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30.5.2006 | Von:
Marc Silberman

Die Tradition des politischen Theaters in Deutschland

Politik hat auf deutschen Bühnen mehr Geschichte als anderswo - auch Dank Brecht. Brechts Dramaturgie beruhte jedoch nicht auf dem politischen Gehalt allein.

Einleitung

Politik im modernen deutschen Theater scheint eine längere und intensivere Geschichte als in vielen anderen Nationen und Kulturen zu haben. Theaterwissenschaftler und -historiker erklären diesen Unterschied mit der Tatsache, dass sich Politik in Deutschland kaum einmal auf der Straße, sondern vielmehr häufig in Darstellungen auf dem Theater sowie im leidenschaftlichen Dialog der Philosophen ereignete. Die radikal emanzipatorische Botschaft der Aufklärung fand ihre Verwirklichung nicht in einer Revolution wie in Amerika und in Frankreich, sondern in Gotthold Ephraim Lessings Emilia Galotti (1772), Friedrich Schillers Räuber (1781) und Georg Büchners Dantons Tod (1835).




Die Klassenkämpfe, die in den meisten europäischen Ländern in nationale Einheit mündeten, wurden im zerstückelten Deutschen Reich in Inszenierungen von Gerhart Hauptmanns Die Weber (1892), Carl Sternheims Vorkriegssatiren und Georg Kaisers Gas (1918) ausgetragen. Selbst als sich die Politik doch auf Deutschlands Straßen abspielte - im Spartakus-Aufstand 1918/19, in der polarisierten Gewalt am Ende der Weimarer Republik, im Volksaufstand in der DDR 1953, bei der Außerparlamentarischen Opposition in der Bundesrepublik während der späten sechziger Jahre, bei der friedlichen Revolution in der DDR 1989 -, wurden einige der aufregendsten politischen Inszenierungen und der wichtigsten theoretischen Reflexionen über politische Kultur im 20. Jahrhundert im deutschen Theater angestellt.

Zweifellos sticht Bertolt Brecht (1898 - 1956) als Deutschlands hervorragendster Dramatiker und Denker in der Tradition des politischen Theaters hervor. In den folgenden Anmerkungen untersuche ich seinen Beitrag zum politischen Theater in Deutschland sowie seinen Einfluss nach seinem Tod vor 50 Jahren, insbesondere auf die Arbeit von Heiner Müller, der nicht nur als Brechts bester Schüler, sondern auch als sein härtester Kritiker betrachtet werden kann.