothese wird also nicht nur in der Gesamtgruppe, sondern auch bei Zugehörigen wie Nichtzugehörigen der Kirchen bestätigt.

Während bei Kontrolle der Kirchenzugehörigkeit der westdeutsche Vorsprung reduziert wird, wächst der westeuropäische Rückstand in der Gesamtbevölkerung von -0.25 bei den Kirchenzugehörigen auf -0.80 an und bleibt bei den Nichtzugehörigen mit -0.20 ungefähr gleich, so dass der westdeutsche Vorsprung um 0.98 bzw. 0.42 Skalenpunkte größer ist als der westeuropäische Rückstand. Wird Polen nicht einbezogen, so verwandelt sich der westeuropäische Vorsprung von 0.24 in einen Rückstand von -0.30 und -0.18, so dass der westdeutsche Vorsprung um 0.48 bzw. 0.40 Skalenpunkte größer ist als der westeuropäische Rückstand. Werden konfessionell gemischte Länder in Westeuropa mit protestantischen in Osteuropa verglichen, so verwandelt sich der westeuropäische Vorsprung von 0,28 in einen Rückstand von -0.07 bzw. -0.41, so dass der westdeutsche Vorsprung um 0.25 bzw. 0.63 Skalenpunkte größer ist als der westeuropäische Rückstand. Die Sonderfallhypothese wird also in der globalen, verschärften und kontrollierten Prüfung bestätigt. Vergleicht man schließlich die innerdeutsche Differenz mit der Differenz zwischen dem Mittel bei Kirchenzugehörigen und Nichtkirchenzugehörigen katholischer und protestantischer westeuropäischer Länder von 0.55 und -0.20, so wird die Sonderfallhypothese im religionsgeschichtlichen Vergleich nicht bestätigt: Der westdeutsche Vorsprung ist bei den Kirchenzughörigen um -0.37 kleiner und bei den Nichtkirchenzugehörigen um 0.42 größer als die innerwesteuropäische Differenz - insgesamt ergibt sich also kein Unterschied.

Auch für die Kirchenzugehörigen und Nichtkirchenzugehörigen kann die globale und verschärfte zeitgeschichtliche und die religionsgeschichtliche Prüfung der Sonderfallhypothese mit dem ESS 2002 verglichen werden. 2002 liegt in Westdeutschland der durchschnittliche Gottesdienstbesuch bei den Kirchenzugehörigen um 0.16 Skalenpunkte und bei den Nichtkirchenzugehörigen um 0.19 Skalenpunkte höher als in Ostdeutschland (1.75). Diese innerdeutsche Differenz übertrifft die innereuropäischen Differenzen im globalen Vergleich bei den Kirchenzugehörigen um 1.06, im verschärften Vergleich um 0.58 Skalenpunkte; im religionsgeschichtlichen Vergleich bleibt die innerdeutsche Differenz um -0.45 Skalenpunkte hinter der innereuropäischen Differenz zurück; bei den Nichtkirchenzugehörigen hingegen übertrifft die innerdeutsche Differenz alle drei innereuropäischen Differenzen um 0.33, 0.31 und 0.49 Skalenpunkte. Wiederholt man die globale und verschärfte Prüfung der Sonderfallhypothese 2004 in den gleichen Ländern wie 2002, so betragen die entsprechenden Differenzen der Mittelwerte 1.08 und 0.54 bzw. 0.33 und 0.31. Wiederum führt also die Prüfung der Sonderfallhypothese zu beiden Zeitpunkten zu den gleichen Ergebnissen.

Alles in allem fährt die Sonderfallhypothese bei Kontrolle der Kirchenzugehörigkeit nur wenig schlechter als ohne Kontrolle. In allen zeitgeschichtlichen Vergleichen bleibt die West-Ost-Differenz in Deutschland größer als in Europa. Im religionsgeschichtlichen Vergleich aber sind beide Ost-West-Differenzen in etwa gleich: Die Zeitgeschichte hinterlässt nicht mehr stärkere, aber immerhin noch gleich starke Spuren wie die "lange Dauer".