Das ehemalige Reichs-Kolonialdenkmal "Der Elefant", ein aus Backstein errichtetes zehn Meter hohes Mahnmal im Nelson-Mandela-Park in Bremen, wurde 1987 zu einem Antikolonialdenkmal umgewidmet.
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27.9.2019 | Von:
Albert Gouaffo
Richard Tsogang Fossi

Spuren und Erinnerungen hundert Jahre nach der deutschen Kolonialzeit in Kamerun

Im ausgehenden 19. Jahrhundert erlebte die Welt ein Wettrennen europäischer Mächte um Kolonialbesitz, den viel zitierten "Scramble for Africa". In diesem Hochimperialismus genannten Zeitalter ging es um Weltmachtansprüche, wirtschaftspolitisches Dominanzstreben, nationales Prestige, billige Rohstoffe und Absatzmärkte für industrielle Produkte. Auf der Berliner Afrika-Konferenz (oder Kongo-Konferenz), die zur Jahreswende 1884/85 in Berlin stattfand, beschlossen die Vertreter von zwölf europäischen Staaten, der USA und des Osmanischen Reichs die Modalitäten für die Aufteilung Afrikas sowie den freien Zugang für den Handel und Missionstätigkeiten auf dem Kontinent. Obgleich sich die Aufteilung Afrikas unter den Kolonialmächten keineswegs allein auf die Berliner Afrika-Konferenz zurückführen lässt, gilt sie heute unter Afrikanern als Menetekel für die Fremdbestimmung und Ausbeutung ihres Kontinents.

Kamerun wurde offiziell am 12. Juli 1884 zum deutschen "Schutzgebiet" erklärt, nachdem kurz zuvor einige Verträge mit den Herrschern am Kamerunfluss unterzeichnet worden waren.[1] Die rund dreißigjährige koloniale Fremdherrschaft des deutschen Kaiserreichs endete während des Ersten Weltkrieges im Jahre 1916. Obwohl in der Forschung die Tendenz besteht, die deutsche Kolonialherrschaft in Kamerun im Vergleich zu der französisch-englischen in ihren Folgen zu unterschätzen,[2] ist nicht zu übersehen, dass auch dieses "Kolonialabenteuer" Spuren im Land hinterlassen hat, die heute aufgearbeitet werden müssen. Hier wird danach gefragt, wer die Akteure waren und über welche Medien sich die Erinnerungsarbeit vermittelt. Das Augenmerk wird dabei zum einen auf die deutsche Kolonialarchitektur und zum anderen auf die geteilte deutsch-kamerunische Geschichte als Erinnerungstopos in der Literatur gerichtet.

Geschichtsbewusstsein und Medien des kollektiven Gedächtnisses

Das Konzept des kollektiven Gedächtnisses geht auf den französischen Soziologen Maurice Halbwachs zurück, der die Erinnerung als kollektives Phänomen im Gegensatz zu den bis dahin vertretenen Ansätzen von Henri Bergson und Sigmund Freud definiert. Für Letztere gilt die Erinnerung als rein individueller, psychologischer Prozess. Dagegen argumentiert Halbwachs, dass der Mensch sich stets in einem sozialen Rahmen erinnert und Gruppen wie Freundeskreise, Familien und Arbeitskollegen unsere Erinnerungen mitprägen.[3] Die Erinnerung beziehungsweise das Gedächtnis tragen demnach zu einer kollektiven Erfahrung von Erlebnissen, zum Zusammengehörigkeitsgefühl einer Gemeinschaft bei. Doch die Gesamtheit dessen, was die Mitglieder einer Gemeinschaft erlebt haben beziehungsweise erleben, kann nicht auf einmal erinnert werden. Situativ werden aus dem Speicher Elemente hervorgeholt und je nach Kontext verwertet, während andere außer Acht gelassen und zeitweise vergessen werden. Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann unterscheidet daher zwischen "Speicher-" und "Funktionsgedächtnis"[4] und erweitert so das Konzept von Halbwachs. Ihr Modell formuliert jedoch keine binäre Opposition, sondern nimmt eine gegenseitige Ergänzung zwischen ausgewählten, aktualisierten und nichtaktualisierten, amorphen Elementen an.

Die Funktionalisierung des Gedächtnisses formt neben vielem anderen auch das Geschichtsbewusstsein einer Gemeinschaft, das aber kein "bloßes Wissen oder reines Interesse an der Geschichte (…), [sondern zugleich] Vergangenheitsdeutung, Gegenwartsverständnis und Zukunftsperspektive" ist.[5] An der Auslegung und Deutung der Vergangenheit sind verschiedene Akteure und institutionelle und informelle Bildungseinrichtungen beteiligt. Die Medien spielen bei der Konstituierung und Aktivierung des Gedächtnisses eine entscheidende Rolle. "Die Konstruktion und Zirkulation von Wissen und Versionen einer gemeinsamen Vergangenheit in sozialen und kulturellen Kontexten (Kultur als Gedächtnisphänomen/collective memory) werden überhaupt erst durch Medien ermöglicht."[6] Dabei kommen Printmedien (Literaturen), audiovisuelle Medien (Film), das Internet, der schulische Geschichtsunterricht, orale Traditionen bis hin zu Denkmälern, Grabsteinen oder ritualisierten Erinnerungsfeiern zum Tragen.

Deutsche Kolonialherrschaft im Spiegel der Architektur

Betrachtet werden im Folgenden Bauwerke aus der deutschen Kolonialzeit, die heute noch ihre Bedeutung im kollektiven Gedächtnis der Kameruner haben, darunter das Schloss des Kolonialgouverneurs von Kamerun, Jesko von Puttkamer, in Buea, der Sitz der deutschen Seemannsmission in Douala, die deutschen Friedhöfe, der Leuchtturm in Kribi oder die Brücke über den Sanaga-Fluss in Edea. Dabei wird der Fokus nicht nur auf die Bauwerke und Monumente selbst, sondern auch auf die sich damit verbindenden Erinnerungsnarrative gerichtet – und zwar aus kamerunischer wie deutscher Perspektive.[7]

Das Schloss von Jesko von Puttkamer wurde am Fuß des Kamerunbergs in Buea erbaut. Bis zur Verlegung der Hauptstadt der Kolonie nach Yaoundé im Jahr 1909 fungierte es als Wohnhaus der deutschen Gouverneure. Die Geschichte des Schlosses ist insofern aufschlussreich, als es die Beziehungen zwischen Kamerun und Deutschland sogar in der nachkolonialen Zeit prägte und Eingang in die Literatur-[8] und Filmgeschichte[9] gefunden hat. Jesko von Puttkamer, der sein Amt von allen deutschen Gouverneuren am längsten ausübte – von 1895 bis 1907 –, ließ das Schloss um 1901 errichten. Nach Ansicht einiger Historiker wollte er sich gegenüber den immer lauter werdenden Protesten der Duala wegen der schlechten Behandlung der Bevölkerung durch die Kolonialherren abgrenzen. Außerdem hatte sich King Bell, Manga Douala, kurz zuvor in Douala ein repräsentatives Gebäude – die Pagode – errichten lassen. Der Gouverneur, Vertreter eines kolonialen Herrenmenschentums, wollte dies nicht hinnehmen und hatte deshalb den Bau eines noch größeren und prächtigeren Schlosses veranlasst.[10] Später, nach dem Ende der deutschen Kolonialherrschaft in Kamerun, soll die deutsche Bundesregierung versucht haben, das Gebäude weiter in ihrem Besitz zu halten.[11]

Etwas anders gelagert ist der Fall des Seemannsheims in Douala. Die Idee für den Bau von Seemannsheimen stammte aus Großbritannien und wurde 1848 vom Pastor der Evangelischen Mission in Deutschland, Johann Heinrich Wichern, aufgegriffen. Seemannsheime boten deutschen und ausländischen Seeleuten Unterstützung gegen die Allmacht der Reeder wie auch Gemeinschaft in der Fremde. Schon 1854 wurde das erste Seemannsheim durch das Handelshaus Friedrich M. Vitor in Bremen eingeweiht. Seemannsmissionen in Kiel und Bremerhaven folgten, und am 15. Juni 1891 wurde die Seemannsmission in Hamburg als Komitee für Deutsche Seemannsmission gegründet. Die deutsche Seemannsmission in Douala weihte 1966 Bundespräsident Heinrich Lübke ein. Die Baukosten trug das deutsche Auswärtige Amt.

Dass auch in Douala eine Seemannsmission gegründet wurde, ist an sich nichts Ungewöhnliches. Doch die Tatsache der Eröffnung so kurz nach der Unabhängigkeitserklärung Kameruns lässt darauf schließen, dass die deutsche Bundesregierung so schnell wie möglich in der ehemaligen deutschen Kolonie Fuß fassen wollte. Auch die Wahl des Grundstücks war kein Zufall. Der Gebäudekomplex wurde an dem Ort errichtet, an dem auch die erste deutsche Kolonialregierung und die Mission 1884/85 in Douala gebaut hatten. Ein Schild im Hof des Heims informiert darüber, dass es sich bei dem Gelände um einen Erinnerungsort der deutschen Kolonialherrschaft handelt. So stellt das Seemannsheim, das heute auch vom Goethe-Institut genutzt wird und als Wohnraum für (wohl meist deutsche) Touristen in Kamerun dient, eine enge Verbindung zu der deutschen Kolonialzeit her, wenn nicht in seiner Architektur, so doch in der Geschichte seiner Topografie.

Ein weiterer Erinnerungsort deutsch-kamerunischer Geschichte ist die Sanaga-Brücke in Edea, die 1911 fertiggestellt wurde. Als 2011 das 50-jährige Jubiläum des Goethe-Instituts in Kamerun – nach Angabe der Organisatoren "im Zeichen der Reflexion des Brückenschlags zwischen den Kulturen Kameruns und Deutschlands"[12] – bevorstand, wurde die imposante Eisenbahnbrücke als materieller Bezugspunkt eines konzeptuellen Dialogs zwischen Deutschland und Kamerun umgedeutet. Offenbar schrieb man der Brücke eine große Symbolkraft zu, wenngleich sie 220 Kilometer vom Sitz des Goethe-Instituts entfernt liegt. Zur Einweihungsfeier erschienen denn auch Vertreter aller deutschen Organisationen im Land. "Was bedeuten 50 Jahre Austausch und Kulturdialog angesichts der durch den Kolonialismus geprägten Geschichte für die älteren und jüngeren Generationen beider Länder? Inwieweit kann die ‚Brücke‘ als Symbol des Dialogs stehen?", so die Frage der Organisatoren des Projekts "Kulturbrücke".[13] Man wies dem Symbol einer vergangenen, mit vielen Leiden und Träumen verbundenen Realität angesichts der neuen Herausforderungen der Gegenwart und einer gemeinsamen Zukunft neue Bedeutung zu: "Unter der Schirmherrschaft Seiner Exzellenz des Premierministers und in Zusammenarbeit des Goethe-Instituts Kamerun mit dem Kulturministerium, dem Ministerium Travaux Publics [öffentliches Bauwesen], der Deutschen Botschaft in Yaoundé, der Stadtverwaltung von Edea, dem Zentrum für zeitgenössische Kunst Doual’art sowie der Deutschen Kooperation (GIZ, KfW) wird die alte Eisenbahnbrücke von Edea im Jubiläumsjahr zum Gegenstand einer künstlerischen Intervention im öffentlichen Raum. Mittels der ästhetischen Aktion sollen Geschichte und Erinnerung sichtbar (re)konstruiert und zum Dialog zwischen den Kulturen angeregt werden."[14]

Die Brücke, obgleich ein Bau der Kolonialarchitektur, wird unter Kamerunern auch als Ausdruck des technischen Knowhows der Deutschen bewundert. Vom Goethe-Institut in ein neues Erinnerungsnarrativ eingeschrieben, erhält die Brücke in Edea nun ihre neue Bedeutung als deutsch-kamerunisches Freundschaftssymbol. Die Opfer, die der Bau der Brücke damals forderte, treten in den Hintergrund zugunsten eines interkulturellen Dialogs. In diesem Sinne wurden an der Brücke acht auf Säulen stehende Figuren errichtet. Sie stammen von dem renommierten Kameruner Künstler Pascale Marthine Tayou. Die Kombination von historischem Bauwerk und künstlerischer Arbeit interpretierten die Organisatoren des Projekts "Kulturbrücke" folgendermaßen: "Diese künstlerischen Aktivitäten sollen weitere kreative Dialogformen und ‚Brücken‘ schaffen zwischen den vielfältigen und reichen Kulturen des Landes und ihrem jeweiligen Kulturerbe, zwischen den Sprachen und Literaturen Kameruns und Deutschlands, zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunftsentwurf."[15] Nach ihren Hüten und Jacken zu schließen, scheinen einige der Figuren die ehemaligen Kolonialherren zu symbolisieren. Die anderen Figuren stellen mit ihren bunten Kleidern wohl die heute lebende jüngere Generation dar. Ins Auge fällt aber, dass diese Figuren nicht in dieselbe Richtung blicken und nicht auf Säulen gleicher Höhe stehen. Haben die hier Dargestellten, so mag sich der Betrachter fragen, eine gemeinsame Zukunft und dasselbe Ziel im Blick?

Ein – auf deutscher Seite – nach wie vor relevanter Aspekt postkolonialer Erinnerungskultur ist das, was man die "Ahnenforschung" nennen könnte. Sie will die Spuren jener Deutschen erkunden, die während der "Erschließung" Kameruns ihr Leben gelassen haben. Es waren Soldaten oder Zivilisten, die im Dienste der "Schutztruppe" oder der Kolonialverwaltung standen. Mit der Spurensuche verbunden ist die Restaurierung von deutschen Friedhöfen. Im November 2012 veröffentlichte die deutsche Botschaft in Kamerun eine Liste von insgesamt 254 gefallenen Deutschen, deren Gräber sich im Land befinden.[16] Die Initiatoren dieses weltweiten Projekts sprechen von "Gefallenendenkmälern" und suchen nach Wegen, ihrer in (Kolonial-)Kriegen umgekommenen Vorfahren zu gedenken. Wie es der Website des Projekts zu entnehmen ist, distanziert man sich "entschieden von jeder Form der Heldenverehrung und/oder Kriegsverherrlichung".[17] Kritisch anmerken ließe sich allerdings, dass die in der Kolonialzeit getöteten Kameruner bisher nicht mit in diese Gedenkkultur einbezogen wurden.

Wie sieht es mit der Erinnerungskultur aufseiten der Kameruner aus? Mit dem Leuchtturm in Kribi – 1906 zu einer Zeit errichtet, als sich die Stadt zum Hauptausfuhrhafen von Kautschuk und Elfenbein entwickelte – ist heute für die Batanga (Banaho, Bapuku, Nyassa) die Geschichte der "Deportation" verbunden. Involviert waren vor allem die Banoho und die Bapuku, die im Ersten Weltkrieg durch die deutschen Truppen viele Opfer zu beklagen hatten. Kurz zuvor hatten die Spannungen zwischen deutscher Kolonialmacht und verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Kamerun ihren Höhepunkt erreicht. Einige lokale Herrscher wurden in der Folge von den Deutschen verhaftet und bei Ausbruch des Krieges hingerichtet.[18] Die Deutschen glaubten, einen Zweifrontenkrieg führen zu müssen, zum einen gegen die Alliierten und zum anderen gegen die einheimische Bevölkerung, weil die Deutschen Rache und Verrat befürchteten. Es heißt, die Alliierten hätten Teile der Bevölkerung am Leuchtturm versammelt, von wo aus sie nach Buea verschifft werden sollten. Dabei starben viele Banoho und Bapuku durch Ertrinken. Die nach Buea Verschleppten mussten unter elenden Bedingungen bis zum Ende des Krieges auf Plantagen arbeiten, was sie als Sklavenarbeit empfanden. So verbinden sich mit dem Leuchtturm im kollektiven Gedächtnis der Kameruner Exil, Deportation, Trauer und Tod. Die Mayi- und die February-Feiern, die jährlich am 9. Mai und am 14. Februar abgehalten werden, gehören zu den zentralen postkolonialen Gedenkfeiern bei den Batanga. Sie haben die Funktion, die dunkle Seite ihrer Geschichte zu erinnern und sie an die junge Generation zu übermitteln.[19]

Literarischer Erinnerungstopos

Die deutsch-kamerunische Erinnerungskultur wird jedoch nicht nur von den topografischen Orten geformt, auch mentale Orte, die eher fiktional oder diskursiv sind, nehmen Einfluss, konkret: die Literatur und Rückgabeforderungen von Kunst- und Kulturgütern.

In der nachkolonialen Zeit entwickelte sich die Literatur zu einem wichtigen Bestandteil der Erinnerung an die "geteilte" Geschichte Kameruns und Deutschlands. Im Folgenden soll besonders auf die Figurenkonstellation als Ankerpunkt der Erinnerungsarbeit in der kamerunischen postkolonialen Literatur eingegangen werden. Für die Literaturwissenschaftler Matías Martínez und Michael Scheffel sind die Figuren Bewohner einer fiktiven Welt, die Autoren in ihren fiktionalen Erzählungen kreieren. Diese Figuren sind von Personen der realen Welt zu unterscheiden, ähneln ihnen aber zugleich, da auch sie Herkunft, Merkmale, sozialen Stand, Geschlecht und dergleichen besitzen. Diese Eigenschaften haben einen tief greifenden Einfluss auf die Handlung in den Werken.[20] Und obwohl es sich bei literarischen Werken um Fiktion handelt, weisen die darin auftretenden Figuren gelegentlich Übereinstimmungen mit historischen Persönlichkeiten auf, nicht nur bei historischen Werken wie Geschichtsromanen oder -dramen. Daher ist die Verarbeitung deutsch-kamerunischer Geschichte durch kamerunische Schriftsteller besonders aufschlussreich. Die nähere Untersuchung dieser Werke zeigt, wie die literarisch-historiografische Konstruktion deutsch-kamerunischer Erinnerung zwischen Konkurrenz, Subversion und Antagonismus pendelt, als Wille einer réécriture der Kolonialgeschichte aus der Perspektive der Besiegten.

Viele der literarischen Figuren sind samt Namen und Eigenschaften der Geschichte entnommen, anderen werden fiktive Namen gegeben, aufgrund ihrer Rolle jedoch bleiben sie erkennbar. Dies gilt zum Beispiel für den Kolonialoffizier Hans Dominik in dem Roman "Der weiße Zauberer von Zangali" von René Philombe, einem bekannten Kameruner Schriftsteller. Dieser erscheint dort als "Mayor Dzomnigi". Dominik war seinerzeit berüchtigt für seine brutalen "Befriedungsfeldzüge", und bis heute assoziieren viele Kameruner mit dessen brutalem Regime eine Epoche reiner Terrorherrschaft. Philombe schreibt, dass "Major Dzomnigi" ein Mann war, "dessen Name allein schon Alpträume auslöst".[21] Einige Figuren und Fakten erfahren aber auch eine Umformung und sind deshalb nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen. Der Priester Heinrich Vieter zum Beispiel tritt in dem Roman von Philombe als Pater Marius auf und wird sogar als zentraler Träger der Handlung vorgestellt, die sich, nach Angaben des auktorialen Erzählers, 1915 abspielt. Vieter, der 1890 in Kamerun an der Spitze der Pallottiner Mission trat und im Roman zum "weißen Zauberer von Zangali" gemacht wird, starb allerdings schon 1914 kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Eine ähnliche Abwandlung erfährt in dem Roman der alte Ombala Nga Dugsa, der eine Prügelstrafe von 25 Stockschlägen erleiden muss,[22] ausgeführt von "Mayor Dzomnigi". Bei dem Opfer handelt es sich um den "Häuptling" Tsonu (oder auch Tsonum),[23] der 1889/90 den Deutschen unter der Führung von Hans Tappenbeck[24] Land für den Bau der Jaunde-Station anbot, wo Major Hans Dominik ab 1894 als Stationsleiter residierte.[25]

In den Theaterstücken "Ach Kamerun! Unsere alte deutsche Kolonie" von Alexandre Kum’a Ndumbe III. von 1970 und "Ngum a Jemea ou la foi inébranlable de Rudolf Dualla Manga Bell" von David Mbanga Eyombwan aus dem Jahr 2007 sind alle Charaktere der deutsch-kamerunischen Geschichte entnommen. Auf kamerunischer Seite sind dies historische Persönlichkeiten, die den Deutsch-Duala-Vertrag von 1884 verhandelten und unterschrieben, wie King Bell und King Akwa, aber auch Figuren, die später der deutschen Kolonialmacht die Stirn boten und heute im Land als Identifikationsfiguren gefeiert werden, allen voran Dualla Manga Bell, Ngoso Din und Madola. Auf deutscher Seite finden sich Charaktere, die Kamerun eroberten und den deutschen Handel mit Feuer und Schwert erschließen wollten und nun als Täter literarisch verarbeitet werden. Kameruner und Deutsche werden zunächst in einer klaren Opfer-Täter-Dichotomie zueinander in Beziehung gesetzt, um die Realitäten der deutschen Kolonialherrschaft zum Ausdruck zu bringen, dann aber werden die Grenzen zwischen beiden Seiten mehrfach durchlässig, und Deutsche treten als Befürworter der Kolonisierten und Kolonisierte als Kollaborateure der Kolonialmacht auf.

Eine weitere Erblast der deutschen Kolonisation sind die entwendeten Kunst- und Kulturgüter aus Kamerun, die heute Gegenstand juristischer und politischer Rückgabeforderungen sind. Die bekanntesten Fälle sind der Tangué von Lock Priso aus Douala und der Thron des König Njoya aus Foumban, die sich in deutschen Museen befinden. Alexandre Kum’a Ndumbe III., Enkel von Lock Priso, fordert den Tangué, den er als koloniales Raubgut betrachtet, seit Jahren von Deutschland beziehungsweise vom Bundesland Bayern zurück, bisher ohne Erfolg. Derweil moniert er, dass die Deutschen zwar ein Gebäckstück Namens "Kameruner" kennen, aber nur wenige um die koloniale Vergangenheit der Deutschen in diesem Lande wissen.

Schluss

Die deutsch-kamerunische Geschichte, die vor 140 Jahren begann, hat Brüche erfahren. Den Anfang markiert eine Kolonialgeschichte, der der Erste Weltkrieg ein Ende setzte, die aber in der Erinnerungskultur fortlebt und auf unterschiedliche Weise wachgehalten und kritisch reflektiert wird. Dazu gehören Aneignungs- wie Umdeutungsversuche auf beiden Seiten. Auf kamerunischer Seite stellt sich die Erinnerungsarbeit manchmal überaus ambivalent dar. So stoßen etwa einige Kolonialbauten aus der deutschen Kolonialzeit auf Bewunderung,[26] andererseits werden sie als Zeichen eines vergangenen Unrechtssystems rezipiert, unter dem die Kolonisierten leiden mussten. Deutsche Architektur und andere Erinnerungsorte symbolisieren Modernisierung, aber auch Zwangsarbeit, Unterdrückung, Deportation, Tod und Grausamkeit der Kolonialherren. Diese Ambiguität bleibt auch in den literarischen Werken Kameruner Autoren, die die deutsche Kolonialvergangenheit zum Thema machen, erkennbar. Aber das deutsch-kamerunische Gedächtnis steht heute auch im Zentrum gemeinsamer Projekte, die durch Feldforschungen und Wiederentdeckung historischer Materialien und topografischer Orte die geteilte Geschichte in bestimmten Regionen in beiden Ländern aufarbeiten.[27]

Dieser Text erschien erstmals in: Marianne Bechhaus-Gerst/Joachim Zeller (Hrsg.), Deutschland postkolonial? Die Gegenwart der imperialen Vergangenheit, Berlin 2018.
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Fußnoten

1.
Schon vor der Berliner Konferenz waren deutsche Händler seit etwa 1860 am Kamerun-Fluss ansässig. Damals existierte Kamerun aber noch nicht als Kolonie, die Einflusssphäre beschränkte sich hauptsächlich auf einige Douala-Dörfer an der Küste. Erst mit Unterzeichnung der Deutsch-Douala-Verträge 1884 begann das Deutsche Reich, das Hinterland zu erforschen, zu erschließen und zu erobern. Vgl. Florian Hoffmann, Okkupation und Militärverwaltung in Kamerun. Etablierung und Institutionalisierung des kolonialen Gewaltmonopols 1891–1914, Bd. 1, Göttingen 2007.
2.
Siehe z.B. Anna-Maria Brandstetter, Kolonialismus. Wider die vereinfachenden Dichotomien, in: Albert Wirz/Jan-Georg Deutsch (Hrsg.), Geschichte in Afrika. Einführung in Probleme und Debatten, Berlin 1997, S. 75–105.
3.
Maurice Halbwachs, La Mémoire collective, Paris 1950, S. 31.
4.
Aleida Assmann, Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses, München 1999, S. 133–136.
5.
Karl-Ernst Jeismann, Geschichtsbewusstsein, in: Klaus Bergmann/Werner Boldt (Hrsg.), Handbuch der Geschichtsdidaktik, Seelze-Velber 19924, S. 40–43, hier S. 40.
6.
Astrid Erll, Literatur als Medium des kollektiven Gedächtnisses, in: dies./Ansgar Nünning (Hrsg.), Gedächtniskonzepte der Literaturwissenschaft. Theoretische Grundlegung und Anwendungsperspektiven, Berlin–New York 2003, S. 249–276, hier S. 251.
7.
Siehe auch Marc Pabois, Architecture au Cameroun sous le protectorat allemand (1884–1916), in: Institut national du patrimoine (Hrsg.), Architecture coloniale et patrimoine: Expérience européennes, Paris 2006, S. 112–121; Michael Hofmann, Deutsche Kolonialarchitektur und Siedlungen in Afrika, Petersberg 2013.
8.
Siehe z.B. den Roman "Cette Afrique-là!" (1963) von Jean Ikelle-Matibas ("Adler und Lilie in Afrika. Lebensbericht eines Afrikaners").
9.
Vgl. Pascale Obolo (Interview), Occupy Schloss von Puttkamer/Decolonize Architecture Now, in: AfricAvenir International e.V., No Humboldt 21! Dekoloniale Einwände gegen das Humboldt-Forum, Berlin 2017, S. 176–186.
10.
Vgl. Valère Epee in einem Interview mit den Schüler/innen des Lycée Français Dominique Savio Douala, Mai 2014, http://pedagogie.lyceesaviodouala.org/histoire-geographie/app_grande-guerre/pages/page_7c.htm«.
11.
So die Auskunft von Manfred Kühle, Hafenpastor und Direktor des Seemannsheims in Douala, in einem Interview mit den Autoren am 10.10.2012.
12.
Das Projekt "Kulturbrücke – Die Spaziergänger von Edea", o.D., http://www.goethe.de/resources/files/pdf12/pk8651220.pdf«.
13.
Ebd.
14.
Ebd.
15.
Ebd.
16.
Für Douala siehe http://www.denkmalprojekt.org/2012/douala_region-littoral_republik_kamerun.html«.
17.
Onlineprojekt Gefallenendenkmäler, Willkommen, o.D., http://www.denkmalprojekt.org«.
18.
In Douala sind am 8.8.1914 Rudolf Dualla, Manga Bell und Ngosso Din erhängt worden, während Martin Paul Samba in Ebolowa erschossen wurde. Am gleichen Tag sind in Kribi die beiden Könige der Batanga, Wilhelm Madola und Endande Mbita, zum Tode verurteilt und erhängt worden. Siehe u.a. Christian Bommarius, Der gute Deutsche. Die Ermordung Manga Bells in Kamerun 1914, Berlin 2015; Jean-Pierre Félix Eyoum/Stefanie Michels/Joachim Zeller (Hrsg.), Duala und Deutschland – verflochtene Geschichte. Die Familie Manga Bell und koloniale Beutekunst: Der Tangué der Bele Bele/Douala et l’Allemagne: une histoire croisée. La famille Manga Bell et l’œuvre d’art colonial pillé: Le "Tangué" des Bele Bele, Köln 2011; Stefanie Michels/Joachim Zeller, "Ihr werdet Kamerun niemals haben!" – Mebenga m’Ebono alias Martin Paul Samba, 2012, http://www.berlin-postkolonial.de/cms/index.php/personen2/19-orte/spandau/33-kladow-martin-paul-samba«.
19.
Vgl. Mayi. Magazine Traditionnel Batanga, 2011.
20.
Vgl. Matías Martínez/Michael Scheffel, Einführung in die Erzähltheorie, München 20129, S. 144; Christoph Bode, Der Roman. Eine Einführung, Tübingen–Basel 20112, S. 132.
21.
René Philombe, Un Sorcier blanc à Zangali, Yaoundé 1969, S. 13. Siehe auch ders., Ach, diese Deutschen!, in: Ilija Trojanow/Peter Ripken (Hrsg.), Afrikanissimo. Ein heiter-sinnliches Lesebuch, München–Zürich 19972, S. 181–187; Albert Gouaffo, Major Dominik comme lieu de mémoire interculturelle au Cameroun wihelminien: analyse interdiscursive d’un personnage historique, in: Questions de Communication, série actes 6/2008, S. 195–207; ders., Se guérir de la violence coloniale? Jean Ikelle-Matiba et Réné Philombe face aux colonialismes français et allemand, in: Isaac Bazié/Hans-Jürgen Lüsebrink (Hrsg.), Violences postcoloniales. Perceptions médiatiques, représentations littéraires, actes du colloque du 17–18 juin 2005 à Saarbrücken, Münster 2011, S. 49–63.
22.
Philombe 1969 (Anm. 21), S. 11.
23.
Vgl. Richard Tsogang Fossi, Les relations entre l’Europe et l’Afrique en zone de contact tri-national: Allemands, Français et Anglais dans la mémoire littéraire camerounaise postcoloniale, Doktorarbeit, Université de Dschang 2013, S. 91.
24.
Vgl. Hoffmann (Anm. 1), S. 55ff.
25.
Vgl. Hans Dominik, Kamerun. Sechs Kriegs- und Friedensjahre in deutschen Tropen, Berlin 1901, S. 64, S. 146f.
26.
Vgl. Albert Gouaffo, Interkulturalität der kolonialen Kultur: Zur Fiktionalisierung der deutschen kolonialen Vergangenheit in der kamerunischen Gegenwartsliteratur, in: Deutsch als Fremdsprache. Zeitschrift zur Theorie und Praxis des Deutschunterrichts für Ausländer 1/2005, S. 33–41.
27.
Dies gilt etwa für das Projekt "(Post-)koloniale Erinnerungsorte im Rheinland und im Grasland Kameruns – ein transregionales Forschungsprojekt. Das Kameruner Grasland und die deutsche Kolonialzeit" an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Siehe http://www.deutschland-postkolonial.de«.