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10.3.2006 | Von:
Dmitri Stachow

"Kalaschnikow" und "Starke Katja"

Essay

Mit den neuen Freiheiten im heutigen Russland ist der zwischenmenschliche Umgang offenbar in einer Weise rau geworden, die der russischen Mentalität früher weitgehend fremd war.

Einleitung

Um das Alltagsleben tiefer und vollständiger nachempfinden zu können, ist es am besten, man misst es irgendwie aus. Dabei wird sofort klar, dass es dazu besonderer Messlatten und Kriterien bedarf. Manchmal sind das rein persönliche, individuelle, die für andere oft keine Bedeutung haben. So misst etwa der Protagonist eines Romans von Robert Penn Warren die Zeit mit Zigaretten: "Das war vor soundso viel Zigarettenpackungen ..." Und der russische Terrorist Bagrow, der Mörder des zaristischen Premiers Stolypin, gab auf den Vorschlag, ein Gnadengesuch zu schreiben, die Antwort: "Was soll ich mit dem Leben? Ich werde noch ein paar hundert Buletten essen!"






Das Alltagsleben bietet offenbar selbst die Gegenstände an, die für die verschiedensten Maßstäbe in Frage kommen. So kann man die Zeit, von gerauchten Zigaretten abgesehen, auch mit abgetragenen Hosen messen, wie der Schriftsteller Stephen Fry, oder mit gekauften oder verkauften Zeitungen und Zeitschriften, wie einer der russischen Oligarchen und Medienmagnaten. Schnapsgläschen jedoch - in Russland eher Gläser oder Flaschen! - mit Wodka passen hervorragend, um den Grad der seelischen Erschöpfung zu bestimmen oder um festzulegen, wie nahe man sich gegenseitig steht. So ist die Formel "Ich kenne ihn nicht, ich habe mit ihm nicht getrunken" genuin russisch, gehört es doch seit Jahrhunderten zur Tradition des russischen Alltags, dass man mit einem Menschen einen heben muss, um ihn besser kennen zu lernen. Jemand, der nicht trinkt, erweckt Misstrauen. Man erklärt sich das in erster Linie nicht damit, dass er einfach eine gesunde Lebensweise führt, sondern meint, dass mit seinem Charakter etwas nicht stimmt. "Was der Nüchterne im Kopf hat, hat der Betrunkene auf der Zunge", ist nicht umsonst ein typisch russisches Sprichwort. Die Fähigkeit, viel zu trinken, ohne dabei betrunken zu werden, wird im Alltag nicht mit der physiologischen Trinkfestigkeit in Verbindung gebracht (oder im Gegenteil mit dem zweiten Stadium des Alkoholismus), sondern mit positiven Charaktereigenschaften. Die Aussage "Er kann ein 'Glas' halten! Also ist er ein richtiger Mann!" ist ebenfalls eine sehr russische Formulierung.[1]

Das Besondere an solchen Messlatten für den Alltag ist, dass sie, auch wenn sie anfangs nur für Einzelne oder für relativ kleine Gruppen gelten, allmählich sehr populär werden, ja staatliche Dimensionen annehmen können. Zudem verändern sie sich mit der Zeit. So wird der Wohlstand, der seinerzeit beim Sowjetmenschen nicht zuletzt nach der Menge von Würsten bestimmt wurde, heute bei einem russischen Staatsbürger nach der Anzahl seiner Reisen in ausländische Kurorte oder aber der von DVDs mit Raubkopien bewertet, die er im Straßenverkauf erstanden hat und sich in seinem auf Ratenzahlung erstandenen Heimkino ansieht.

Die seinerzeit so begehrte Wurst hat inzwischen ihr für den Sowjetmenschen mystisches Wesen eingebüßt. Die Wursttheke in einem guten Supermarkt unterscheidet sich heute wenig von einer ebensolchen irgendwo in Deutschland. Hier werden die persönlichen Wohlstandskriterien mit der objektiven Realität konfrontiert - dem Vorhandensein oder dem Fehlen des Geldes, das man braucht, um die Würste zu kaufen. Reisen in ausländische Kurorte wurden zur Alltagserscheinung. Es ist sogar ein spezifischer, ein patriotischer Reflex zu verzeichnen: Es wurde schick, über Kurorte zu lästern, etwa über die in der Türkei. Man betonte, ein besserer Urlaub als in Sotschi oder auf der Krim sei nicht möglich. Wobei hier die objektive Realität in direkten Widerspruch zum persönlich wahrgenommenen Alltag gerät. Nach objektiven Merkmalen ist der Urlaub in ausländischen Kurorten materiell günstiger und mit weniger Unannehmlichkeiten verbunden, auch nicht mit der Gefahr von Mageninfektionen. Die subjektive Wahrnehmung des russischen Durchschnittsbürgers ist dagegen die, dass der überfüllte Strand bei Jalta, ein aus wer weiß welchen Tieren hergestelltes zähes Schaschlik und ein verdreckter Abort im Hof in ihm heimatliche Gefühle wecken, es ist praktisch wie zu Hause.

Aller Umschwünge des Alltagslebens ungeachtet ist der Wodka nach wie vor nicht nur eine wichtige Komponente geblieben, sondern auch ein Maßstab. Natürlich hat die Zeit - eben die objektive - ihre Korrekturen vorgenommen, aber sich das russische Alltagsleben ohne Wodka vorzustellen fällt zumindest schwer. Früher galt der Wodka nicht nur als Zeichen der Ehre, als Symbol des Glaubens, als Quelle des Glücks oder als Wurzel allen Übels. Häufig fungierte er auch als Geldersatz. Es bestand eine universale Einheit - die "Flasche". In "Flaschen" wurde die Arbeit der Menschen solch alltäglicher Berufe wie beispielsweise eines Schlossers oder eines Installateurs bemessen. Das heißt nicht, dass ein sowjetischer Automechaniker oder eine Hausfrau mit Wodkaflaschen bezahlt worden wäre. Es gab nur die spezifische Einschätzung, wieviel eine Arbeit wert war, von den billigsten (eine Drittel "Flasche", genauer: ein Rubel, 20 Kopeken), die es dem Empfänger ermöglichte, nach der Arbeit mit irgendwem eine reale Flasche "zu dritt" zu leeren; bis zu den teueren Arbeiten (eine ganze "Flasche" - genauer: drei Rubel, 62 Kopeken), die dem Empfänger den persönlichen Besitz einer realen Flasche einbrachten. Das Drittel war das gängigste Maß, das der Mentalität des Sowjetmenschen am meisten entsprach. Er war es gewohnt, nach der Arbeit in Gesellschaft zu trinken, irgendwo auf einem Spielplatz oder in einem Torweg, nicht bürgerlich zu Hause, in stolzer Einsamkeit.

Die Veränderungen in der Struktur des Alltagslebens und in der "Flaschen"-Skala wurden unumkehrbar. Mittlerweile kann man mit einem Autoschlosser nicht mehr mit einer "Flasche" abrechnen, schon am Vorabend des neuen Russlands gingen diese, die zu den gefragtesten Spezialisten gehören, zu harter Währung über. Sie ziehen US-Dollars vor. Auch die verbreitete Trunkenheit am Arbeitsplatz - wenn ein Arbeiter, um nicht an der Werkbank umzufallen, seinen Kittel in den Schraubstock spannte und praktisch an seinen halb eingeknickten Beinen hing - gehört der Vergangenheit an. Um es halb wissenschaftlich auszudrücken: Die radikalen strukturellen Veränderungen des Alltagslebens haben auch die Trinkgewohnheiten einschneidend verändert und ebenso die Konnotationen, die sich mit dem Wodka verbinden. Mittlerweile hört der Wodka auf, ein Glaubenssymbol zu sein, und es liegen keine Betrunkenen mehr in den Pfützen. Obwohl sie nicht weniger trinken - laut Statistik sogar mehr.

Anscheinend ist mit den neuen Freiheiten und den vielfältigen Möglichkeiten der zwischenmenschliche Umgang in Russland in einer Weise rau geworden, die der russischen Mentalität früher weitgehend fremd war. Der Wodka wie auch das dafür bezahlte Geld werden immer mehr zur Privatangelegenheit, zu etwas rein Individuellem. Man trinkt zu Hause und präsentiert sich in angetrunkenem Zustand nicht der Öffentlichkeit. Früher hat immer jemand einen Betrunkenen nach Haus gebracht. Heute hat er Glück, wenn man ihm nicht das letzte Geld wegnimmt. Positive wie negative Charaktereigenschaften werden meist nach anderen Kriterien bestimmt als denen des Wodkas. Der Wodka wird allmählich zu einem reinen Produkt, einer Ware. Aber verschwindet die Mythologie tatsächlich, und rückt an ihre Stelle die Prosa des freien Marktes? Sind diese Mythologien nicht vielmehr ewig, und bekommt die Prosa des freien Marktes nicht ebenfalls eine spezifische russische Färbung?

Ich besuchte einmal einen speziellen Ausstellungssaal des Allrussischen Konzerns Rosalko, wohin alle legalen Wodkaproduzenten ihre Proben schicken. (Der Untergrundwodka, der illegale "Selbstgebrannte", ist ein eigenes Thema, der mit solchen personellen Verlusten einhergeht, dass man am besten den Vergleich mit den Verlusten der UdSSR in Afghanistan heranzieht. Dort kamen in zehn Jahren etwas mehr als 15 000 Soldaten und Offiziere ums Leben. An selbstgebranntem Wodka sterben jährlich ungefähr 30 000 Menschen.) Auf dieser Ausstellung reichten die Bezeichnungen von einfachem "Russischem Wodka" bis zu verspielten wie "Wollen wir uns einen antrinken?" und bestätigten die These von der Reichhaltigkeit und Sprachgewalt des Russischen. Der Wodka "Casanovas Geheimnis", mit der Ginsengwurzel angesetzt, der dem Trinkenden angeblich erhöhte Manneskraft garantiert, stand neben dem "Dreikönigswodka", einer Flasche mit orthodoxen Kreuzen, zur Anwendung während der starken Fröste empfohlen. Der "Ehrliche" (ist das nicht eine Analogie zu den "Wahrheitsdrogen", die die Mitarbeiter von Sicherheitsdiensten einsetzen?) stand neben dem "Zoll". Dann gab es noch den "Aufgeklärten" (offenbar für die unermüdlich nach Erkenntnis Strebenden) und sogar den "Russischsprachigen" (wohl eher für jene, die sich ins moderne russische Alltagsleben integrieren oder ernsthaft die russische Sprache in all ihrer Vielfalt erforschen wollen).

Aber das Wichtigste kommt noch. So war der Wodka "Red Army" in Flaschen in Form einer Artilleriegranate abgefüllt, das Etikett zeigt aus irgendeinem Grunde einen tapferen Kosaken. Daneben stand eine echte Waffenkiste mit Nummern und speziellen Kennzeichnungen. In der Kiste befand sich eine Glasflasche der Marke "Kalaschnikow" in der Größe einer Kalaschnikow, originalgetreu mit allen Details. Die Ausstellung beschloss das Jeepmodell "Geländewagen" von Mercedes, der in der höheren russischen Business-Elite ebenso wie unter den großen Mafiosi des Landes so populär ist. Diese beiden Gruppen kann man übrigens oft nicht unterscheiden. Das Modell war aus schwarzem Glas. Oben befand sich anstelle einer Luke ein Deckel. Das war eine Geschenkflasche mit hochwertigem Wodka.

Obwohl ich mir die Ausstellung genau angesehen habe, habe ich dort einen Wodka vermisst, der mir seit Jahren unvergesslich geblieben ist. Als ich einmal als Journalist in einer entfernten Region im Gouvernement Tula unterwegs war, fand ich mich in einem kleinen, beängstigend verfallenen Dorf wieder, dem vormals renommierten Kreiszentrum von Krapiwna. Der Ort wird erstmals im Vermächtnis des Moskauer Fürsten Dmitri Donskoj erwähnt, in dem er darauf zugunsten seiner Frau, der Fürstin Jewdokija, verzichtet. Schon damals, im 14. Jahrhundert, diente dieses Städtchen dem Schutz der Südgrenzen des Moskauer Fürstentums gegen die Tatarenangriffe der Goldenen Horde. Im Erlass der Zarin Katharina II. vom 8. März 1778, in dem die Wappen der Städte des Gouvernements Tula bestimmt werden, heißt es über das Wappen von Krapiwna: "Sechs Brennnesseln auf einem Goldfeld".[2] Im Alkoholladen empfahl die junge, gelangweilte Verkäuferin den zum Andenken an Katharina hergestellten Wodka: "Nehmen Sie eine Starke Katja!" Und in dem Wunsch, zu demonstrieren, dass die Menschen in der Provinz durchaus auf der Höhe der Zeit sind, setzte sie hinzu: "Das ist unsere Marke - unser 'Brand'!"

Das Wodka-Sortiment in Provinzläden ist, anders als in der Hauptstadt oder den Großstädten, natürlich nicht groß, drei bis vier Sorten. Neben dem Wodka "Katharina die Große. Stark" stand einer mit der seltsamen literarischen Bezeichnung "Was tun?" und ein anderer Wodka mit der ebenso literarischen Bezeichnung "Lewscha" (Linkshänder) in der Vitrine. In der richtigen Annahme, dass nach dem Genuss von "Was tun?" im Kopf zwangsläufig die andere ewige russische Frage "Wer ist schuld?" auftaucht, und man nach dem Wodka "Lewscha" zwangsläufig jemanden beschlagen will, folgte ich dem Rat der Verkäuferin.[3]

Die "Starke Katja" wollte ich in angenehmer Gesellschaft an einem Feldrand auf dem Gut des großen Lew Tolstoj, Jasnaja Poljana, leeren, wohin ich mich von Krapiwna aus begab. Die grelle Sonne verschwand hinter dem Horizont. Auf einer aufgeschlagenen Zeitung waren Salzgurken, Kochwurst, Schwarzbrot, Salz und eine in große Stücke geschnittene Knollenzwiebel ausgebreitet. Alles sehr russisch, nur die "Fanta"-Flasche brachte eine globale, die Tradition zerstörende Note hinein. Die "Starke Katja" zu trinken war äußerst schwer. Der Geschmack erinnerte an ein Pflanzenschutzmittel. Es endete damit, dass jemand aus der Tasche den seit Generationen bewährten "Stolitschnaja" zutage förderte.

Die Maßstäbe und Kriterien des Alltags warten noch auf ihren tiefgründigen Erforscher. Für diese Rolle, zumindest was den Alkohol betrifft, wäre Wenedikt Jerofejew ideal. Natürlich sind die Zeiten der Cocktails "Die Träne der Komsomolzin" und "Hundeeingeweide" vorbei, ebenso, wie man nicht mehr in ein Bahnhofsbuffet gehen und einen "Jeres" verlangen kann.[4] Aber es ist bezeichnend, dass auf der ersten Ausgabe von "Moskau-Petuschki" zu Jerofejews Lebzeiten nach seinem Willen der Preis "drei Rubel, 62 Kopeken" stand: der Preis für eben jene berühmte "Flasche", der "Flasche" der Vergangenheit. Es scheint, die alten Kriterien des Alltags üben auf gewisse Weise Einfluss selbst auf jene aus, die Glück oder Leid nie nach "Flaschen" bemessen haben.


Fußnoten

1.
Übersetzung aus dem Russischen: Vera Ammer, Euskirchen.
2.
Brennessel: russ. Krapiwa (A. d. Ü.).
3.
"Was tun": Roman (1863) von Dmitrij Tschernyschewskij sowie eine bekannte Schrift Lenins (1902). "Lewscha" - Erzählung (1881) von Leskow, in der ein Schmied, der Linkshänder ist, einem stählernen Floh die Hufe beschlägt. "Wer ist schuld" - Roman (1847) von Alexander Herzen (A. d. Ü.).
4.
Anspielungen auf Wenedikt Jerofejews "Moskau-Petuschki. Ein Poem" (Zürich 2005, in der Übersetzung von Peter Urban) (A. d. Ü.).

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