30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Graffito von Simón Bolívar und venezolanischer Flagge auf einer Mauer in Caracas, Venezuela

13.9.2019 | Von:
Stefan Rinke

Geschichte und Geschichtsbilder Venezuelas: eine Skizze

Wege zur Unabhängigkeit

Das 18. Jahrhundert brachte eine Vielzahl von Herausforderungen für das spanische Kolonialreich in Amerika. Die zahlreichen Kriege zeigten die Schwächen der Krone, die nach dem Ende der Habsburger Dynastie und dem Wechsel zu den Bourbonen Reformen in Gang setzte. Sie waren dazu gedacht, die Kolonien stärker auf die Interessen Spaniens hin auszurichten. In Venezuela führten die Reformen zu einer stärkeren Zentralisierung und Integration von Handel, Rechtsprechung und Regierung. Caracas wurde zum Sitz eines Generalkapitäns, eines Erzbischofs und eines Appellationsgerichts. Jedoch gingen die Reformen auch mit einer stärkeren Ausbeutung einher, was den Widerstand der Bevölkerung provozierte. Als Spanien gegen Ende des Jahrhunderts durch die Auswirkungen der Französischen Revolution immer tiefer in die Krise geriet, kam es zu ersten Rebellionen, die 1806 in dem gescheiterten Invasionsversuch des ehemals spanischen Offiziers Francisco de Miranda gipfelten. Die erfolgreiche Sklavenrevolution auf Haiti – quasi in der Nachbarschaft – offenbarte ein aus Elitensicht gefährliches Protestpotenzial in einer Gesellschaft, in der die Hautfarbe den Status bestimmte und die "weißen" Europäer und ihre Nachfahren, die Kreolen, die Spitzenpositionen einnahmen, die Schwarzen und Indigenen aber am unteren Ende standen, auch wenn in der Realität die große Bevölkerungsmehrheit der "Mischformen" – die sogenannten Pardos – die rigide Einteilung ad absurdum führten.[4]

Nach der Eroberung der iberischen Halbinsel durch Napoleon wurden in Caracas Stimmen laut, die die Übernahme der Regierungsgewalt anstrebten. Die Hauptstadtelite wollte einerseits Freihandel und andererseits ihren Herrschaftsanspruch im Innern durchsetzen, nicht zuletzt, weil sie soziale Unruhen unter den afroamerikanischen Bevölkerungsteilen fürchtete. Bei der Gründung der Regierungsjunta 1810 bekannten die Beteiligten zunächst noch ihre Treue zu Spanien. Danach setzten sich jedoch radikale Stimmen unter Führung Mirandas durch, die eine Trennung vom Mutterland befürworteten. Am 5. Juli 1811 gründete man die Republik der Vereinigten Provinzen von Venezuela. Viele Regionen und Städte waren jedoch keineswegs bereit, den Vorgaben aus Caracas zu folgen. Stattdessen kam es zum Bürgerkrieg, der ein Jahr später mit der Niederlage der Republikaner endete.

In der Folgezeit stieg mit Simón Bolívar ein junger Kreole zum Anführer der Unabhängigkeitsbewegung auf. Ihm gelang es, durch eine Radikalisierung der Kriegführung 1813 Caracas zurückzuerobern und eine zweite Republik auszurufen, die schnell zu einer Militärdiktatur mutierte. Dies war Ausdruck der Probleme, auf die die Republik stieß und die sich kaum von denen der Vorläuferin unterschieden, denn erneut misslang der Versuch, Venezuela flächendeckend zu erobern. Außerdem nahmen die ethnisch aufgeladenen Bürgerkriege neue Dimensionen an. Schon bald sah sich Bolívar mit José Tomás Boves einem mächtigen Gegner gegenüber. Boves, ein Viehhändler aus den Llanos, hatte 1811 zunächst auf Seiten der Republikaner an den Unabhängigkeitskämpfen teilgenommen, war nach internen Streitigkeiten aber auf die Seite der Royalisten gewechselt. Nach Bolívars Sieg 1813 war er in die Llanos zurückgekehrt, wo er eine schlagkräftige Reitertruppe zusammenstellte. Den Zweifrontenkrieg gegen Boves und die regulären spanischen Truppen konnte Bolívar nicht gewinnen. Ende 1814 war auch die zweite Republik gescheitert, Bolívar musste über das benachbarte Neu-Granada in die Karibik fliehen.

Allerdings war die Unabhängigkeitsbewegung damit nicht beendet, denn Ende 1816 kehrte der libertador ("Befreier") zurück, nachdem ein erster Versuch wenige Monate zuvor gescheitert war und zur Spaltung der antiroyalistischen Kräfte geführt hatte. Die Rückkehr war unter den zahlreichen Caudillos keineswegs unumstritten. Bolívar entschied sich, eine Basis im viehreichen Hinterland zu errichten und zumindest einige Warlords auf seine Seite zu ziehen. Im Juli 1817 gelang ihm die Eroberung der Stadt Angostura am Orinoco, die vorübergehend zur Hauptstadt der dritten Republik wurde. Danach ging Bolívar daran, seine Autorität gegenüber den Caudillos zu stärken. Zugleich war er bemüht, das soziale Fundament der Unabhängigkeitsbewegung zu erweitern, allerdings unter kreolischer Kontrolle und Führung. Seine Verlautbarungen zur Sklavenbefreiung von 1816 zielten in diese Richtung, blieben jedoch zunächst wenig erfolgreich, weil die kreolischen Sklavenhalter wenig Bereitschaft zeigten, dem patriotischen Aufruf Folge zu leisten. Bolívar gelang es, die Llaneros unter ihrem neuen Anführer José Antonio Páez – Boves war im Dezember 1814 bei einer Schlacht gestorben – auf seine Seite zu ziehen. Dennoch blieben die dicht besiedelten und reichen Provinzen im Zentrum und im Westen fest in der Hand der Royalisten.

Als Bolívar 1819 den verfassungsgebenden Kongress von Angostura zusammenrief, auf dem er seine berühmte Rede zur Zukunft des Landes hielt und zum Präsidenten gewählt wurde, kontrollierten seine Truppen nur das Hinterland. Erst über einen verlustreichen Feldzug im Nachbarland Neu-Granada, der durch die später mythisierte Andenüberquerung möglich wurde, konnten auch die venezolanische Küstenregion und Caracas erobert werden. Im Dezember schuf man den Staat Kolumbien. Es war ein Großkolumbien, das als Föderation aus den drei Provinzen Venezuela, Cundinamarca – wie Neu-Granada nun genannt werden sollte – und Quito bestand beziehungsweise bestehen sollte, denn noch längst nicht alle Regionen waren befreit. Hauptstadt wurde Bogotá.[5]

Seit 1821 bemühte Bolívar sich mit seinen kolumbianischen Truppen um die Vernichtung der spanischen Hochburgen in Quito, Peru und Hoch-Peru, bis 1823 gelang den Unabhängigkeitskämpfern die endgültige Vertreibung der Spanier. Damit war Großkolumbien befreit, doch geeint war es keineswegs. Der fehlende Zusammenhalt hatte strukturelle Gründe. Die geografische Gliederung des Landes mit dem andinen Hochgebirge war einer engen Verflechtung abträglich. Kommunikationsverbindungen zwischen den ehemaligen Teilstaaten waren kaum vorhanden. Entsprechend unterschiedlich gestalteten sich auch die Wirtschaftsstrukturen. Die daraus resultierenden divergierenden Interessen konnten durch politische Maßnahmen nicht ausgeglichen werden. Ähnliches galt für die soziale und ethnische Dimension, denn während die zum Staatsziel erklärte Sklavenbefreiung und die – theoretische – Gleichberechtigung der Indigenen in Neu-Granada unproblematisch waren, lösten sie in Venezuela und Quito Widerstände seitens der Oberschichten aus.

Den Venezolanern war die Führungsrolle Bogotás ein Dorn im Auge. Im Mai 1826 riefen die venezolanischen Provinzfürsten in einem putschartigen Akt den Llanero Páez zum politischen Anführer der Region aus. In der Folgezeit spitzte sich der Streit so weit zu, dass Bolívars persönliche Vermittlung notwendig wurde, um die Gefahr eines Bürgerkriegs zu bannen, der durch die Mobilisierung der Unterschichten schnell eine ethnische Dimension annehmen konnte. Die Staatskrise bewegte Bolívar 1828 dazu, diktatorische Vollmachten zu übernehmen. Doch er konnte die zentrifugalen Tendenzen nicht mehr aufhalten. Bereits im November 1829 beschlossen Notabeln unter der Führung von Páez die Loslösung Venezuelas aus dem Staatsverband. Im März 1830 erklärte Bolívar seinen Rücktritt und starb Ende des Jahres frustriert und hoffnungslos. Am 6. Mai 1830 hatte ein verfassungsgebender Kongress Páez zum Präsidenten des unabhängigen Venezuela gewählt. Mit dem Wegfall der spanischen Bedrohung war die Notwendigkeit des Staatenbunds nicht mehr gegeben.[6]

Fußnoten

4.
Vgl. dazu und im Folgenden Stefan Rinke, Revolutionen in Lateinamerika. Wege in die Unabhängigkeit 1760–1830, München 2010, S. 153–161.
5.
Vgl. dazu und im Folgenden ebd., S. 209–215.
6.
Vgl. dazu und im Folgenden ebd., S. 222ff., S. 243ff.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Stefan Rinke für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Dossier

Lateinamerika

Lateinamerika befindet sich mitten im Umbruch. Demokratische Strukturen haben sich etabliert, doch die soziale Anspannung ist geblieben. Das Dossier schildert die jüngsten politischen Entwicklungen in 19 Staaten. Im Mittelpunkt stehen zudem die sozialen Bewegungen, aber auch Themen wie Bildung, Emanzipation und Menschenrechte.

Mehr lesen

Aus Politik und Zeitgeschichte

Zeitenwende in Lateinamerika?

Lateinamerika befindet sich, wieder einmal, in einer Phase des politischen Umbruchs. Die "linke Dekade" – so die gängige, wenngleich holzschnittartige Zusammenfassung durchaus unterschiedlicher Präsidentschaften – neigt sich ihrem Ende zu. Es stellt sich die Frage nach der Bilanz: Was haben die vergangenen rund 15 Jahre gebracht?

Mehr lesen

Aus Politik und Zeitgeschichte

Revolutionen in Lateinamerika

In diesem Jahr wird auf dem lateinamerikanischen Subkontinent das Bicentenario gefeiert: der Anfang vom Ende der europäischen Kolonialherrschaft. Die Helden der Revolutionen sind lange tot oder in die Jahre gekommen.

Mehr lesen