Graffito von Simón Bolívar und venezolanischer Flagge auf einer Mauer in Caracas, Venezuela

13.9.2019 | Von:
Stefan Rinke

Geschichte und Geschichtsbilder Venezuelas: eine Skizze

Venezuela hat im Vergleich zu anderen lateinamerikanischen Ländern in den vergangenen Jahrzehnten überdurchschnittlich viel Aufmerksamkeit in den europäischen Medien erfahren. Mit dem Amtsantritt des ehemaligen Putschisten Hugo Chávez und der Einführung einer neuen Verfassung 1999 wurde die Bolivarische Republik für manche zur Projektionsfläche von Utopien für einen Sozialismus des 21. Jahrhunderts und für andere zum Rückfall in überwunden geglaubte realsozialistische Zeiten. Will man die neuesten Entwicklungen verstehen, dann muss man sich die Geschichte des Landes vergegenwärtigen, denn die koloniale Vergangenheit und die Unabhängigkeitsrevolution des frühen 19. Jahrhunderts sind Elemente, auf die sich Chávez und sein Nachfolger Nicolás Maduro immer wieder berufen haben, wenn es darum ging, die eigene Herrschaft zu legitimieren und die heterogene Bevölkerung zum Zusammenhalt aufzufordern. Venezuela teilt viele historische Erfahrungen mit den anderen Staaten des Subkontinents, jedoch ergaben sich über die Jahrhunderte hinweg auch Eigenentwicklungen, die die Grundlage für die heutige Situation des Landes bilden.

Autochthone Kulturen und Kolonialzeit

In dem Gebiet des heutigen Venezuela lebten seit Jahrtausenden unterschiedliche Gruppen von Menschen, bevor die Europäer 1498 erstmals die Küste des Landes erreichten. Wildbeuter und Sammlerkulturen spezialisierten sich mit der Zeit. Es entwickelten sich die unterschiedlichen Sprachgruppen der Arawak, der jüngeren Kariben, der Chibcha im Westen und der Tupí-Guaraní im Süden. In den küstennahen Gebieten blieben Fischereikulturen teils mit Pfahlbauten wichtig, die mit ihren Kanus das karibische Meer befuhren und die Inseln besiedelten. Andere Gruppen gingen zum Pflanzenbau über und siedelten sich vor allem in den zentralen Zonen des Landes an. Bis ins 16. Jahrhundert perfektionierten sie den Garten- und Ackerbau mit den auch andernorts in Lateinamerika bekannten Anbauprodukten wie Mais, Bohnen, Kartoffeln und Maniok. Wieder andere passten ihre Lebensweise an die Gebirgs- oder Waldregionen an. Nomadische und sesshafte Kulturen lebten in dem Gebiet Seite an Seite, überlagerten oder verdrängten sich. In der Spätphase hatten sich mit den Kariben und den schon länger in der Region lebenden Arawakgruppen zwei dominante Kulturen herausgeschält. Dabei handelte es sich nicht um einheitliche Gebilde, sondern vielmehr um miteinander rivalisierende und sich bekriegende Clans, wobei auch der rituelle Verzehr von Menschenfleisch eine Rolle spielte. Die Einflüsse der vielfältigen autochthonen Kulturen sollten über die Kolonialzeit hinweg bis in die Gegenwart hinein im täglichen Leben der Venezolaner, ihren Festen, Liedern und Glaubensvorstellungen eine wichtige Rolle spielen.[1]

Als Christoph Kolumbus auf seiner dritten Reise 1498 die Küste des heutigen Venezuela entdeckte, glaubte er dem Garten Eden nahe zu sein, da er den Orinoco für einen der paradiesischen Ströme hielt. Wenig später folgte Alonso de Ojeda seinen Spuren und benannte die Region Venezuela, Klein-Venedig, da ihn die Pfahlbauten an die italienische Stadt erinnerten. 1501 erhielt er den Titel eines Gouverneurs und kehrte zurück, um Menschen zu versklaven und Perlen zu fischen. Allerdings trafen die Spanier auf heftigen Widerstand, weshalb die Eroberung nur schleppend voranging. Die Versklavung und die Massaker rechtfertigten die Europäer mit dem bereits von Kolumbus in Umlauf gebrachten Mythos der menschenfressenden Kariben. Zur Legitimation sollte auch die Mission durch den Dominikanerorden dienen, doch sie scheiterte angesichts der andauernden Sklavenjagden. Kriege und von den Europäern eingeschleppte Krankheiten führten zu einer Entvölkerung der einst dicht besiedelten Länder. Viele indigene Gruppen zogen sich in das von den Spaniern kaum kontrollierte Hinterland zurück. Die Perlenvorkommen waren bald erschöpft. Trotz der Mythen vom El Dorado und anderen sagenhaften Reichtümern sank Venezuela zu einer Peripherie innerhalb der spanischen Kolonialbesitzungen ab. Daran änderte auch das erfolglose Unternehmen der Augsburger Welser, die auch mit Sklaven Handel trieben, von 1528 bis 1556 nichts.[2]

Venezuela blieb noch lange peripher. Die europäische Kolonisierung des Landes erfolgte von den Küstenstädten her und zog sich über mehrere Jahrhunderte hin, denn die weiten Savannen, die Llanos, im Süden und das Hinterland des Orinoco im Osten wurden nur punktuell besiedelt. Von den Anden über die Küstenregion bis hin zum riesigen Hinterland bildeten sich unterschiedliche Identitäten, die auch auf ethnischen Unterschieden basierten. Kriegerische Auseinandersetzungen mit indigenen Gruppen und europäischen Rivalen, die an der kaum gesicherten Küste und über den Orinoco Schmuggel oder Piraterie betrieben, blieben prägend. Die aus Afrika verschleppten Menschen stellten ein wachsendes Bevölkerungselement. Sie mussten auf Kakaoplantagen arbeiten, die neben dem Tabakanbau die Grundlage für eine erste wirtschaftliche Blüte des Landes waren und deren Besitzer, in der Regel Nachfahren spanischer Einwanderer, die städtischen Oberschichten dominierten. Die 1567 gegründete Stadt Caracas stieg im 17. und 18. Jahrhundert zur Hauptstadt des Landes auf. Hier konzentrierte sich die politische und wirtschaftliche Macht, von hier aus entstanden Handelsverbindungen zu den anderen Küstenstädten, zu den Provinzen im Hinterland sowie nach Mexiko, wohin der Kakao exportiert wurde.[3]

Fußnoten

1.
Vgl. Michael Zeuske, Von Bolívar zu Chávez. Die Geschichte Venezuelas, Zürich 2008, S. 38.
2.
Vgl. Stefan Rinke, Kolumbus und der Tag von Guanahani 1492, Stuttgart 2013, S. 119. Vgl. zur Handelsgesellschaft der Welser Jörg Denzer, Die Konquista der Augsburger Welser-Gesellschaft in Südamerika (1528–1556), München 2005.
3.
Vgl. Antonio Arellano Moreno, Orígenes de la economía venezolana, Caracas 1973, S. 9–28.
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Autor: Stefan Rinke für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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