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Warschau-Budapest 1956


20.4.2006
In Polen und Ungarn kam es im Herbst 1956 zu bedeutenden Veränderungen. Im "sowjetischen Lager" unterstützte nur Polen die revolutionäre Regierung von Imre Nagy.

Einleitung



Die Massendemonstration in Budapest am 23. Oktober 1956, die am Anfang der revolutionären Ereignisse in Ungarn stand, begann als Solidaritätskundgebung für den so genannten "polnischen Oktober". Dieser Sachverhalt wird zum einen durch einen der Hauptorte des Geschehens symbolisiert, den Platz vor der Statue des polnisch-ungarischen Helden General Józef Bem, zum anderen durch die Parole "Polen ist das Vorbild, lasst uns zugleich den ungarischen Weg beschreiten!"[1]



Zur Verknüpfung der Ereignisse in den beiden Ländern kam es am 24. Oktober in Warschau auf einer Massenversammlung, die den Höhepunkt der Veränderungen in Polen markierte.[2] So erschienen am Kundgebungsort einige Studentengruppen, die von den Budapester Demonstrationen am Vortag Kenntnis erhalten hatten, mit ungarischen Fahnen, was im Kreise der Versammlungsteilnehmer großen Beifall auslöste.[3] Außerdem zogen gegen Ende der Demonstration mehr als zweitausend Menschen, denen sich weitere tausend Personen anschlossen, vor "die ungarische Botschaft, um ihre Solidarität mit der ungarischen Nation zum Ausdruck zu bringen". Eine der demonstrierenden Gruppen hielt schließlich in der Warschauer Innenstadt "eine kurze Versammlung unter der Parole Warschau-Budapest-Belgrad" ab.[4]

Es gab in jenem Herbst jedoch noch einen dritten Ort, an dem die polnischen und ungarischen Ereignisse ganz oben auf der Tagesordnung standen: Moskau. Die Vertreter der kommunistischen "Bruderparteien" waren für den 24. Oktober 1956 in die sowjetische Hauptstadt geladen worden, um von Nikita Chruschtschow über die sowjetisch-polnischen Verhandlungen, die einige Tage zuvor in Warschau stattgefunden hatten, informiert zu werden. Chruschtschow hatte kurz zuvor nur zögerlich dem Einsatz sowjetischer Truppen in Budapest am 23./24. Oktober zugestimmt, weil er eine mögliche bewaffnete Intervention der Sowjetunion in Polen zu diesem Zeitpunkt noch nicht ausgeschlossen hatte. Bei der Sitzung ging es nun nicht mehr nur um die Situation in Polen, sondern auch um die explosive Lage in Ungarn.

Dem "polnischen Umsturz", der trotz der immanenten Gefahr einer gewaltsamen Eskalation ein friedliches Ende fand, folgte rasch die Zuspitzung der Ereignisse in Ungarn. Die Studenten in Budapest forderten demokratische Freiheiten. Die Demonstrationen weiteten sich zum Volksaufstand aus, und Armee und Polizei liefen zu den Aufständischen über. Sowjetische Truppen besetzten noch in der Nacht strategisch wichtige Punkte in Budapest und in anderen Städten. Der populäre Reformkommunist Imre Nagy bildete eine neue Regierung, führte das Mehrparteiensystem ein und kündigte freie Wahlen an. Am 1. November 1956 trat Ungarn aus dem Warschauer Pakt aus und erklärte seine Neutralität. In blutigen Kämpfen schlugen sowjetische Truppen die Revolution ab dem 4. November nieder.

Gerade die ungarische Revolution, die aus Sicht der Sowjetunion nur militärisch beendet werden konnte und in deren Folge rund 200 000 Ungarn in den Westen flüchteten, führte Chruschtschow auf drastische Weise vor Augen, vor welchen Folgen die Sowjetunion durch die politische Lösung der Krise in Polen bewahrt worden war. Zugleich ist es im Lichte der Geschichte des "polnischen Oktobers", der ebenfalls als "revolutionär" bezeichnet wurde, kein Wunder, dass die Ereignisse in Polen und Ungarn miteinander verknüpft waren.

Aus dem Ungarischen übersetzt von Andreas Schmidt-Schweizer, Budapest.



Fußnoten

1.
Die Parole verdeutlichte, dass die Ungarn nicht blind das Vorbild anderer Länder kopieren wollten, sondern der Meinung waren, dass jede Nation ihren eigenen Weg einschlagen sollte. Der polnische General Bem, Beteiligter am polnischen Freiheitskampf 1830/1831, führte während der bürgerlich-nationalen Revolution 1848/1849 die ungarischen Truppen in Siebenbürgen gegen Österreicher und Russen.
2.
Vom 19. bis zum 21. Oktober 1956 fand in Warschau das 8. Plenum des ZK der PVAP statt. Dort kam es zu wichtigen Ereignissen: Im Schatten einer drohenden militärischen Intervention der Sowjetunion wurde eine neue Führung mit Wladyslaw Gomulka als Erstem Sekretär des ZK gewählt. Chruschtschow hielt diesen Schritt, der nicht mit der Sowjetunion abgestimmt worden war, für einen antisowjetischen Putsch. Er versuchte daraufhin, die Entscheidung rückgängig zu machen, musste ihr schließlich aber zustimmen. Die überwiegende Mehrheit der polnischen Gesellschaft hatte sich nämlich - gerade aufgrund der Drohungen des Kremls - hinter Gomulka gestellt. Dieser verkündete bedeutende Veränderungen und beendete diestalinistischen Methoden der kommunistischen Machtausübung in Polen.
3.
Oral History Archiv des 1956er Instituts (im Folgenden OHA), Interview Nr. 572 mit Emanuel Planer, damals Leiter der Informationsabteilung des Polnischen Radios, durchgeführt von János Tischler, 1993.
4.
Eine Auswahl von polnischen Dokumenten zur ungarischen Revolution von 1956, die der Verfasser erschlossen hat, wurde 1995 in polnischer und 1996 in ungarischer Sprache veröffentlicht. Die Quellen stammen in erster Linie aus dem Archiv der PVAP, aus den Archiven des Außen- und Innenministeriums sowie aus dem Zentralen Militärarchiv. In diesem Aufsatz stütze ich mich auf die ungarische Ausgabe des Dokumentenbandes: János Tischler (Hrsg.), Az 1956-os magyar forradalom lengyel dokumentumai [Polnische Dokumente der ungarischen Revolution von 1956], Budapest 1996. Alle folgenden Zitate und Bezugnahmen, die nicht anders gekennzeichnet sind, stammen aus diesem Band.