Graffito von Simón Bolívar und venezolanischer Flagge auf einer Mauer in Caracas, Venezuela

13.9.2019 | Von:
Alejandro Márquez-Velázquez

"Fluch der Ressourcen"? Die Bedeutung des Erdöls für die venezolanische Wirtschaft

Venezuela erlebt derzeit die schwerwiegendste Wirtschaftskrise seit der Abspaltung von Großkolumbien 1830 und eine der schwersten Krisen weltweit seit den 1980er Jahren.[1] Seit 2013 ist die venezolanische Wirtschaft ununterbrochen geschrumpft. Daten der venezolanischen Zentralbank zeigen, dass vom dritten Quartal 2013 bis zum dritten Quartal 2018 das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 52 Prozent zurückgegangen ist.[2] Der wirtschaftliche Niedergang begann bereits ein Jahr vor dem Verfall des Ölpreises 2014, mit dem die fast ununterbrochene Steigerung der Rohstoffpreise seit 2000 ihr Ende zu erreichen schien. Venezuela – das Land mit den weltweit größten Erdölreserven – war wie kein anderes Land von den fallenden Ölpreisen betroffen.

Bei der Suche nach den Gründen stößt man auf ein Phänomen, das in den Wirtschaftswissenschaften als "Fluch der Ressourcen" diskutiert wird. Kern der Debatte ist die Frage, warum die Wirtschaft vieler ressourcenreicher Entwicklungsländer dazu verdammt scheint, langsamer zu wachsen als die ressourcenärmerer, ansonsten aber vergleichbarer Länder. In den Wirtschaftswissenschaften werden ökonomische und politische Ursachen hervorgehoben. Zentral ist die Vorstellung, dass eine Abhängigkeit vom Export natürlicher Rohstoffe, insbesondere von Energieträgern wie Erdöl, eine Reihe von Anreizen entstehen lässt, durch die sich ebendiese Abhängigkeit weiter verfestigt. Mit Blick auf vom Erdöl abhängige Entwicklungsländer wird zudem das sogenannte rent-seeking hervorgehoben, also der Versuch ökonomischer Akteure, staatliche Umverteilung zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Im Verbund mit anderen für Petrostaaten typische Eigenschaften wie einer extremen Machtkonzentration und einer geringen administrativen Leistungsfähigkeit werde so das Ansparen der während eines Ölpreishochs entstandenen Einnahmen ebenso verhindert wie Investitionen in Projekte, die eine Grundlage für die Verringerung der Abhängigkeit von Öl schaffen.

Es scheint auf den ersten Blick so, als würde der Fluch nur Entwicklungsländer befallen. Länder, die derzeit hoch entwickelt und reich an natürlichen Ressourcen sind, wie etwa Kanada oder Norwegen, konnten keinerlei negativen Einfluss dieses Reichtums auf ihre industrielle Entwicklung verzeichnen.[3] Dies gilt allerdings ebenso für bestimmte ressourcenreiche Entwicklungsländer, beispielsweise Botsuana, das über große Diamantenvorkommen verfügt. Wieder andere Länder haben nur in einer bestimmten Phase ihrer Geschichte unter dem negativen Einfluss natürlicher Ressourcen gelitten. An Venezuela – zwischen Ende der 1930er und Anfang der 1960er Jahre Erdölexportweltmeister[4] – lässt sich die Theorie vom "Fluch der Ressourcen" idealtypisch analysieren.

Übertragungskanäle

Eine in der volkswirtschaftlichen Fachliteratur besonders häufig genannte ökonomische Ursache für den "Fluch der Ressourcen" ist die sogenannte Holländische Krankheit: Durch den Anstieg der Rohstoffpreise oder weil ein Staat anfängt, neue Rohstoffvorkommen auszubeuten, führt der durch die Exporteinnahmen generierte Zufluss an Devisen zu einer realen Aufwertung der lokalen Währung. Durch diese Aufwertung verlieren exportorientierte Branchen außerhalb des Rohstoffsektors ihre Wettbewerbsfähigkeit – die Unternehmen werden vom Markt verdrängt. Wenn dies das produzierende Gewerbe betrifft, wird das Wirtschaftswachstum des Landes langfristig negativ beeinflusst, da dieser exportorientierte Teil der Wirtschaft als besonders wichtig für das Produktivitätswachstum eines Landes erachtet wird.[5]

Andere Autoren weisen politischen Faktoren eine Hauptrolle für den "Fluch" zu. Im Mittelpunkt ihrer Betrachtungen steht unter anderem, dass ein großer Reichtum an natürlichen Ressourcen in Verbindung mit schwachen Institutionen für ein geringes Wirtschaftswachstum verantwortlich sei. Zu diesem schwachen institutionellen Rahmen gehört auch ein niedriger Entwicklungsstand des Steuersystems in den Bereichen, die in keiner Beziehung zum Rohstoffsektor stehen.[6] Dies führe dazu, dass die Gesellschaft vom Staat abhängt und nicht umgekehrt.[7] Der Mangel an starken Institutionen lässt sich zugleich mit einem schwach ausgeprägten Rechtsstaat, geringer staatlicher Funktionsfähigkeit, einem hohen Korruptionsniveau und einer erhöhten Wahrscheinlichkeit der Enteignung in Verbindung bringen. Diese Bedingungen führen dazu, dass Marktteilnehmer es bevorzugen, sich ihren Teil des Renteneinkommens zu sichern, statt nutzbringende Investitionen einzuleiten.[8] Eine weitere Eigenschaft schwacher Institutionen ist, dass sie undemokratische Regimes begünstigen. Ein Überfluss an Erdöl erschwert in diesem Kontext so tendenziell auch den Übergang zur Demokratie.[9]

Die gängigste Empfehlung, um eine Überbewertung der eigenen Währung zu vermeiden und die Abhängigkeit eines Staates von Steuereinnahmen aus dem Erdölsektor zu verringern, war lange die Schaffung von staatlichen Investitionsfonds, die aus den Öleinnahmen finanziert werden und mit denen der größte Teil dieser Einnahmen außerhalb des Landes angelegt werden kann.[10] Norwegen ist hierfür ein in der Fachliteratur viel zitiertes Paradebeispiel, da das Land auf diese Weise nahezu seine gesamten Erdöleinnahmen zurücklegt. Der Marktwert des Oljefondets, des weltweit operierenden staatlichen Pensionsfonds des Landes, liegt derzeit bei knapp einer Billion Euro.[11] Die Entnahme von Mitteln aus dem Fonds ist strikt auf die Deckung eines vom Erdöl abgekoppelten Staatsdefizits bis zur Höhe der erwarteten Fondsrendite beschränkt. Diese wird auf 3 Prozent geschätzt.[12] Allerdings wird in der jüngeren Literatur darauf hingewiesen, dass ölreiche Entwicklungsländer einen höheren Investitionsbedarf haben als Norwegen. Daher werden großzügigere Entnahmeregelungen für die aus den Erdöleinnahmen von Entwicklungsländern finanzierten Staatsfonds empfohlen.[13] Entsprechend wird die wirtschaftspolitische Empfehlung dahingehend angepasst, dass solche Staaten einen Teil der Öleinnahmen investieren sollten, um Mängel, etwa in der Infrastruktur und dem Bildungs- oder Gesundheitswesen, zu lindern.

Venezuela als wirtschaftspolitischer Sonderfall?

In einer ersten Phase widersprach die wirtschaftliche Entwicklung des Landes zunächst den gängigen Annahmen zum "Fluch der Ressourcen". Seit dem Beginn der Erdölförderung im großen Stil Anfang der 1920er Jahre wurde Venezuela bis Ende der 1970er Jahre von einem der ärmsten Länder Lateinamerikas zu dem bei weitem reichsten Land der Region. In diesem Zeitraum wuchs das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf jährlich um durchschnittlich 4,4 Prozent, womit es sich innerhalb von 60 Jahren mehr als verzehnfachte.[14] Im Gegensatz zur Theorie, der "Fluch der Ressourcen" werde durch die "Holländische Krankheit" ausgelöst, scheint dieses langfristige Wachstum nicht dadurch beeinflusst worden zu sein, dass die Bedeutung des Erdöls im Exportsektor zunahm: 1923 ersetzte das Erdöl den Kakao als zweitwichtigstes Exportprodukt, um zwei Jahre später auch den Kaffee, bis dahin Hauptexportprodukt, zu überflügeln. 1926 machte das Erdöl erstmals die Hälfte der venezolanischen Exporte aus. In der Zeit von 1926 bis 1979 gab es nur ein Jahr (1978), in denen der Ölexport weniger als zwei Drittel des gesamten Exportvolumens ausmachte.[15]

Bis 1974 wurde die positive ökonomische Entwicklung des Landes bei zugleich wachsender Abhängigkeit vom Ölsektor nicht von einem staatlichen Investitionsfonds begleitet. Der venezolanische Staat perfektionierte allerdings seine Fähigkeiten, auf die Öleinnahmen zuzugreifen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als internationale Ölkonzerne die ersten Konzessionen erhielten, beanspruchte er einen geringen Anteil der Einnahmen. Bereits Ende der 1940er Jahre gelang es dem Staat aber, eine gleichmäßige Verteilung der Öleinnahmen zu erreichen: 50 Prozent für den venezolanischen Fiskus, 50 Prozent für die internationalen Unternehmen – ein Steuermodell, das andere Erdöl exportierende Entwicklungsländer wie der Irak, Kuwait und Saudi-Arabien übernahmen.[16] In dieser Phase widersprach Venezuela den volkswirtschaftlichen Modellen weitgehend: Die Zentralisierung der Macht schien sich mit der Zeit zu reduzieren, während die staatliche Handlungsfähigkeit zunahm. Zudem wurde die Demokratie als Regierungsform gegen Ende der 1950er Jahre konsolidiert – relativ früh für ein Entwicklungsland, das von der Ölwirtschaft geprägt war und ist.

Fußnoten

1.
Vgl. Susanne Gratius/José Manuel Puente, Las claves de la crisis venezolana, in: Foreign Affairs Latinoamérica 2/2019, S. 5; Asdrúbal Baptista, Bases cuantitativas de la economía venezolana, 1830–1995, Caracas 1997, S. 63, eigene Berechnungen.
2.
Vgl. Víctor Salmerón, El BCV confirmó la debacle de la economía: Qué dicen las cifras?, 29.5.2019, https://prodavinci.com/el-bcv-confirmo-la-debacle-de-la-economia-que-dicenlas-cifras-oficiales".
3.
Vgl. Jonathan Di John, Is There Really a Resource Curse? A Critical Survey of Theory and Evidence, in: Global Governance 2/2011, S. 167–184.
4.
Vgl. Leonardo Maugeri, The Age of Oil, Westport/CT 2006, S. 32; Alexander Simoes/César A. Hidalgo/Dave Landry, The Observatory of Economic Complexity. Venezuela, https://oec.world/en/profile/country/ven«.
5.
Vgl. Paul Krugman, The Narrow Moving Band, the Dutch Disease, and the Competitive Consequences of Mrs. Thatcher, in: Journal of Development Economics 1–2/1987, S. 41–55; Sweder van Wijnbergen, The ‚Dutch Disease‘: A Disease After All?, in: The Economic Journal 373/1984, S. 41–55.
6.
Vgl. Terry Lynn Karl, The Paradox of Plenty: Oil Booms and Petro-States, Berkeley 1997.
7.
Vgl. Leopoldo López/Gustavo Baquero, Venezuela energética. Propuesta para el bienestar y progreso de los venezolanos, Caracas 2017.
8.
Vgl. Halvor Mehlum/Karl Moene/Ragnar Torvik, Institutions and the Resource Curse, in: The Economic Journal 508/2006, S. 1–20.
9.
Vgl. Michael L. Ross, The Oil Curse: How Petroleum Wealth Shapes the Development of Nations, Princeton 2012.
10.
Vgl. Jeffrey M. Davis et al., Stabilization and Savings Funds for Nonrenewable Resources: Experience and Fiscal Policy Implications, in: Jeffrey M. Davis/Rolando Ossowski/Annalisa Fedelino (Hrsg.), Fiscal Policy Formulation and Implementation in Oil-Producing Countries, Washington, D.C. 2003.
11.
Vgl. Norges Bank Investment Management, The Fund’s Market Value, http://www.nbim.no/en«.
12.
Vgl. dass., About the Fund, http://www.nbim.no/en/the-fund/about-the-fund«.
13.
Vgl. Pierre-Richard Agénor, Optimal Fiscal Management of Commodity Price Shocks, in: Journal of Development Economics 122/2016, S. 183–196.
14.
Vgl. Baptista (Anm. 1), eigene Berechnungen.
15.
Vgl. ebd., S. 94f.; Simoes/Hidalgo/Landry (Anm. 4).
16.
Vgl. Karl (Anm. 6), S. 96.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Alejandro Márquez-Velázquez für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Dossier

Lateinamerika

Lateinamerika befindet sich mitten im Umbruch. Demokratische Strukturen haben sich etabliert, doch die soziale Anspannung ist geblieben. Das Dossier schildert die jüngsten politischen Entwicklungen in 19 Staaten. Im Mittelpunkt stehen zudem die sozialen Bewegungen, aber auch Themen wie Bildung, Emanzipation und Menschenrechte.

Mehr lesen

Aus Politik und Zeitgeschichte

Zeitenwende in Lateinamerika?

Lateinamerika befindet sich, wieder einmal, in einer Phase des politischen Umbruchs. Die "linke Dekade" – so die gängige, wenngleich holzschnittartige Zusammenfassung durchaus unterschiedlicher Präsidentschaften – neigt sich ihrem Ende zu. Es stellt sich die Frage nach der Bilanz: Was haben die vergangenen rund 15 Jahre gebracht?

Mehr lesen

Aus Politik und Zeitgeschichte

Revolutionen in Lateinamerika

In diesem Jahr wird auf dem lateinamerikanischen Subkontinent das Bicentenario gefeiert: der Anfang vom Ende der europäischen Kolonialherrschaft. Die Helden der Revolutionen sind lange tot oder in die Jahre gekommen.

Mehr lesen