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Graffito von Simón Bolívar und venezolanischer Flagge auf einer Mauer in Caracas, Venezuela

13.9.2019 | Von:
Stefan Rinke

Geschichte und Geschichtsbilder Venezuelas: eine Skizze

Transformation durch Erdöl

Der neue Caudillo Venezuelas genoss aufgrund seiner militärischen Erfolge hohes Ansehen und hatte es während des Castro-Regimes zu Reichtum in der Rinderzucht gebracht. Unter Gómez, der bis 1935 herrschen sollte, wurde die Modernisierung des Landes vorangetrieben. Gleichzeitig baute er seine autoritäre Herrschaft aus, ließ Oppositionelle verfolgen und besetzte die wichtigsten Posten mit seinen Anhängern und Verwandten. Wiederholt kam es zu Putschversuchen gegen Gómez, doch konnten diese nicht zuletzt aufgrund der verbesserten Kommunikationswege niedergeschlagen werden. Nach dem Ersten Weltkrieg entstand in den rasch wachsenden Städten eine linke Opposition, die sich auf die Arbeiterschaft stützte. Die entscheidende Transformation erlebte Venezuela aber durch den Export von Erdöl, der in diesem Zeitraum einsetzte. Ausländische Firmen wie Shell und Standard Oil erhielten großzügige Konzessionen und errichteten ihre Enklaven in den Förderregionen oft auf Kosten der Landwirtschaft. Zunehmend verdrängten US-amerikanische Investoren die Briten. Damit einher gingen der Umstieg auf Automobile und der Ausbau des Straßennetzes.[14]

Nach Gómez’ Tod öffnete sich das Herrschaftssystem langsam, und viele der exilierten Oppositionellen konnten wieder ins Land zurückkehrten. Der Ausbau des Gesundheitswesens sowie erste Agrarreformpläne wiesen in die Richtung eines Sozialstaats. Mit der Acción Democrática (AD) unter Rómulo Betancourt und den Kommunisten etablierten sich Oppositionsparteien sowie ein Gewerkschaftsbund. 1945 putschten unzufriedene jüngere Offiziere, und die Anführer der AD bildeten eine Regierungsjunta unter dem Präsidenten Betancourt. Die neue Regierung bemühte sich um die Modernisierung des Landes mit starker antiimperialistischer Rhetorik und unter nationalistischen Vorzeichen, was sich in einer deutlichen Erhöhung der Besteuerung der Erdölunternehmen niederschlug. Außerdem ließ sie Wahlen abhalten, aus denen im Dezember 1947 mit dem AD-Kandidaten Rómulo Gallegos einer der wichtigsten venezolanischen Intellektuellen als Sieger hervorging.[15]

Bereits ein Jahr später verlor Gallegos sein Amt durch einen Putsch von konservativen Militärs, denen der vorsichtige Reformkurs der AD zu weit gegangen war. Als starker Mann kristallisierte sich ab 1950 der junge Oberstleutnant Marcos Pérez Jiménez heraus. Sein Regime profitierte von steigenden Erdölpreisen und trieb den Ausbau der Infrastruktur energisch voran. Prestigeträchtige Großprojekte wie das Wasserkraftwerk Gurí sollten die Erfolge der Regierung unter Beweis stellen. Auch die Agrarwirtschaft im Hinterland wurde nun systematisch gefördert, wovon allerdings in erster Linie die Großbetriebe profitierten. Durch den stramm antikommunistischen Kurs erhielt man sich das Wohlwollen der USA. Die AD-Anhänger ließ Pérez Jiménez verfolgen. Als er seine Amtszeit durch gefälschte Wahlen verlängern wollte, wurde er im Januar 1958 selbst Opfer eines Putsches.[16]

Aus den Fehlern von 1948 lernend, schloss die sozialdemokratische AD, die der radikalen Rhetorik abgeschworen hatte, nun ein Bündnis mit der bereits 1946 entstandenen christdemokratischen COPEI (Comité de Organización Política Electoral Independiente) unter Rafael Caldera sowie der kleineren Unión Republicana Democrática. Dieses Bündnis wurde als Pakt von Punto Fijo bekannt. Darin einigten sich die Beteiligten auf eine Koalitionsregierung. Die demokratischen Massenparteien teilten die Macht, um die "Konsolidierung der demokratischen Prinzipien" zu sichern.[17] Die Kirche, führende Militärs, die Wirtschaftseliten und auch die Arbeiter wurden in das neue System der Parteienherrschaft eingebunden, bei dem erstmals Zivilisten am Ruder saßen. Der Staat übernahm die Aufgabe, die Gewinne aus dem Erdölsektor zu verteilen. Das Militär, das die Politik des Landes so lange bestimmt hatte, zog sich in die Kasernen zurück. Personalistische Elemente blieben als Erbschaft des Caudillismus jedoch erhalten. Mit Betancourt trat der charismatische Parteichef der AD 1958 erneut die Präsidentschaft an. Venezuela avancierte dank der Erdöleinnahmen, die seit Gründung der Organisation Erdöl exportierender Länder 1960 besonders reich sprudelten, zum "Wirtschaftswunderland" Lateinamerikas.[18]

Der puntofijismo funktionierte unter Ausschluss der Linken. Die Kommunisten durften aus Rücksichtnahme auf die USA nicht teilhaben, und es kam zu Protesten, nicht zuletzt seitens der Studenten der Universidad Central de Venezuela, die schon seit den 1920er Jahren politisch aktiv waren. Angesichts der Kubanischen Revolution stieg die Bereitschaft zum Widerstand, und auch innerhalb der AD gab es Kräfte, die sich von Betancourt abwandten und eigene Splitterparteien gründeten. Der Präsident ließ in den Folgejahren Streiks und Proteste von seinem Innenminister Carlos Andrés Pérez brutal niederschlagen. Derweil gründete sich eine Guerilla nach kubanischem Vorbild und lieferte sich blutige Kämpfe mit dem regulären Militär. Die Regierung reagierte mit Agrarreformen und Subventionen für Staatsangestellte und städtische Arbeiter, um den Forderungen der radikalen Linken die Spitze zu nehmen. Als der christdemokratische Caldera 1968 die Präsidentschaftswahl gewann und Betancourts Nachfolger Rafael Leoni ablöste, kam erstmals auf friedlichem Weg die Opposition an die Macht. In den 1970er Jahren gelang es den COPEI-Regierungen, selbst die radikale Linke zumindest teilweise zu integrieren, indem die Kommunistische Partei zugelassen und die Repressionen beendet wurden. Gleichzeitig stiegen die Sozialausgaben, ohne dass damit die Probleme etwa der Armenviertel in den Städten behoben worden wären. Venezuela wurde in dieser Dekade zum Ziel vieler Flüchtlinge, vor allem aus Kolumbien. Nachdem mit Carlos Andrés Pérez 1974 die AD wieder an die Macht gekommen war, wurde das Erdöl nationalisiert, ohne dass es zu Einbrüchen der Staatseinnahmen kam. Venezuela galt in diesem Zeitraum als sprichwörtlich reich, doch ein Großteil der Bevölkerung lebte noch immer in Armut. Das Wachstum des öffentlichen Sektors wurde durch eine stetig zunehmende Auslandsverschuldung erkauft und die Korruption erreichte ungeahnte Ausmaße.[19]

Als ab Mitte der 1980er Jahre die Erdölpreise sanken, spitzte sich die Krise zu, und das Land versank 1989 in der Rezession. Das Austeritätsprogramm, das Carlos Andrés Pérez zu Beginn seiner zweiten Präsidentschaft angesichts des Drucks des Internationalen Währungsfonds verkündete, schürte die sozialen Spannungen, denn die Folgen trafen vor allem die Unterschichten hart. Es kam zu Massenunruhen, Geschäfte wurden geplündert. Die Regierung Pérez ließ den "Caracazo" blutig niederschlagen, wobei zahlreiche Menschen, besonders in den Armenvierteln, zu Tode kamen. Die Ereignisse hatten schwerwiegende Folgen, denn unter jüngeren Offizieren fand eine Politisierung statt, die im Februar 1992 zu einem weiteren Putschversuch führte, der jedoch scheiterte. Dabei kristallisierte sich mit Hugo Chávez Frías ein medienaffiner Anführer heraus, der den aussichtlosen Putsch rechtzeitig wieder abbrach.[20]

Hugo Chávez übernimmt

Doch der bereits 1994 begnadigte Chávez sollte wiederkommen. Nachdem die Konsolidierung des puntofijismo unter Rafael Caldera, der seiner COPEI den Rücken gekehrt hatte und als Unabhängiger auftrat, zwischen 1993 und 1998 gescheitert war, gewann der Oberst die Wahl. Angesichts der kritischen sozialen Lage und der Unfähigkeit der Eliten, einen Ausweg aufzuzeigen, war der Wahlerfolg des linksnationalistischen Außenseiters aus den Llanos mit seiner Bewegung der Fünften Republik (Movimiento Quinta República) nur folgerichtig. Chávez stand auch aufgrund seiner ethnischen Herkunft für die Unterschichten und stilisierte sich als populistischer Antipolitiker, der das korrupte System und seine Eliten zu bekämpfen versprach. Durch sein Medientalent gelang es ihm, eine emotionale Beziehung zum Wahlvolk aufzubauen, als dessen wahrer Vertreter er sich verstand.

Es ist hier nicht der Ort, um tiefer auf die 20-jährige Geschichte des Chavismus beziehungsweise des Post-Chavismus einzugehen. Betont werden muss in diesem Zusammenhang jedoch die Rolle der Geschichtsbilder, die ein wichtiges Element des Erfolgsgeheimnisses darstellen. Zentral war und ist dabei der Bezug auf Bolívar, den "Befreier", dessen Kult in Venezuela tief verankert und selbst in den Armenvierteln weit verbreitet ist. Hinzu kamen weitere Helden, wie der zum ersten Antiimperialisten stilisierte Miranda, der "negro primero", Pedro Camejo, der seit 2015 auf Geldscheinen zu sehen ist und dessen Gebeine ins nationale Pantheon überführt wurden, sowie der "Sozialrevolutionär" Ezequiel Zamora. Über den offiziellen Kult hinaus, der schon vor 1999 von den Regierenden gepflegt wurde, integrierte der Chavismus auch die volksreligiösen Elemente, um die arme Bevölkerungsmehrheit für sich einzunehmen. Die Umbenennung der Institutionen bis hin zur Änderung des Landesnamens in "Bolivarische Republik" zeigte, dass Chávez den Mythos für sich ebenso beanspruchte wie das Land als solches.[21]
Wahlpropaganda in Caracas 2015. Das Graffiti zeigt Hugo Chávez, Simón Bolívar und Nicolás Maduro.Wahlpropaganda in Caracas 2015. Das Graffiti zeigt Hugo Chávez, Simón Bolívar und Nicolás Maduro. (© Federico Parra/AFP/Getty Images)

Dass die Geschichtspolitik nicht ausreicht, das Land zu einen, dass die chavistische Rhetorik und Politik vielmehr dazu geführt haben, das Land stärker zu spalten denn je, ist in den vergangenen Jahren sehr deutlich geworden. Chávez war ein Produkt der venezolanischen Geschichte mit all ihren Widersprüchen zwischen Stadt und Hinterland, Eliten und Unterschichten und dem, was man in Lateinamerika landläufig als Gegensatz von Barbarei und Zivilisation bezeichnet. Sein Projekt war die postmoderne Version des Caudillismus des 19. Jahrhunderts mit den linkspopulistischen Ingredienzen des 20. und den medialen Vermarktungsmechanismen des 21. Jahrhunderts. Dieses Projekt ist, ob man es will oder nicht, noch längst nicht Geschichte.

Fußnoten

14.
Vgl. Brian S. McBeth, Juan Vicente Gomez and the Oil Companies in Venezuela, 1908–1935, Cambridge 1983, S. 109–132; Steve Ellner, The Venezuelan Left in the Era of the Popular Front, 1936–1945, in: Journal of Latin American Studies 1/1979, S. 169–184, hier S. 170–175.
15.
Vgl. Steven Schwartzberg, Rómulo Betancourt. From a Communist Anti-Imperialist to a Social Democrat with US Support, in: Journal of Latin American Studies 3/1997, S. 613–665; John D. Martz, Acción Democrática. Evolution of a Modern Political Party in Venezuela, Princeton 1966, S. 49–82; Manuel Caballero, Las crisis de la Venezuela contemporánea (1903–1992), Caracas 1999, S. 77–100.
16.
Vgl. Manuel Caballero, Historia de los venezolanos en el siglo XX, Caracas 2010, S. 173–197.
17.
Pacto de Punto Fijo (Caracas, 31.10.1958), in: Napoleón Franceschi González/Freddy Domínguez (Hrsg.), Antología documental. Fuentes para el estudio de la historia de Venezuela, 1776–2000, Caracas 2012, S. 424 (Übersetzung d. Autors).
18.
Inés Quintero Montiel, El siglo XX. Conquista, construcción y defensa de la democracia, in: Elías Pino Iturrieta (Hrsg.), Historia mínima de Venezuela, Mexiko 2018, S. 172–187.
19.
Vgl. Caballero (Anm. 16), S. 303–309.
20.
Vgl. Quintero (Anm. 18), S. 203–232; Caballero (Anm. 16), S. 141–162.
21.
Vgl. Andreas Boeckh/Patricia Graf, El comandante en su laberinto. El ideario bolivariano de Hugo Chávez, in: Günther Maihold (Hrsg.), Venezuela en retrospectiva. Los pasos hacia el régimen chavista, Frankfurt/M.–Madrid 2007, S. 151–178, http://publications.iai.spk-berlin.de/servlets/MCRFileNodeServlet/Document_derivate_00000103/BIA%20118%20Venezuela%20en%20retrospectiva.pdf;jsessionid=424F5FEB05389A20E9C7C4A104F2D2EC«.
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Autor: Stefan Rinke für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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