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19.7.2006 | Von:
Edeltraud Roller

Das Bildungs- und Gesundheitssystem im Urteil der Bürger

Die kritischen Debatten über das Bildungs- und Gesundheitssystem haben sich im Urteil der Bundesbürger niedergeschlagen. Die Deutschen weisen gegenüber den west- und osteuropäischen Ländern eine skeptische Einstellung auf.

Einleitung

Zwei zentrale Sozialsysteme, das Bildungs- und das Gesundheitssystem, stehen in Deutschland seit einigen Jahren im Mittelpunkt einer kritischen öffentlichen Diskussion. Der Anlass für beide Debatten und ihr Inhalt sind jedoch unterschiedlich. Die öffentliche Auseinandersetzung über das Bildungssystem wurde durch die Veröffentlichung der Ergebnisse der ersten PISA-Studie aus dem Jahr 2000 angestoßen, die dem bundesdeutschen Bildungssystem eine im Vergleich zu anderen OECD-Ländern unterdurchschnittliche Leistungsfähigkeit bescheinigt.[1] In der zweiten PISA-Studie aus dem Jahr 2003 hat Deutschland zwar besser abgeschnitten, doch belegt es nach wie vor nur einen Platz im Mittelfeld.[2] Im Zentrum der Debatte steht nicht nur das vergleichsweise niedrige Niveau deutscher Schüler bei Basiskompetenzen wie Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Kritisch diskutiert wird auch die vergleichsweise große Selektivität des deutschen Bildungssystems beim Übergang zu weiterführenden Schulen und die damit verbundene Reproduktion sozialer Ungleichheit durch dieses System.






Die Debatte über das Gesundheitssystem steht im Zusammenhang mit der allgemeinen Diskussion über die Krise des bundesdeutschen Sozialstaats, die seit dem Wirtschaftseinbruch 1973/74 und verstärkt seit der deutschen Einigung die Öffentlichkeit beschäftigt. Das Gesundheitssystem bildet neben der Alterssicherung, dem Arbeitslosengeld und der Sozialhilfe eine der zentralen Säulen des Sozialstaats. Wie die allgemeine Krisendiskussion über den Sozialstaat konzentriert sich die gesundheitspolitische Debatte weniger auf die Frage der mangelnden Leistungsfähigkeit als vielmehr auf Probleme der Finanzierung von Sozialleistungen und der Kostenkontrolle. Diese Probleme sind vor allem das Resultat demographischer Ungleichgewichte, andauernder Arbeitslosigkeit und der Folgekosten der deutschen Einheit. Im Zuge dieser Diskussion wurden gesundheitspolitische Leistungen gekürzt und die Eigenbeteiligung der Bürger erhöht; zuletzt im Jahr 2004 mit Einführung der Praxisgebühr. Weitere Reformen zur Sicherung der Finanzierung des Gesundheitssystems sind geplant.

In diesem Beitrag soll untersucht werden, wie sich diese Debatten und Reformmaßnahmen in den Urteilen der Bürgerinnen und Bürger niederschlagen. Gegenstand sind also die Wahrnehmungen und das Problembewusstsein der Bürger. Drei Fragen stehen dabei im Mittelpunkt: 1. Wie beurteilen die Bundesbürger das Bildungs- und das Gesundheitssystem im Vergleich zu den Bürgern anderer west- und osteuropäischer Länder? Angesichts des schlechten Abschneidens bei den PISA-Studien sind insbesondere für das Bildungssystem vergleichsweise negative Urteile erwartbar. 2. Sind die Ostdeutschen kritischer gegenüber dem Bildungs- und Gesundheitssystem eingestellt als die Westdeutschen? Aus einer Vielzahl von Untersuchungen ist bekannt, dass die Ostdeutschen nach wie vor sehr stark von der sozialpolitischen Überlegenheit der DDR im Vergleich zur Bundesrepublik überzeugt sind und dass sie den Werten der sozialen Gleichheit und der sozialen Sicherheit eine größere Bedeutung zuweisen.[3] Dieses Einstellungssyndrom wird auch als sozialistisches Erbe der DDR bezeichnet. 3. Welche Faktoren beeinflussen die Urteile der Bundesbürger über das Bildungs- und das Gesundheitssystem, und wie strittig sind diese Einschätzungen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen?

Diese Fragen werden zunächst für das Bildungssystem und anschließend für das Gesundheitssystem untersucht. Abschließend werden Konsequenzen aus diesen Befunden diskutiert. Die empirischen Analysen basieren auf repräsentativen Bevölkerungsumfragen, die 2002/03 und 2004 im Rahmen des European Social Survey in verschiedenen west- und osteuropäischen Ländern durchgeführt worden sind.

Fußnoten

1.
Vgl. Deutsches PISA-Konsortium (Hrsg.), PISA 2000: Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich, Opladen 2001.
2.
Vgl. PISA-Konsortium Deutschland (Hrsg.), PISA 2003: Der Bildungsstand der Jugendlichen in Deutschland. Ergebnisse des zweiten internationalen Vergleichs, Münster 2004.
3.
Vgl. Dieter Fuchs, Wohin geht der Wandel der demokratischen Institutionen in Deutschland?, in: Institutionenwandel (Leviathan, Sonderheft 16, hrsg. von Gerhard Göhler), Opladen 1997; Dieter Fuchs/Edeltraud Roller/Bernhard Wessels, Die Akzeptanz der Demokratie des vereinigten Deutschland. Oder: Wann ist ein Unterschied ein Unterschied?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), (1997) 51, S. 1 - 12; Edeltraud Roller, Sozialpolitik und demokratische Konsolidierung, in: Fritz Plasser u.a. (Hrsg.), Wahlen und politische Einstellungen in Deutschland und Österreich, Frankfurt/M. 1999; Katja Neller, Auferstanden aus Ruinen? Das Phänomen "DDR-Nostalgie", in: Oscar W. Gabriel/Jürgen W. Falter/Hans Rattinger (Hrsg.), Wächst zusammen, was zusammengehört?, Baden-Baden 2005.