Graffito von Simón Bolívar und venezolanischer Flagge auf einer Mauer in Caracas, Venezuela

13.9.2019 | Von:
Claudia Vargas Ribas

Auswanderungsland Venezuela

Venezuela wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts von einem Einwanderungs- zu einem Auswanderungsland. Zu dieser Entwicklung kam es wegen sich verschlechternder Lebensbedingungen im Inland mit der Folge, dass so viele in prekären Lebenslagen befindliche Menschen auswanderten wie aus keinem anderen lateinamerikanischen Land. Es gibt unterschiedliche Faktoren, die die Migrationsprozesse in verschiedenen Staaten oder Regionen beeinflussen, im Inneren die politische, wirtschaftliche und kulturelle Situation sowie die natürlichen Gegebenheiten; äußere Faktoren sind unter anderem die Dynamik der Globalisierung sowie die Chancen, die diese den Menschen bietet. Der Fall Venezuela zeigt, wie diese Faktoren sich unmittelbar auf die Entwicklung der Migrationsprozesse auswirken. Die derzeitige Verschlechterung der Lage im Land hat nicht nur zur Auswanderung von Fachkräften und jungen Menschen sowie zur Rückkehr von Einwanderern in die alte Heimat geführt. Seit 2014 migrieren noch ganz andere Bevölkerungsteile, um ihre Grundbedürfnisse – insbesondere Ernährung und Gesundheitsversorgung – zu stillen. Das hat Folgen im Landesinneren und in ganz Lateinamerika, insbesondere in den angrenzenden Staaten.

Vom Einwanderungs- zum Auswanderungsland

Das Jahr 1983 wird als Wendepunkt im venezolanischen Migrationsprozess betrachtet, da die Regierung Luis Herrera Campins (1979–1984) als Reaktion auf jahrzehntelange Verschuldung und Korruption sowie den Rückgang der Ölpreise auf dem Weltmarkt eine Reihe wirtschaftlicher Maßnahmen traf, zu denen auch die Kontrolle der Wechselkurse und die Abwertung der nationalen Währung zählte. Dadurch wurde es schwieriger, Verpflichtungen einzuhalten und beispielsweise die Auslandsschulden zu bedienen, was wiederum die Kaufkraft und damit die Lebensqualität der Bevölkerung in Mitleidenschaft zog und für die Menschen in Venezuela das Ende einer Epoche ölfinanzierten Wohlstands bedeutete. Dieser harte Schnitt wird als "Schwarzer Freitag" (viernes negro) bezeichnet. Einheimische wie Ausländer waren von den Folgen betroffen – wobei unter den Migranten vor allem jene zu leiden hatten, die auf der Suche nach einem besseren Leben gekommen waren. Der venezolanische Auswanderungssaldo drehte sich ins Negative, was sich – mit Ausnahme einer leichten Zunahme der Immigration zwischen 2001 und 2011 – bis heute kaum mehr geändert hat (Abbildung). Es kommen zwar nach wie vor Menschen aus Kolumbien ins Land, insbesondere Flüchtlinge, die dem inneren Konflikt entgehen möchten, aber nicht mehr in der früheren Größenordnung.
Einwanderung nach Venezuela 1950–2011Einwanderung nach Venezuela 1950–2011

Wie andere lateinamerikanische Staaten es schon in der Vergangenheit erlebt hatten, setzte nun auch in Venezuela eine Auswanderung gut ausgebildeter Menschen ein, die angesichts hoher Arbeitslosigkeit, unzureichender Gehälter und sich verschlechternder Lebensbedingungen keine Möglichkeiten sahen, sich im eigenen Land weiterzuentwickeln. Ursachen dieser Situation waren vor allem das Fehlen einer technologischen und wissenschaftlichen Infrastruktur und die erfolgreiche Anwerbung von Fachkräften durch Industriestaaten.[1] Die Auswanderung von Fachkräften war eine Folge der geringen Attraktivität des regionalen Arbeitsmarktes, der die Anforderungen Hochqualifizierter nicht erfüllte und von anachronistischen bürokratischen Strukturen geprägt war. Dieser Verlust an intellektuellem Kapital, insbesondere durch die Auswanderung wissenschaftlichen und technischen Personals in Industrieländer, setzte in den 1980er Jahren ein und hielt bis Ende der 1990er Jahre an. Es war ein immenser Verlust für das Land, dessen wissenschaftliche und industrielle Entwicklung in diversen Bereichen in Gefahr geriet. Der brain drain drohte, mittel- und langfristig schwerwiegende Folgen zu haben und zeigte die Handlungsunfähigkeit des Staates angesichts solcher Herausforderungen.

Die zweite Phase der venezolanischen Emigration fing mit der Wahl von Hugo Chávez zum Präsidenten im Jahr 1999 an. Seine Amtszeit endete mit seinem Tod 2013, doch seine Partei sollte noch bis 2019 weiter regieren. Im Laufe dieser Phase beschlossen immer mehr Menschen, Venezuela kurzfristig zu verlassen, um andernorts ein besseres Leben zu finden. Es waren vor allem Jüngere, die einen (meist universitären) beruflichen Abschluss besaßen, zwischen 25 und 40 Jahre alt waren und aus mittleren oder höheren sozialen Schichten stammten. Darüber hinaus entschieden sich viele Unternehmer, zwischen Venezuela und dem Ausland hin und her zu pendeln, um außerhalb ihres Heimatlandes zu investieren und so ihr Vermögen zu schützen und der wirtschaftlichen Situation im Land zu entfliehen.

Es kam in dieser Phase zu großen gesellschaftlichen und politischen Veränderungen. Eine herausragende Rolle spielte die Staatsreform, die mit der neuen Verfassung, die im Dezember 1999 in Kraft trat, vollzogen wurde. Von großer Bedeutung waren auch politische Maßnahmen, die zum Ausbau einer ölfinanzierten Rentenökonomie beitrugen, eine stärkere staatliche Kontrolle der Wirtschaft vorsahen und zu einem Rückgang der Produktivität der venezolanischen Volkswirtschaft sowie ihrer Wandlung hin zu einer von stetem Devisenfluss abhängigen Exportwirtschaft führten.

Hinzu kommt ein offizieller Diskurs, in dem sich eine deutliche Abneigung gegenüber der Mittelschicht, Hochqualifizierten und Intellektuellen ausdrückt – also allen, die von der Regierung pauschal als "reich" bezeichnet werden und angeblich nicht in der Lage sind, die "Realität der Armen" nachzuempfinden, weshalb sie diskriminiert werden und ihnen die Anerkennung ihrer Verdienste versagt wird. Wegen dieser Lage und der Ungewissheit, wie sich die Situation entwickeln wird, wandern immer mehr Fachkräfte aus. Die Mehrheit beklagt, es sei aufgrund nicht wettbewerbsfähiger Gehälter und fehlender technischer Voraussetzungen nicht möglich, den eigenen Beruf im eigenen Land auszuüben. Diese Tendenz hat sich in verschiedenen Berufszweigen und unter den Jüngeren verstärkt. So sehen Studierende in der Auswanderung eine der wichtigsten Optionen nach ihrem Abschluss.[2]

Ein besonders geeignetes Beispiel, um diese Situation zu veranschaulichen, ist der Streik in der venezolanischen Ölindustrie, zu dem es 2002 nach einem Aufruf des Vorstandes des staatlichen Ölkonzerns Petróleos de Venezuela (PDVSA) kam. Der Streikaufruf war die Reaktion darauf, dass Chávez sieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in seiner sonntäglichen TV-Sendung "Aló Presidente" vor laufenden Kameras entlassen hatte. Teile der Zivilgesellschaft, Politiker und die katholische Kirche unterstützten den Streik sowie die damit einhergehenden Demonstrationen, in denen die Unzufriedenheit mit der Situation im Land zum Ausdruck kam. Diese Entwicklung erreichte am 11. und 12. April 2002 ihren Höhepunkt, als Chávez zurücktrat und anschließend wieder die Macht übernahm, wobei er unter anderem von Teilen der Streitkräfte unterstützt wurde. In der Folge kam es zu der unberechtigten Massenentlassung, bei der 18756 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Ölindustrie aus politischen Gründen ihre Arbeit verloren. Anschließend ging die Rohölproduktion stark zurück, was auch zu rückläufigen Einnahmen führte.[3]

Diese Entwicklung beim Ölkonzern PDVSA war für die venezolanische Migration von enormer Bedeutung, da viele dieser Menschen angesichts der politischen Verfolgung und der Verschlechterung ihres wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Status Venezuela verließen, um im Ausland entweder Asyl zu suchen oder eine neue Arbeit aufzunehmen. Es war ein regelrechter intellektueller Aderlass Venezuelas, und er fand in einem Schlüsselsektor der Volkswirtschaft statt, in dem 62 Prozent des Gesamteinkommens aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erzielt wurden.

Zugleich ging der Ausländeranteil in Venezuela zurück. 2001 hatten noch 4,4 Prozent Ausländer im Land gelebt, 2011 hingegen waren es nur noch 4,2 Prozent. Deshalb ist davon auszugehen, dass diese Menschen in ihre alte Heimat zurückgekehrt oder in andere Länder abgewandert waren.[4] Es fällt auf, dass die Einwanderung nach Venezuela in jener Phase von anderen Nationalitäten als im 20. Jahrhundert dominiert war: Nach der Jahrtausendwende kamen die Menschen insbesondere aus Kuba, Bolivien und China. Die Einwanderung entwickelte sich also analog zur damaligen Annäherung zwischen Venezuela und diesen Staaten.[5]

Die Einwanderung nach Venezuela insgesamt ist nicht einmal während der schweren weltweiten Finanzkrise 2008 und 2009 gestiegen, obwohl Venezuela seit 2004 einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte. Die Gründe dafür sind im Land selbst zu suchen: Es kam zu keinen langfristigen Investitionen, und trotz verbesserter wirtschaftlicher Indikatoren wurden strukturelle Probleme nicht angegangen. Damit wurde Venezuela zu einem wenig attraktiven Ziel für ausländische Einwanderer und Investitionen, zumal die Einheimischen selbst in immer größerer Zahl das Land verließen, nach Spanien, Italien, Deutschland, Kanada und in die USA. Einige dieser Staaten warben gezielt ausländische Fachkräfte an und boten ihnen Arbeit oder die Einschreibung in Aufbaustudiengänge an. Es gab auch Auswanderer, die dank ihrer doppelten Staatsangehörigkeit Aufnahme fanden – viele von ihnen waren europäischer und insbesondere spanischer oder italienischer Abstammung.

Eine weitere Gruppe von Venezolanern machte sich in andere Länder der Region auf. Diese Gruppe ist zwar nicht repräsentativ, doch sie war stark von Unternehmern und Personen mit unternehmerischem Profil geprägt. Eines der Ziele war Panama, das während der Regierungszeit von Martín Torrijos (2004–2009) Visaerleichterungen für Investoren im Immobiliensektor, Tourismus und Handel anbot.[6] Ähnlich verhielt es sich mit Kolumbien, wohin 2003 Mitarbeiterinnen der Ölindustrie ausreisten sowie insbesondere Unternehmer, die sich vorübergehend dort aufhielten oder als Pendler hin- und herreisten, um vor Ort zu investieren und so ihr Vermögen zu sichern. Besondere Anziehungskraft auf Akademiker übte Ecuador durch sein Programm "Prometeo" aus, dessen Ziel es war, Hochqualifizierte ins Land zu holen und das mit der Unterstützung der nationalen Behörde für Bildung, Wissenschaft, Technologie und Information die Einwanderung venezolanischer Hochschullehrkräfte und Forscherinnen ermöglichte.

Von 1999 bis 2014 gingen 4,8 Prozent der Venezolanerinnen und Venezolaner ins Ausland.[7] Die Mehrheit dieser Menschen war auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen oder floh wegen der Verletzung ihrer Grundrechte. Letzteres gilt insbesondere für jene, die im Ausland politisches Asyl beantragten. So verlor das Land Hochqualifizierte in ihrer produktiven Lebensphase – ein klares Anzeichen für die Verschärfung der venezolanischen Krise.

Fußnoten

1.
Vgl. Iván de la Vega, Mundos en Movimientos. El caso de la movilidad y emigración de los científicos y tecnólogos venezolanos, Caracas 2005; Ana González/Dimitri Fazito, Mecanismos de selectividad y destinos principales de emigrantes argentinos y venezolanos: un análisis comparado, in: Notas de Población 2/2017, S. 191–217, http://www.cepal.org/es/publicaciones/43166-mecanismos-selectividad-destinos-principales-emigrantes-argentinos-venezolanos«.
2.
Vgl. Iván de la Vega/Claudia Vargas, La intención de emigración de estudiantes universitarios. Estudio comparado en cuatro universidades venezolanas, in: Interciencia 12/2017, S. 798–804.
3.
Vgl. Sirius Niebrzydowski/Iván de la Vega, Venezuela, política y emigración. El caso de la industria petrolera en 2002 y 2003, in: Iván de la Vega (Hrsg.), La diáspora del conocimiento. Talento venezolano en el mundo, Venezuela 2008, S. 101–146.
4.
Berechnet wie folgt: Teilung der ausländischen Bevölkerung durch die Gesamtbevölkerung unter Verwendung von Zahlen der jeweils aktuellsten Volkszählung des Instituto Nacional de Estadística. Bevölkerung 2001: 23.232.553; 2011: 28.946.101. Vgl. Instituto Nacional de Estadística, XIV Censo Nacional de Población y Vivienda. Resultados Total Nacional de la República Bolivariana de Venezuela, Caracas 2014, http://www.ine.gov.ve/documentos/Demografia/CensodePoblacionyVivienda/pdf/nacional.pdf«.
5.
Vgl. Procesamiento de Microdatos Censales. XIV Censo Nacional de Población y Vivienda 2011, http://www.redatam.ine.gob.ve/Censo2011/index.html«.
6.
Vgl. González/Fazito (Anm. 1).
7.
Vgl. Iván de la Vega, Tráfico pesado de venezolanos cualificados hacía múltiples destinos, in: Rubén Darío Peralta/Cristina Lares Vollmer/Francisco Kerdel Vegas (Hrsg.), Diáspora del talento migración y educación en Venezuela: análisis y propuestas, Valencia 2014, S. 57–88.
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